Netflix

Familienaufstellung im Stream

James Lort (r.) als Shia LaBeouf Foto: imago images/ZUMA Press

Manche machen eine Familienaufstellung, um sich innerfamiliären Problemen zu stellen, andere suchen sich einen Analytiker. Shia LaBeouf verarbeitet, so die Hintergrundgeschichte zu Honey Boy, eine während seiner Entzugskur entstandene schriftliche Übung zu einem Drehbuch.

Es hat etwas von einer kinematografischen Familienaufstellung: Der jüdische Schauspieler, der es neben seiner erfolgreichen Schauspielerkarriere mit Alkohol- und Drogeneskapaden und Ende 2020 mit Missbrauchsvorwürfen seiner beiden Ex-Partnerinnen Sia und FKA twigs (die in Honey Boy eine Nebenrolle spielt) in die Presse »geschafft« hat, schreibt ein Drehbuch über das schwierige Verhältnis zu seinem alkoholkranken Vater und schlüpft kurzerhand in dessen Rolle.

Im Film sehen wir ihn im Hippie-Look mit John-Lennon-Gedächtnis-Brille und langem Haar als abgehalfterten, zwischen Liebe, Wut und Exzess lavierenden Vater des kleinen Otis (Noah Jupe). Klein, aber oho, muss man ergänzen, denn Otis’ Schauspielkarriere läuft so gut, dass er seinen alten Herrn James trotz Hassliebe und Teilnahme an einem Big-Brothers-Big-Sisters-Mentoring-Programm mit ernährt.

MOTEL Die beiden hausen in einem wenig einladenden Motel, in dem sich auch Prostituierte verdingen. James, seines Zeichens Ex-Rodeo-Clown, Alkoholiker und verurteilter Sexualstraftäter, fährt den Jungen zu Aufnahmeterminen, versucht zwischendurch, ein Vater zu sein, ist meist aber ein Ekel, das sich etwa über den unmännlichen Pinkelstrahl seines Sohnes lustig macht.

Diese Kindheitserinnerungen, die einen Großteil des Films ausmachen, sind quasi der psychologische Nährboden. Honey Boy changiert erzählerisch zwischen dem zwölf- und dem Anfang 20-jährigen Otis (Lucas Hedges). Der führt das »Erbe« des Vaters weiter, leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung, rastet immer wieder aus, trinkt und nimmt Drogen. Nach einem Autounfall bleibt eine Entzugskur seine letzte Rettung vor dem Gefängnis.

Die Kindheitserinnerungen, die einen Großteil des Films ausmachen, sind quasi der psychologische Nährboden.

Der 2019 in Sundance uraufgeführte und nun bei Netflix zu findende Film ist ein Debüt im doppelten Sinne: für LaBeouf selbst als dessen erstes Kino-Drehbuch und für die israelisch-amerikanische Regisseurin Alma Har’el, die mit dem autobiografischen Drama ihr Spielfilmdebüt gibt.

Die 1976 in Tel Aviv geborene Regisseurin begann als Fotografin und machte als Videokünstlerin, vor allem durch ihre Arbeiten für die Bands Beirut und die isländischen Post-Rocker Sigur Rós, auf sich aufmerksam.

Mit Bombay Beach, einer eigensinnigen, musikalischen Mischung aus dokumentarischer Sozialstudie und spielfilmischer Poesie, reüssierte sie auf der Berlinale und wurde 2011 beim Tribeca Film Festival mit dem Hauptpreis für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet.

ZEITEBENEN Auch in Honey Boy verbindet die Regisseurin Sozialdrama mit filmischer Poe­sie zu einer nicht schöngefärbten, dabei durch und durch humanistischen Beziehungsaufarbeitung. Der Film verknüpft fluide, auch mithilfe des Soundtracks von Sigur-Rós-Sänger und Gitarrist Alex Somers, zwei Zeitebenen miteinander, lässt sie sich spiegeln und durchdringen als psychoanalytischer Bilderstrom.

Ein zentrales und konsequent durchgezogenes Motiv ist die Wechselwirkung zwischen Wirklichkeit und Film, Realität und Traum. Gleich in der ersten Szene sehen wir den älteren Otis in einer Actionszene, hinter ihm ein qualmendes Flugzeugwrack, Angst in seinen Augen, Explosionen. Dann schreit jemand »Cut« und markiert die Grenze zwischen Film im Film und Realität, die an vielen späteren Stellen fließend bleibt, etwa bei dem Unfall, den Otis im Alkohol- und Drogenrausch verursacht.

Ganz ohne narzisstische, selbstdarstellerische Grundtöne gelingt dem Debütanten-Duo mit Honey Boy eine künstlerische, ehrliche, so bittersüße wie traurige Charakterstudie mit Netz und doppeltem Boden. So düster vieles daherkommt, ist der Film doch durchzogen von einer großen Liebe: für einen kantigen, (selbst-)zerstörerischen Menschen und vor allem für das Kino, das – fernab der Wirklichkeit – Ort für Träume sein kann.

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  03.11.2026

Frankfurt am Main

Rote und blaue Fäden

Mit der Installation »A Sky Full of Hope« will die Künstlerin Janet Echelman globale Vernetzung sichtbar machen – und eckt in der Stadt damit an

von Eugen El  03.11.2026

Fernsehen

»Doitscha« erzählt vom Leben deutscher Juden nach dem 7. Oktober

Im Mittelpunkt der pointierten Tragikomödie steht eine Familie, in der unterschiedliche Identitäten, Ängste und Lebensentwürfe aufeinanderprallen

 03.11.2026

Frankfurt

Jüdische Akademie soll »Haus der Zukunft« sein

In der ersten Diskussionsrunde der neuen Jüdischen Akademie in Frankfurt stieß ein Wunsch angesichts von Antisemitismus und innerjüdischer Differenzen auf große Zustimmung: Die Akademie soll ein »Haus der Zukunft« sein

 03.11.2026

Kino und Literatur

»Holocaust im Film« - Eine Spurensuche von 1946 bis heute

Im November kommt der Essayfilm »Holofiction« ins Kino: Regisseur Michal Kosakowski untersucht die filmische Ikonografie des Holocaust. Zur Geschichte des Holocaust-Films gibt es auch schon das gleichnamige Sachbuch

von Marcus Stiglegger  03.11.2026

Lesen!

Existenzialistische Suchbewegungen

In Benjamin Steins »Tiferet« geht es um die letzten Dinge, um alles und nichts – und vor allem um Abschied und Verlust

von Tobias Prüwer  02.11.2026

Interview

»Gemeinsam nach der Wahrheit suchen«

Carlos Fraenkel, der neue Leiter des Potsdamer Einstein Forums, will unterschiedliche Denktraditionen miteinander ins Gespräch bringen – und die Philosophie stärker in der Gesellschaft verankern

von Ayala Goldmann  02.11.2026

Aufgegabelt

Frühstückskartoffeln

Rezepte und Leckeres

 02.11.2026

Sprachen

Neues Spanisch-Wörterbuch: »Jüdisch« bleibt ein Synonym für »geizig«

Die Real Academia Española weigert sich, einen argentinischen Richterspruch umzusetzen - auch in der Neuausgabe ihres Kompendiums der spanischen Sprache findet sich ein Beispiel für Alltagsantisemitismus

von Michael Thaidigsmann  02.11.2026