Interview

»Für viele brach eine Welt zusammen«

Daniel Donskoy (32) wurde in Moskau geboren. Seine Mutter stammt aus der Ukraine, sein Vater ist Russe. Foto: Maximilian König

Herr Donskoy, Ihre Mutter stammt aus der Ukraine, Ihr Vater ist Russe. Sie selbst sind in Moskau geboren, kamen aber bereits als Kleinkind nach Deutschland. Was macht dieser Krieg aktuell dann mit einem?
Wenn man als Jude in Deutschland aufgewachsen ist oder einige Jahre in Israel gelebt hat, gibt es eine gewisse Übung im Umgang mit extremen Situationen. Doch der aktuelle Konflikt hat eine andere Dimension. Zum einen, weil wir das erste Mal quasi live über Social Media wirklich alles mitverfolgen können, zum anderen schockiert die ungezügelte Gewalt gegen die ukrainische Zivilbevölkerung.

Wie gehen Sie persönlich damit um?
Mir persönlich ist es sehr wichtig, Solidarität mit den Menschen in der Ukraine zu zeigen und Hilfe zu mobilisieren. Gleichzeitig plädiere ich dafür, die Brücken zur russischen Bevölkerung nicht ganz abzureißen.

Warum?
Wir müssen auf kultureller Ebene mit den Menschen auf jeden Fall in Verbindung bleiben – allein schon deshalb, um nicht den Moment zu verpassen, sie zu unterstützen, sollte das Putin-Regime ins Wanken geraten.

Haben Sie damit gerechnet, dass Wladimir Putin eine militärische Invasion startet, oder war das auch für Sie eine Überraschung?
Ich hatte noch vor wenigen Wochen, also kurz vor Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine, einen Drehtermin in der Region nahe Smolensk. Da konnte man sehen, dass ungewöhnlich viel Militär unterwegs war. Nur fällt es einem in dem Moment schwer zu glauben, dass dieses dann auch zum Einsatz kommt. Doch eigentlich war die Invasion keine Überraschung. Wer genau zugehört hat, was Putin oder sein ideologischer Vordenker Alexander Dugin all die Jahre zuvor gesagt und geschrieben hatten, konnte eine Ahnung davon haben, was passieren sollte.

Was heißt das konkret?
Man muss Diktatoren wie Putin oder den Mullahs im Iran immer auch glauben, was sie sagen. Sie kündigen ihre Verbrechen ja stets unverblümt an. In unserer manchmal gutgläubigen Welt ist das Gespür dafür leider verloren gegangen.

Rund 90 Prozent aller Juden in Deutschland haben einen postsowjetischen Hintergrund. Inwieweit haben die Ereignisse Einfluss auf die hiesige jüdische Gemeinschaft?
Ich kann nur Beispiele aus meiner Familie nennen. Als Erstes hörten meine Großeltern auf, russisches Fernsehen zu schauen. Für viele brach einfach eine Welt zusammen, und zwar die, die sie von früher kannten. Das Dorf oder die Stadt, aus der man kam oder wo noch Freunde und Angehörige leben, wird bombardiert und besetzt. Schoa-Überlebende müssen jetzt in Bunkern ausharren, werden sogar wie Boris Roman­tschenko in Charkiw im Bombenhagel getötet. Das ist einfach unvorstellbar.

Sie selbst sind auf Social Media wie Twitter und Instagram aktiv. Was hat sich da in den vergangenen Wochen geändert?
Ich habe zahlreiche Follower, auch in Russland, und versuche, ihnen aufzuzeigen, was da gerade in der Ukraine geschieht. Viele sind dankbar, weil so die russische Medienblockade ein wenig durchbrochen wird. Es gibt reichlich Zuspruch. Manchmal jedoch auch das Gegenteil, und man schreibt, dass man mich und meine Familie in Buchenwald hätte besser verbrennen sollen. Das ist aber nichts spezifisch Russisches, sondern war auch nach manchen »Freitagnacht Jews«-Sendungen hierzulande zu hören. Schön ist es nicht, aber man kann es aushalten.

Mit »Net Vojne«, zu Deutsch: »Nein zum Krieg«, haben Sie einen Song geschrieben, der sich gegen die Kriegspropaganda Putins richtet. Wie war die Resonanz darauf?
Es war mein Versuch, in einer Zeit, in der viele Gespräche nicht mehr möglich sind, Menschen in Russland zu unterstützen, die sich gegen den Krieg stellen. Auf manchen russischen Seiten wurde der Song nach wenigen Minuten bereits blockiert. Wer als Russe das Stück trotzdem, beispielsweise auf seinem Instagram-Account, postet, muss viel Mut aufbringen, weil er sich bereits so in Gefahr bringt, Ärger mit den Behörden zu bekommen. Wenn ein Mensch in Russland diesen Song streamt, spendet er quasi aktiv an Geflüchtete in der Ukraine. Alle Einnahmen gehen an ukrainische Geflüchtete.

Anderes Thema: Im April gehen Sie mit einer vierteiligen Podcastserie unter dem Titel »Freitagnacht Jews – der Podcast« an den Start. Was wird anders als in dem TV-Talkformat sein?
Wir entwickeln den aus dem TV-Talkformat bekannten roten Faden weiter, wollen also mit Ironie und Sarkasmus, aber auch mit Chuzpe und ein wenig Boshaftigkeit die Fragen ansprechen, die für uns alle relevant sind, wie gewohnt aus einer jüdischen modernen Perspektive. Oder anders ausgedrückt, wir fragen: Was sind eigentlich die großen Judenthemen unserer Zeit? Damit wollen wir unsere Gäste konfrontieren.

Wie sieht das inhaltlich aus?
Wir fragen ganz offen, was das Festjahr »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« überhaupt gebracht hat. Ob die Bilanz nicht doch etwas nüchterner ausfallen sollte, weil in dieser Zeit der Antisemitismus eher zu- als abgenommen hat. Wie neurotisch ist Deutschland, wenn es um Jüdinnen und Juden geht, und was für eine Rolle spielen die Medien dabei, wenn diskutiert wird, ob ein Jude lügt oder nicht – über Stern oder Identität … und noch mehr, wer ist eigentlich Antisemit? Mal betreiben wir Investigativrecherche, mal ist das Ganze wie ein Hörspiel.

Wer wird alles dazu eingeladen?
Unter anderem haben wir mit dem zweiten Chefredakteur der »tagesschau«, Helge Fuhst, oder dem Chefredakteur der »Frankfurter Rundschau«, Thomas Kaspar, darüber gesprochen, warum es Schlagzeilen wie »Israelischer Polizist erschießt Palästinenser auf dem Tempelberg« gibt, die jeglichen Kontext ausblenden oder eine Täter-Opfer-Umkehr betreiben. Oder wieso gerne mal von »Hamas-Aktivisten« die Rede ist, obwohl es sich eindeutig um Mörder mit einer antisemitischen Ideologie und Vernichtungsfantasien handelt? Aber auch Marina Weisband, der Autor und Pädagoge Burak Yilmaz oder der Antisemitismusbeauftragte von Berlin, Samuel Salzborn, Laura Cazés, Mirna Funk und Max Czollek sind dabei.

Bereits der Titel des TV-Talkformats »Freitagnacht Jews« verwendete den englischen Begriff statt dem deutschen Wort »Jude«. Ist das bereits ein Hinweis, wie schwierig in Deutschland das Gespräch über Jüdischsein immer noch ist?
Die Schwierigkeit, über jüdische Themen in einem nicht negativ konnotierten Kontext zu sprechen, war uns von Anfang an klar. Deshalb auch das englische Jews, wir wollten entsprechende Reaktionen provozieren. Unser Podcast soll den Finger in eine chronische Wunde legen, und ich bin überzeugt, dass es viele zum Nachdenken anregen wird.

Mit dem Schauspieler, Regisseur, Theaterproduzenten und Musiker sprach Ralf Balke. Am 1. April startet Daniel Donskoys vierteilige Serie »Freitagnacht Jews – der Podcast«.

Barrie Kosky

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