Ortstermin Essen

Friede, Freude, Trialog

Die Alte Synagoge Essen Foto: Alexandra Umbach

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Friede, Freude, Trialog

Wie kontrovers darf lokale jüdische Kulturarbeit sein?

von Stefan Laurin  01.11.2011 09:29 Uhr

Wie alle jüdischen Gotteshäuser in Deutschland hat auch die heutige Gedenkstätte Alte Synagoge in Essen eine Geschichte voller Gewalt und voller Brüche: 1913 eingeweiht von einer stolzen Gemeinde, wurde das Gotteshaus von den Nazis 1938 geschändet und der Innenraum schwer beschädigt. Den anschließenden Krieg überstand das Gebäude äußerlich nahezu unversehrt, wurde nach 1945 jedoch nicht mehr als Synagoge genutzt. Lange Jahre stand das Haus leer, wurde dann als Ausstellungsraum für Industriedesign zweckentfremdet.

streitbar 1980 wurde die Alte Synagoge zu einer Gedenkstätte umgewidmet. Ihre erste Leiterin, Angela Genger, folgte dem damaligen Zeitgeist: Gedenken war das Standbein der Einrichtung. Im Januar 1988 wurde Edna Brocke ihre Nachfolgerin. »Das ganze Haus wirkte bedrückend, alles war grau und schwer«, erinnert sie sich. »Die jüdische Geschichte wurde fast vollständig auf die zwölf Jahre Nazizeit reduziert. Juden waren beinahe ausschließlich Opfer, und jeder Besucher musste sich erdrückt fühlen.« Brocke wollte etwas anderes, ein Haus der jüdischen Kultur, in dem die Nazizeit zwar eine wichtige Rolle spielt, aber auch eines, in dem die Besucher den Reichtum und die Vielfalt, die Unterschiedlichkeit des jüdischen Lebens entdecken konnten. 1994 führte sie die monatlichen Donnerstagsgespräche ein, eine der spannendsten und kontroversesten Diskussionsreihen im gesamten Ruhrgebiet. Oft ging es dabei um die verschiedenen heutigen Formen des Antisemitismus. Dass dabei nicht allein der Antisemitismus von Rechts diskutiert wurde, sondern auch der Judenhass in der Linken, bei den Anthroposophen oder den Muslimen, störte viele in Essen. Doch die Nichte von Hannah Arendt und Ex-Offizierin der israelischen Armee erwies sich als streitbar und hartnäckig.

2010, kurz vor ihrem Abschied in den Ruhestand, setzte Edna Brocke ein letztes Zeichen: den Umbau der Alten Synagoge zu einem Haus der jüdischen Kultur. Aus dem grauen und bedrückenden Bau wurde ein lichtes, offenes Gebäude. Im Inneren findet sich nun eine Ausstellung, die das jüdische Leben von seinen Anfängen bis in die Gegenwart zeigt, Popstars wie Paul Newman und Amy Winehouse inklusive.

eingeknickt? Inzwischen amtiert als Nachfolger Brockes der Schweizer Robert Uri Kaufmann. Der Grund für seine Berufung, so mutmaßen manche, sei die Hoffnung der Stadt gewesen, die Alte Synagoge werde künftig ein weniger streitbares Programm präsentieren. Bestätigt fühlen konnten die Kritiker sich durch den »Fall Noll«. Der deutsch-israelische Schriftsteller und Publizist Chaim Noll hatte im Mai in der Alten Synagoge mit einem Vortrag über islamischen Antisemitismus für Proteste von Verbänden der Essener Muslime gesorgt. Oberbürgermeister Reinhard Paß bekundete dafür sein Verständnis, bevor er nach massiver Kritik widerwillig zurückruderte. Uri Kaufmann stieß ins selbe Horn. In einem Interview mit der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung erklärte der neue Leiter, Chaim Noll sei nicht des Arabischen mächtig und daher nicht kompetent, den Koran analytisch zu kritisieren. Noll kontert: »Er gibt vor, Genaueres über mich zu wissen, Details aus meinem Leben, was ich in Israel tue oder lasse, womit ich mich beschäftige, welche Sprachen ich gelernt habe und welche nicht – alles im Ton des Eingeweihten«, sagte er dieser Zeitung. »Da ich ihn aber gar nicht kenne und er in Wahrheit nichts über mich weiß, schrieb ich ihm, er solle das lassen – es ist Vorspiegelung falscher Tatsachen.«

gespräche Robert Uri Kaufmann selbst sagt, dass er sich in der Tradition von Edna Brocke sieht: »Die Arbeit der Alten Synagoge wird ohne Brüche weitergehen. Die Ausstellung wird nicht verändert, und die Donnerstagsgespräche werden kontrovers bleiben. Ich will der bisherigen Arbeit aber etwas hinzufügen, ich will nichts weglassen, aber uns breiter aufstellen.« Deshalb sucht der neue Leiter den Dialog mit allen Religionsgemeinschaften in Essen. Er hat nicht nur die jüdische Gemeinde besucht, sondern auch beim katholischen Bistum Essen vorbeigeschaut, war Gast beim Fastenbrechen der Muslime. »Ich will vor allem den muslimischen Jugendlichen zeigen, wie viel Nähe es zwischen Juden und Muslimen gibt. Viele wissen doch gar nichts über das Judentum.« Kaufmann möchte, dass sich die Alte Synagoge noch stärker als bislang um Jugendliche und Kinder kümmert; dafür will er auch Unterrichtsmaterial zum Thema Judentum zusammenstellen.

Der Schweizer tritt ein schweres Erbe an. Edna Brockes Fußspuren sind groß. Sie hat die Alte Synagoge zu einem offenen Diskussionsort entwickelt und hielt jedem Druck aus der Politik stand. Ihr Nachfolger wird zeigen müssen, ob es ihm gelingt, die Bedeutung der Institution zu erhalten, oder ob die Essener Einrichtung zu einem der vielen lokalen Kulturinstitute des Ruhrgebiets wird, die nicht über die eigenen Stadtgrenzen hinaus wahrgenommen werden.

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