Interview

»Es gibt noch viele Schätze«

Raphaela Gromes (34) lebt in Feldafing. Foto: Gregor Hohenberg

Interview

»Es gibt noch viele Schätze«

Die Cellistin Raphaela Gromes über vergessene jüdische Komponistinnen wie Maria Herz und Ruth Schönthal

von Christine Schmitt  05.03.2026 13:47 Uhr

Frau Gromes, Sie sind eine gefeierte Cellistin. Nun haben Sie ein Buch über Komponistinnen geschrieben. Warum?
Weil ich das Gefühl hatte, dass noch viel zu viel Unwissen herrscht über diese fantastischen Frauen, die es durch all die Jahrhunderte hindurch gab und die bis heute noch nicht wirklich auf den Bühnen angekommen sind. In der Corona-Pandemie hatte ich Zeit, stürzte mich in die Recherche und studierte die Lebensgeschichten der Komponistinnen. Gemeinsam mit meinem Pianisten Julian Riem habe ich ihre Werke gespielt und war so begeistert von der Qualität – und gleichzeitig so schockiert, weil ich zuvor noch nie von ihnen gehört hatte. Mit meinem Publikum möchte ich die Biografien und die Musik teilen, vor allem jene Werke, die fürs Cello geschrieben wurden oder die mich besonders beeindruckt und berührt haben.

Mehrere Kapitel widmen sich ja den jüdischen Komponistinnen. Was unterscheidet sie von anderen Komponistinnen?
Nun ja, sie hatten es nicht nur schwer, weil sie Frauen waren, sondern sie waren auch dem Antisemitismus ausgesetzt. Das hatte natürlich gerade in der Nazizeit in Deutschland verheerende Auswirkungen. Werke jüdischer Komponisten wurden nicht mehr aufgeführt. Jüdische Komponistinnen waren doppelt marginalisiert, was wir oft übersehen.

Was verbirgt sich hinter dem Namen Albert Maria Herz?
Eine großartige Komponistin. Ich recherchierte für mein Album »Fortissima« und war noch auf der Suche nach dem Cellokonzert einer Komponistin. Und als ich glaubte, das Programm finalisiert zu haben, kam plötzlich eine Mail hereingeflattert von Albert Herz, dem Enkel. Er wollte mir seine Großmutter, Maria Herz, vorstellen, die ein fantastisches modernes Cellokonzert geschrieben habe. Ich war sofort begeistert von dieser dichten Musik und habe das Werk nicht nur auf die CD, sondern auch in mein Repertoire aufgenommen und spiele es jetzt häufig in Konzerten. Maria Herz (1878–1950) hat es nach dem Tod ihres Mannes komponiert, der Albert hieß. Dabei hatte sie als Witwe nicht nur ihre eigenen vier Kinder zu versorgen und aufzuziehen, sondern auch die ihres Bruders – insgesamt sechs Kinder.

Sie hat auch als Komponistin ein großes Werk hinterlassen?
Zunächst unter männlichem Pseudonym. Das haben viele Komponistinnen so gehandhabt, um Hürden zu vermeiden und Vorurteilen aus dem Weg zu gehen. Dies änderte sich für Herz erst nach einem von ihr initiierten Festival über Komponistinnen. Die Kritiker waren begeistert: Sie müsse sich nun nicht hinter dem Namen ihres Mannes verstecken, sondern könne mit Stolz zu ihrem Werk stehen. Maria Herz war eine der erfolgreichsten Komponistinnen ihrer Zeit, ihre Werke wurden unter anderem vom Gürzenich- Orchester uraufgeführt, und der Musikwissenschaftler Theodor Adorno widmete ihr sogar einen ganzen Vortrag.

Dann kamen die Nazis an die Macht. Sie wanderte 1935 erst nach Großbritannien aus, später in die USA. Wie erging es ihr dort?
Sie hat dort nicht weiter komponiert, sie verstummte. Im Grunde hat Nazideutschland sie um ihre Stimme gebracht. Viele Jahre nach ihrem Tod fand der Enkel auf dem Dachboden ihre Werke. Die Familie sprach nie darüber, dass sie Komponistin war. Dieser Teil ihres Lebens war tabu.

Sie widmen in Ihrem Buch auch Ruth Schönthal ein Kapitel, die trotz ihrer Flucht vor den Nazis weiter komponierte. Wie viele Werke sind von ihr überliefert?
Mehr als 130. Es sind fantastische Stücke mit einer ganz eigenen Klangsprache. Ruth Schönthal hat es – wie so viele andere Komponistinnen auch – geschafft, eine eigene, unverwechselbare künstlerische Identität zu finden. Schon als junges Mädchen galt sie als hochbegabt. Bereits mit fünf Jahren erhielt sie Unterricht am Stern‘schen Konservatorium in Berlin. Später wurde sie von den Nazis ausgewiesen und erlebte eine wirklich haarsträubende Flucht über Stockholm, Moskau und Japan nach Mexiko. Als Pianistin verdiente sie sich mit Auftritten in Nachtklubs ihren Lebensunterhalt. Paul Hindemith war so begeistert von ihr, dass er sie mit an die Yale University nahm. Sie studierte bei ihm – und wurde später in ihrem Berufsleben nicht mehr als Jüdin diskriminiert, sondern als Frau.

Wie kann man jüdische Komponistinnen sicht- und hörbarer machen?
Das ist die Frage aller Fragen. Ich glaube, einerseits ist es wichtig, dass wir Festivals zu Komponistinnen und zu der als »entartet« diffamierten Musik veranstalten. Wir dürfen dabei auch die zahlreichen jüdischen Komponisten nicht vergessen, die während der NS-Zeit verfolgt und ihrer Karriere beraubt wurden. Solche Formate schaffen Sichtbarkeit. Aber sie bergen auch eine Gefahr: Die Werke stehen unter einem thematischen Sonderetikett – und damit ist das Thema für viele wieder erledigt. Genau das reicht nicht. Entscheidend wäre, dass diese Musik selbstverständlich in regulären Konzertprogrammen erscheint. Dass bei Intendanten, Dirigenten sowie Musikerinnen und Musikern das Bewusstsein wächst, wie viel großartige Musik existiert, die kaum gespielt wird – nicht weil sie qualitativ unterlegen wäre, sondern weil sie historisch keine Chance hatte, sich durchzusetzen. Deshalb fehlt sie heute im Standardrepertoire. Wir sollten neugierig bleiben. Und ich wünsche mir eine offenere Programmgestaltung. Man kann ohne Weiteres einem bekannten Repertoirestück eine unbekannte Neu-Entdeckung gegenüberstellen. Gerade dieser Dialog macht Programme lebendig. Es ist künstlerisch reizvoller, auch die verborgenen Juwelen zu zeigen – und das Publikum weiß das sehr zu schätzen.

Werden Sie weiter nach jüdischen Komponistinnen suchen?
Ja, tatsächlich. Es gibt bestimmt noch viele Schätze. Gerade plane ich ein Projekt, bei dem ich mit dem Jerusalem Symphony Orchestra und dem Dirigenten Julian Rachlin »Schelomo« von Ernest Bloch (1880–1959) aufführen werde, das größte, bekannteste, wichtigste Cellokonzert eines jüdischen Komponisten. Es soll aber auch ein religionsübergreifendes Projekt werden. Da sind wir auf der Suche nach jüdischen, muslimischen und christlichen Komponistinnen und wollen dafür auch Kompositionsaufträge vergeben.

Mit der Solocellistin und Kammermusikerin sprach Christine Schmitt.
Raphaela Gromes: »Fortissima! Verdrängte Komponistinnen und wie sie meinen Blick auf die Welt verändern«. Goldmann, München 2025, 320 S., 24 €

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