Waldheim-Affäre

»Es war ein jüdisches Coming-out«

Die österreichische Regisseurin Ruth Beckermann war bereits bei der Berlinale 2018 für ihren Dokumentarfilm »Waldheims Walzer« ausgezeichnet worden. Foto: Noise Film

Als die verschwiegene Vergangenheit des langjährigen UN-Generalsekretärs und österreichischen Präsidentschaftskandidaten Kurt Waldheim (1918–2007) ruchbar wurde, war die österreichische Filmemacherin Ruth Beckermann, Tochter von Überlebenden der Schoa, als politische Aktivistin mit ihrer Videokamera bei der Anti-Waldheim-Kampagne in Wien mit dabei. Ihr Material sichtete sie fast drei Jahrzehnte später erneut und ergänzte es mit Bildern aus internationalen Archiven. Entstanden ist daraus der Film Waldheims Walzer, der bei der Berlinale 2018 mit dem Glashütte Original-Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet wurde. Waldheim war 1986 zum österreichischen Präsidenten gewählt worden, verzichtete aber 1992 wegen der Debatte um seine NS-Vergangenheit auf eine erneute Kandidatur.

Frau Beckermann, in Österreich beschäftigt man sich mit dem Skandal um die Burschenschaft »Germania zu Wiener Neustadt« und die FPÖ, hier in Deutschland mit der AfD. Überrascht es Sie, dass Ihr Film so aktuell ist?
Es tut mir leid. Es ist furchtbar. Überraschend? In Österreich kommt das alle zehn Jahre wieder. Ich wollte den Film ja bereits 2013/14 machen, dann kam ein anderes Projekt dazwischen. Und jetzt ist er plötzlich so aktuell.

»Ich stehe hier vor Ihnen so gelassen, weil ich ein ruhiges Gewissen habe. Ich habe nichts anderes getan als Hunderttausende andere Österreicher auch«, sagt Kurt Waldheim in einem Ausschnitt. Stimmt das?
Damals war das die allgemeine Haltung, nur hat sie niemand geäußert. Der Tabubruch, den er begangen hat, war, zu sagen: Ich habe meine Pflicht in der deutschen Wehrmacht erfüllt. Die offizielle Sprachregelung war: Österreich war das erste Opfer der deutschen Nazis. Wir wurden in die Wehrmacht gezwungen. Jeder wusste, dass das eine Lüge ist. Die Waldheim-Affäre war der Wendepunkt in Österreich. Damals hat eine Zivilgesellschaft begonnen. Damals hat die Aufarbeitung dieser Zeit begonnen.

Warum hat das so lange gedauert?
Es gab die Möglichkeit, sich als Opfer darzustellen, und Österreich hat viel davon profitiert. Es musste keine Wiedergutmachung zahlen, sondern sofort kamen wieder die Touristen. Die Leute waren unschuldig. Ein kleines, nettes, schönes Land.

Die »österreichische Geschmeidigkeit«?
Genau. Sie haben keine Juden zurückgeholt. Sie haben nichts gezahlt. Sie haben nichts zurückgegeben. Auch die Sozialisten wollten ihre Juden nicht wieder zurückhaben. Alle waren froh, dass sie sie los waren.

Sie gehen sparsam, aber sehr gekonnt mit Kommentar um. An einer Stelle heißt es: »Für immer ist der Tod nun eingeschrieben in die Schönheit der polnischen Wälder.« Dieser Satz könnte Ihnen in Polen heute Probleme bereiten.
Ja, ich verstehe, was Sie meinen. Furchtbar. Aber gemeint habe ich natürlich die deutschen Lager in Polen. Es gibt ja immer ein bisschen Wahrheit in dieser Sache. Viel zu oft wird von den »polnischen Lagern« gesprochen. Auschwitz war ein deutsches Lager, kein polnisches. Die Polen wurden auch gequält – aber natürlich hat die polnische Regierung eine andere Agenda. Aber mir ging es um das Thema Natur und Unschuld. Auch der österreichische Heimatfilm in den 50er-Jahren hat ja dazu beigetragen, Österreich unschuldig darzustellen: die schönen Wälder und Rehe und die jungen Schauspielerinnen wie Romy Schneider, die damals 15 war. Das war die Zeit Waldheims, aber diese Zeit war vorbei. Er aber hatte das nicht verstanden, weil er zehn Jahre in New York war. So wie er konnte man nicht mehr daherreden. Er war unfähig, auch nur darüber zu lesen, was in Saloniki wirklich passiert ist. (Anmerkung der Redaktion: Kurt Waldheim war 1942/43 Mitglied im Generalstab der 12. Armee unter Generaloberst Alexander Löhr in Griechenland der Nähe von Saloniki. Die Deportationen der griechischen Juden aus Saloniki nach Auschwitz begannen im März 1943.) Das ist doch unfassbar von jemandem, der Generalsekretär der UNO war.

Das ist doch auch nicht glaubwürdig.

Aber ich glaube es. Er hat es wirklich nicht gewusst. Ich denke, er hat es blockiert.

Was wog denn schwerer – seine Vergangenheit oder dass er gelogen hatte?
Dass er gelogen hat. Er war ja kein wirklich ideologischer Nazi. Waldheim war ein Erzkonservativer, ein christlicher, vielleicht etwas antisemitischer Typ. Er war ja eigentlich vor allem ein Opportunist.

Es gibt einen Satz, bei dem wir sehr zusammengezuckt sind, da spricht Waldheim vom »Einfluss einer ganz kleinen, aber auf die Medien sehr einflussreichen Gruppe«. Antisemitismus pur?

Ja, total. Der Antisemitismus wurde von der ÖVP geschürt. Das macht den Film ja so aktuell. Damals war es der Antisemitismus. Jetzt ist es der Rassismus. Man kann mit solchen Ressentiments sehr gut Wahlen gewinnen. Trump hat ja auch mit dem Ressentiment die Wahl gewonnen.

Der Film beinhaltet viele erschreckende Szenen, aber eine ist besonders erschreckend. Da wird ein Mann auf offener Straße als »jüdische Drecksau« beschimpft, und die Menge stimmt zu. Wäre so etwas auch heute möglich?
Im Netz ja! Leute stehen ja nicht mehr auf der Straße, sondern sitzen vor Facebook. Im Netz ist das gang und gäbe.

Und auf der Straße? Wie würden die Wiener heute reagieren?

Na gut, diese Wiener, diese Generation gibt es ja nicht mehr. Im Moment sind Juden auch nicht mehr das Thema. Aber die können es wieder werden. Das Thema sind die Ausländer.

»Ich erinnere mich an meine widersprüchlichen Gefühle. In die Abscheu mischte sich ein Gefühl der Erleichterung, aufgestanden zu sein, nicht allein zu sein«, sagen Sie im Film. Es ist eine der wenigen, sehr persönlichen Stellen mit einem »Ich«.

Das mit dem Kreuz im Film ist auch ziemlich persönlich, weil mich das sehr berührt hat als Kind, dass ich immer hörte, die Juden haben Jesus getötet. Und im Klassenzimmer hing immer das Kreuz. Das ist noch heute so.

Und das Gefühl, nicht mehr allein zu sein, hat das bis heute angehalten?
Also, ich glaube, diese Waldheim-Affäre hat bei mir persönlich damals auch dazu geführt, dass ein Tabu aufgebrochen wurde. Es wurde zum ersten Mal von Juden als Opfern gesprochen. Das gab es in Österreich vorher nicht, weil ja die Österreicher selbst Opfer waren. Also konnten die Juden ja nicht die Opfer der Opfer sein. Das war eine absurde Situation. Die ist aufgebrochen.

War es wie ein »jüdisches Coming-out?«
Ja! Absolut! Ganz stark. Viele Leute haben damals zum ersten Mal geredet. Als Juden. Ich erinnere mich, wie meine Mutter immer im Kaffeehaus gesagt hat: »Rede jetzt nicht so laut! Die werden gleich sagen, da sitzen die Juden.« Man war sehr zurückgenommen. Das hat sich völlig verändert. Inzwischen ist das eine der selbstbewusstesten Gemeinden im deutschen Sprachraum.

Hat die Kampagne Waldheim geholfen oder geschadet?

Geholfen natürlich. Die ganze Kriegsgeneration hat ihn quer durch alle Parteien gewählt. Es gab einen Schulterschluss, Patriotismus pur. Es gab damals nur staatliche Medien. Auch die gesamte Presse stand hinter ihm. Es waren die böse Ostküste und die Juden und die bösen Amerikaner.

Wenn es ihm geholfen hat, war es dann vielleicht sogar ein Fehler, die Kampagne gemacht zu haben?
Nein. Weil es viel aufgebrochen hat, was sehr gut war. Das ist am Ende das Wichtigere. Und außerdem habe ich einen Film machen können.

Mit der Regisseurin sprachen Georg M. Hafner und Esther Schapira.

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