Musik

Extreme Nahaufnahmen

Hinter dem Album-Titel Ecartele des Komponisten Damian Marhulets tun sich komplexe Gedankenwelten auf. Gemeint ist damit nicht nur die im Mittelalter überaus beliebte Hinrichtungsart der Vierteilung, sondern der Titel spielt auch auf das »Quaternio« an, mit dem das Prinzip der Synchronizität erklärt werden kann. Gemeint ist damit aber auch, dass Marhulets seine Töne um vier Figuren herum organisiert hat: zunächst den Physiknobelpreisträger Wolfgang Pauli und den Freud-Schüler C. G. Jung, den Entdecker der Synchronizität. Pauli und Jung wurden im Laufe ihres Lebens zu Freunden, dabei hätten sie unterschiedlicher nicht sein können.

Neben diesen beiden Koryphäen thematisiert Marhulets die junge Therapeutin Erna Rosenbaum, die Pauli im Auftrag von C. G. Jung psychoanalytisch behandelte, sowie den Astronomen Johannes Kepler. Das klingt nach einem gewaltigen Überbau für das Album – doch glücklicherweise steht die Auseinandersetzung mit den vier sich kreuzenden Lebenswegen der Schönheit von Marhulets’ Musik nicht im Wege.

Komplex Im Gegenteil: Die 14 Stücke sind überaus filigran und delikat konzipiert; ein wahres Abenteuer, in das sich der Hörer begibt. Der analog gespielten Klavier- und Streichermusik stellt Marhulets die von ihm produzierte elektronische Musik gegenüber: eine Art Verfeinerungstechnik, die dazu führt, dass der Hörer auf eine Vielzahl feinster klanglicher Nuancen und Details stößt. Und so wird diese Musik, die zunächst ganz simpel wirkt, hochkomplex und dem anspruchsvollen Thema durchaus angemessen.

Marhulets weiß genau, was er tut, schließlich macht er schon sein ganzes Leben lang Musik. »Ich habe mit vier Jahren angefangen, Musik als Teil dieser russischen Wunderkinder-Bewegung zu spielen. Ich bin in Minsk auf eine Schule gegangen, bei der die Kinder alle schon wussten, dass sie eines Tages Profimusiker werden. Wir alle spielten zehn Stunden pro Tag.«

Im Jahr 2000 kam er nach Deutschland, um in Hannover Oboe zu studieren. Nach einer längeren Krise wies ihm erst die Auseinandersetzung mit der Radical Jewish Culture von John Zorn den Weg in die Musik zurück. Seitdem macht er auch hierzulande, was er am besten kann: schlaue, feingeistige Musik.

Damian Marhulets: »Ecartele«. Neue Meister (Edel) 2017

Meinung

Die Juden waren’s!

Claudia Roth und die jüdische Lobby: Eine kleine Chronik der Unschuld

von Andreas Büttner  06.11.2026

Nachruf

Eine Welt voller Wärme

Die jüdische Kinderbuchautorin Myriam Halberstam nimmt Abschied von Janosch, dem Vater von Tiger, Bär und Tigerente

von Myriam Halberstam  06.11.2026

Fernsehen

Biedere Bürgerlichkeit und organisierter Massenmord

Das ZDF zeigt den Oscar-prämierten Spielfilm »The Zone of Interest« über den KZ-Kommandanten Rudolf Höß, der mit seiner Familie unmittelbar neben dem Vernichtungslager Auschwitz lebte

von Josef Lederle  06.11.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  06.11.2026

TV-Tipp

Viele Jahre bis zum großen »Hallelujah«: Arte zeigt Porträt von Leonard Cohen zum zehnten Todestag

Es ist wohl das bekannteste Lied des kanadischen Sängers Leonard Cohen. Und so steht »Hallelujah« auch im Zentrum eines so unterhaltsamen wie inspirierenden Porträts über den legendären Sänger

von Jan Lehr  06.11.2026

Hintergrund

Claudia Roth und der »unfassbare Druck vom Zentralrat«

Die Ex-Kulturstaatsministerin bezeichnet es als »totalen Fehler«, auf der Berlinale Regisseure wegen ihrer israelfeindlichen Aussagen kritisiert zu haben und sucht dafür die Schuld beim Zentralrat der Juden

von Michael Thaidigsmann  05.11.2026

Interview

»Ich bin von Natur aus kein glücklicher Mensch«

Die Schriftstellerin Nele Pollatschek verrät im Gespräch zu ihrem neuen Buch, wie sie gelernt hat, das Leben bewusster und positiver wahrzunehmen – ohne die Augen vor dem Leid der Welt zu verschließen

von Katrin Richter  05.11.2026

Kulturkolumnne

Bis 120 oder Wie wir doch noch zu Muskeljuden werden

In der heutigen Zeit ziehen körperliche Optimierungstrends nicht spurlos an uns vorbei. Sollen wir uns davon beherrschen lassen?

von Laura Cazés  05.11.2026

Kino

Im Angesicht der Schmerzen, der Angst und Scham

»Block 10« beleuchtet die medizinischen Experimente an Frauen in Auschwitz – und versteht sich auch als eine Antwort auf die Gegenwart

von Chris Schinke  05.11.2026