Erinnerung

Früher Start, später Ruhm

»Man kann auch in der Fremde zu Hause sein«, war das Lebensmotto des Emigranten Keilson. Foto: getty

Erinnerung

Früher Start, später Ruhm

Das Jahrhundertleben des verstorbenen Schriftstellers und Psychologen Hans Keils

von Wolf Scheller  06.06.2011 11:47 Uhr

Vor ein paar Jahren besuchte Hans Keilson, Schriftsteller und Psychologe, für eine Filmdokumentation über sein Leben seinen Geburtsort Bad Freienwalde an der Oder, zum ersten Mal seit seiner Flucht aus Deutschland 1936.

Von seinen jüdischen Freunden aus der Schulzeit war keiner mehr da. Wo einst die Synagoge stand, hatte man zu DDR-Zeiten Garagen aufgestellt. Seine Geburtsstadt verlieh Keilson noch rasch die Ehrenbürgerschaft, und verschämt registrierten einige Festgäste, dass es da noch einen anderen Ehrenbürger in Bad Freienwalde gab: Adolf Hitler.

Den hatte man vergessen. Keilson meinte nur lakonisch »Man kann auch in der Fremde zu Hause sein«, und ging wieder nach Holland zurück, nach Bussum bei Amsterdam, wo er vor fast 7o Jahren Zuflucht gefunden hatte. In seinem Exilland ist Keilson vergangene Woche im Alter von 101 Jahren gestorben, ein Überlebender, für den die Aufforderung des Exil-Schriftstellers Hans Sahl galt: »Wir sind die Letzten. Fragt uns aus!«

debüt Hans Keilson entstammte einer ebenso jüdisch-orthodoxen wie deutsch-patriotischen Familie. So etwas gab es damals. Der Vater, Kaufmann von Beruf, war als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg hochdekoriert worden. Der Sohn ging nach dem Abitur nach Berlin, studierte Medizin und Sport an der Preußischen Hochschule für Leibesübungen in Spandau.

Sein Geld verdiente er als Geiger und Trompeter in Cafés und Varietés. Oskar Loerke, damals ein hoch angesehener, heute fast vergessener Autor, notierte Anfang 1933 in sein Tagebuch: »K. ist Sportlehrer, Medizin im 1o. Semester, Musikant auf Trompete, Geige, Harmonika. Imponierend, wie sich junge Leute dieser Art durchschlagen.« Loerke war der Erste, dem der junge Keilson ein Manuskript zur Begutachtung vorlegte. Es erschien als Roman unter dem Titel Das Leben geht weiter im S. Fischer Verlag. Das war 1933.

Der Roman wurde kurz nach seinem Erscheinen von den neuen Machthabern verboten. Der Autor war Jude, und im Buch geht es unter anderem um den Opportunismus einer ganzen Stadt, die sich ohne größeren Zwang an die Nazis ausliefert. Keilson erzählt vom Leben eines kleinen Selbstständigen in dieser brandenburgischen Kreisstadt, vom ökonomischen und sozialen Niedergang eines Ladenbesitzers und seiner Familie.

Die Sprache ist unspektakulär, vermeidet jedes Pathos. Die unprätentiöse Schilderung der ökonomischen und politischen Atmosphäre am Vorabend von Hitlers Machtergreifung zeugt von einer erstaunlichen Reife des damals erst 24-jährigen Autors, von einem geradezu klinischen Blick für die Verstörungen einer Zeit, die uns noch heute als unbegreiflich und düster erscheint.

Auffällig ist, dass in dem Roman die jüdische Identität des Verfassers kaum eine Rolle spielt. »Ich war damals dem verzwickten Thema der Assimilation und Emanzipation nicht gewachsen«, sagte Keilson später. »Ich hatte zwar eine bestimmte Meinung, war auch zionistisch orientiert, aber zugleich auch sehr deutsch.«

emigration Kurz nach Erscheinen seines Erstlingswerks bestand Keilson das ärztliche Staatsexamen, erhielt aber als Jude Berufsverbot. Statt als Arzt arbeitete er als Sportlehrer am jüdischen Landschulheim in Caputh bei Potsdam, später auch in Berlin an der Theodor-Herzl-Schule am Kaiserdamm und an der Jüdischen Mittelschule in der Großen Hamburger Straße.

Wie viele andere deutsche Juden glaubte Keilson damals noch, es werde mit dem braunen Spuk nicht allzu lange dauern. Seine nichtjüdische Frau Gertrud hatte ein besseres politisches Gespür. Sie ging 1935 in die Niederlande. 1936 folgte ihr Mann mit seinen Eltern.

Als im Mai 1940 die Deutschen sein Zufluchtsland besetzten, tauchte Keilson unter und arbeitete als »Dr. van der Linden« im Untergrund für die Widerstandsorganisation »Vrije groepen Amsterdam«. Seine Eltern konnte er nicht vor dem Zugriff der Besatzungsmacht retten. Sie wurden 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

kinderhilfe Nach der Befreiung gehörte Keilson zu den Gründern der Organisation Le-Ezrat Ha-Jeled (Hilfe für das Kind). Sie unterstützte jüdische Kinder und Jugendliche, die die KZs überlebt hatten, bei der schwierigen Wiedereingliederung in die Gesellschaft.

Das wurde Keilsons Lebensthema. Nachdem er von 1967 bis 1974 an der Kinderpsychologischen Universitätsklinik Amsterdam als Psychiater gearbeitet hatte, promovierte er als 70-Jähriger mit einer Langzeitstudie über Die sequenzielle Traumatisierung jüdischer Kriegswaisen.

In seinem deutschen Geburtsland war der Schriftsteller nach 1945 so gut wie vergessen. Erst in den späten 90er-Jahren wurde Keilson wiederentdeckt. 2005 brachte S. Fischer eine zweibändige Werkausgabe heraus.

Dort sind auch im April dieses Jahres Keilsons Erinnerungen Da steht mein Haus erschienen, seine erste Neuveröffentlichung nach jahrzehntelanger Schreibpause. Den schmalen Band beschließt ein Gespräch mit Heinrich Detering, in dem Keilson seinen Blick auf den inneren Zusammenhang von Literatur und Psychoanalyse erläutert: »Die Einsicht, dass man alles erzählen muss – dass dich das krank macht, was du verschweigst, was du auf deine Feinde projizierst –, diese Einsicht war Freuds große Leistung. Das ist meine Wahrheit. Sie hat auch etwas mit meinem literarischen Schreiben zu tun.«

Eröffnung

Ausstellung in Osnabrück beleuchtet Antisemitismus

2026 jährt sich das Ende der ersten jüdischen Gemeinde in Osnabrück zum 600. Mal. Mit einer Ausstellung erinnert das Museumsquartier an diese frühe Phase jüdischer Geschichte. Auch die Wurzeln des Antisemitismus werden sichtbar

 19.03.2026

Vladimir Vertlib

Ein Marrane als Leibarzt

Mit seinem Roman »Der Jude der Kaiserin« zeigt sich der österreichische Autor als Meister des historischen Genres

von Alexander Kluy  19.03.2026

Eurovision Song Contest

ORF will ESC-Sicherheitskonzept nicht verschärfen

Auch trotz des Krieges gegen den Iran sei strengere Sicherheitsauflagen nicht nötig, weil das Konzept bereits auf die Weltlage ausgelegt sei

 19.03.2026

Philosophie

Habermas, Israel und die Juden

Eine kritische Würdigung

von Frederek Musall  19.03.2026

Programm

Drei Chöre, 100 Synagogen und ein Unbezähmbarer: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 19. bis zum 26. März

 18.03.2026

Nachruf

Der die Debattenkultur formte

Jürgen Habermas prägte die Bundesrepublik, positionierte sich im »Historikerstreit«, setzte Begriffe und gab Orientierung. Zum Tod des großen Philosophen

von Johannes Heil  18.03.2026

Literatur

Als die Donau durch Kakanien floss

Zur Leipziger Buchmesse: Eine (jüdische) Vision für ein Europa der Regionen, Religionen und der Vielfalt

von Awi Blumenfeld  18.03.2026

Literatur

Gefühle und Zustände

Lena Gorelik schreibt über »Alle meine Mütter«

von Sharon Adler  18.03.2026

Sachbuch

Unter Gedächtnisbeton

Ines Geipel widmet sich in »Landschaft ohne Zeugen« der Rolle kommunistischer Häftlinge im KZ Buchenwald und der Nicht-Aufarbeitung in der DDR

von Steffen Alisch  18.03.2026