Interview

Sebastian Koch: »Etty Hillesum war ihrer Zeit voraus«

Der Schauspieler Sebastian Koch Foto: picture alliance/dpa

Herr Koch, an welchem Film-Projekt arbeiten Sie gerade?
Ich arbeite momentan an einer abgeschlossenen sechsteiligen Serie, die die Geschichte, der in Auschwitz ermordeten, jüdischen Intellektuellen Etty Hillesum erzählt. Diese niederländisch-russische junge Frau lebte in den 1940er Jahren in Amsterdam und schrieb großartige Tagebücher und Briefe. Sie war ihrer Zeit voraus und wendet sich in ihrer Existenznot verschiedenen Glaubensfragen zu. Meine Rolle ist die ihres Psychotherapeuten, der wesentlichen Einfluss auf ihr Leben hatte, sie sozusagen erweckte und in ihre Mitte führte.

Neben Dreharbeiten treten Sie auch auf Bühnen auf, zum Beispiel im Januar in Bonn. Unterscheiden sich Film- und Fernsehproduktion für Sie vom Theater?
Naja, ich komme sozusagen vom Theater. Ich habe zehn Jahre ausschließlich Theater gespielt. Wenn man das einmal erlebt hat, dann will man auch immer wieder diesen direkten Dialog mit dem Publikum. Das fehlt beim Drehen, das ist einfach etwas Wunderschönes.

Anfang Januar zeigen Sie zusammen mit dem Violinisten Daniel Hope »Paradies« im Theater Bonn. Passen Utopie und die Vorstellung einer idealen Welt gerade in die Zeit?
Ja, das wird natürlich immer aktueller, je größer die Sehnsucht nach solch einem Ort ist. Was mich interessiert hat, ist, dass fast jeder Mensch einen emotionalen Bezug zu dem Begriff Paradies hat. Und genau das wollte ich erforschen. Ich habe mal gelernt, dass das Paradies ein Ort der Perfektion war. Dann kam der Sündenfall und das Einssein wurde gebrochen. Über die Erkenntnis muss man sich dann dort wieder hinarbeiten, dies war mein Bild vom Paradies.

Das hört sich nach einem biblisch-religiösen Kontext an. Welche Bedeutung hat Religion für Sie, gehören Sie selbst einer Konfession an?
Ja, ich bin sehr protestantisch aufgewachsen, sogar methodistisch. Das ist ein bisschen strenger als die evangelische Kirche. Nach und nach habe ich das alles hinter mir gelassen, bin aber immer noch ein sehr gläubiger und spiritueller Mensch, der an Gott und an das Göttliche glaubt.

Im Stück kommen Texte aus dem Koran und aus der Bibel vor. Ist das für Sie spezieller, als etwa aus einem philosophischen Text zu lesen?
Nein. Was ich versucht habe, war eine Zusammenstellung verschiedener Texte. Vom Urknall aus kommt es zur Schöpfung und zum Paradies. Der Mensch wird dort hineingesetzt. Es kommt zum Sündenfall und der Flucht aus dem Paradies. Dann schlagen wir einen Bogen zu den Flüchtlingen heute: Wir leben in einer Zeit, in der es so viele Flüchtlinge wie noch nie auf dieser Erde gibt. Dazu passt ein großartiger Text von Elfriede Jelinek. Schritt für Schritt tasten wir uns immer näher an das Heute heran.

Das Theater Bonn erklärt, dass Daniel Hope ein »südafrikanisch-irischer Katholik mit protestantischer sowie jüdischer Verschmelzung« sei. Wie war die Zusammenarbeit mit ihm?
Daniel Hope hat eine unglaublich schöne und inspirierende Musik ausgesucht. Er ist ein großer Virtuose und ein wunderbarer Mensch, ich arbeite sehr gerne mit ihm zusammen. Es gibt Texte, die schwierig sind und viel Konzentration bedürfen. Dann braucht man eine Musik, die dies erklärt oder begleitet. Die Musik bietet immer eine gewisse Möglichkeit, die Texte Revue passieren zu lassen und darüber nachzudenken. Das funktioniert wunderbar, und vor allem macht es viel Spaß, weil wir auch auf der Bühne immer im Dialog sind.

Gibt es einen Lieblingstext an dem Abend, der Ihnen besonders viel sagt?
Ah, schwierige Frage. Nein und doch. Alle Texte sind unglaublich schön und poetisch. Gut, der erste, sehr alte Text ist schon sehr besonders. Er beschreibt in einer unfassbar schönen Form, die Entstehung des Universums. Als es noch keine Nacht gab, keinen Tag und keine Sterblichkeit. Durch den Urknall entsteht dann »alles«. Das alles ist mit wenigen Worten spektakulär schön beschrieben.

Ein anderer Text, den ich auch sehr besonders finde, ist Stefan Zweigs »Heroischer Augenblick«, ein Gedicht über die Begnadigung Dostojewskis, die so gut erzählt ist, dass man völlig im Bann dieser Geschichte des Geschehen erlebt - wie eine Nahtoderfahrung, so präzise und fein beschrieben, die einen erschaudern lässt.

Wie würden Sie die Stimmung der Aufführung beschreiben?
Daniel Hope und ich begleiten das Publikum auf einer Reise hin zum Paradies. Teils in ernsthafter Stimmung, weil die Texte romantisch und intellektuell sind. Aber auch immer wieder verbunden mit viel Humor.

Muttertag

Moja Mama!

Die jiddische Mamme ist Motiv in etlichen Witzen. Dabei ist sie ist so viel mehr. Eine Würdigung aus der Perspektive eines Sohnes

von Jan Feldmann  08.05.2026

Kulturkolumne

Heißt David demnächst »Dschihad«?

Warum Michelangelo heute nie den Goldenen Löwen der Kunstbiennale-Jury von Venedig bekommen hätte

von Ayala Goldmann  08.05.2026

Meinung

LMU München: Ein Abschiedsbrief an meine geliebte Alma Mater

Ein Liebesbrief aus Enttäuschung an eine Universität, die sich selbst zu verlieren droht

von Guy Katz  08.05.2026

Meinung

Warum Erwin Rommel kein Vorbild für die Bundeswehr sein kann

Der Mythos vom ritterlichen »Wüstenfuchs« überlagert bis heute die wahre Geschichte hinter dem Nazi-General. Umso dringender ist eine Beschäftigung mit seiner Biografie

von Benjamin Ortmeyer  07.05.2026

Kino

Historiendrama: »Andor Hirsch« - Ein jüdischer Junge im Nachkriegs-Ungarn

»Andor Hirsch« ist ein Historiendrama um einen jüdischen Jungen, der im Ungarn der 1950er Jahre mitten in den Nachwehen des gescheiterten Volksaufstands in eine Identitätskrise gerät - als er erfährt, wer sein Vater ist

von Kira Taszman  07.05.2026

Zahl der Woche

60 bis 75 Minuten

Fun Facts und Wissenswertes

 07.05.2026

Satire

Wie die Jüdische Allgemeine in 80 Jahren entsteht

Die KI braucht keinen Urlaub und macht nie Fehler: Eine Vorausschau

von Ralf Balke  07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Presse

Laut und deutlich

Jüdische Zeitungen verstanden sich stets als Stimme ihrer Leserschaft. Daran hat sich auch in Deutschland bis heute wenig geändert

von Philipp Lenhard  07.05.2026