»Shtisel«

Es geht weiter – Schkojech!

Im Gespräch mit Schwiegersohn Chanina (Yoav Rotman): Giti (Neta Riskin) und Ehemann Lippe (Zohar Strauss) in ihrem Restaurant

Sie sind zurück: Rabbi Shulem Shtisel und seine große Verwandtschaft, allen voran die erwachsenen Kinder Akiva, Giti und Zvi Arie mit ihren Familien. Millionen Zuschauer haben drei Jahre lang auf die dritte Staffel der Netflix-Serie Shtisel gewartet.

Nachdem sie Ende Dezember in Israel angelaufen ist, kann man sie seit zwei Wochen nun endlich auch hierzulande sehen – mit deutschen Untertiteln, was es einer immer größer werdenden Fangemeinde ermöglicht, den hebräischen und jiddischen Dialogen zu folgen.

Fans Man fragt sich, wie ausgerechnet eine Serie, die im ultraorthodoxen Milieu im Jerusalemer Stadtteil Ge’ula spielt, derart beliebt werden konnte – und das nicht nur in Deutschland, wo sich seit einigen Jahrzehnten viele Menschen für alles Jüdische interessieren, sondern vor allem in Israel und in Amerika. Dort musste die Polizei bei einem Besuch der Hauptdarsteller in New York gar die Sixth Avenue sperren, weil sich die Fans so sehr drängten.

In Israel hat der Kult inzwischen einen Namen: »Shtiselmania«. Wo Säkulare und Charedim in getrennten Welten nebeneinander leben, sich mitunter feindselig aus dem Weg gehen, hat es eine Serie geschafft, Interesse zu wecken – an einer Community, deren Angehörige man zwar an ihren Strejmeln und Scheiteln schon von Weitem erkennt, von deren Alltag und Familienleben viele aber nur vom Hörensagen wissen; und auch dann ist das, was man über sie erzählt und weitererzählt, in der Regel nichts Gutes.

Yehonatan Indursky, der gemeinsam mit Ori Elon das Drehbuch geschrieben hat, kennt die charedische Community von innen, denn er ist darin aufgewachsen. Dies mag einer der Gründe dafür sein, warum die Welt, die Shtisel zeigt, nicht nur auf säkulare und nichtjüdische Zuschauer authentisch wirkt, sondern selbst von Charedim (sofern sie Zugang zum Internet haben und die Serie sehen können) als weitestgehend realistisch empfunden wird. Der Blick in die verschlossene Welt der Ultraorthodoxie scheint also gelungen zu sein.

In Israel hat der Kult um die Serie inzwischen einen Namen: »Shtiselmania«.

Die Darsteller haben monatelang Jiddisch gepaukt und mit viel Akribie gelernt, sich wie Charedim zu bewegen. Doch nicht die Präzision besticht, sondern die Empathie. Shtisel zeigt eine fremde Lebensform, ohne sie vorzuführen oder anzuprangern und ohne auch nur ansatzweise in Klischees zu verfallen oder kitschig zu werden.

TURBULENZEN In den Jahren, in denen die Serie pausiert hat, sind die Helden älter geworden, und das Leben ist weitergegangen: Shulem Shtisels jüngster Sohn Akiva hat sich als Maler etabliert, das Res­taurant seiner Schwester Giti scheint gut zu laufen, deren Tochter Ruchami (grandios gespielt von Shira Haas) arbeitet als Sekretärin im Cheder ihres Großvaters, und für ihren Bruder Josele, der mit seinen 19 Jahren im besten heiratsfähigen Alter ist, wird über Menucha Königsberg ein passendes Match gesucht – was zu allerlei Turbulenzen führt.

Wie in der säkularen Welt geht es auch bei den Shtisels um Liebe, Hoffnung und Enttäuschung, um Vertrauen und Argwohn, Trauer, Freud und Neid. Und weil dort, wo Familie eine große Rolle spielt, Konflikte zwischen den Partnern und den Generationen nicht ausbleiben, wird der Zuschauer bei Familie Shtisel zum Zeugen all dessen.

Community Doch treten diese Konflikte in der charedischen Community lange nicht zutage, sondern schwelen unausgesprochen im Verborgenen. Der Freiraum des Einzelnen ist klein. Jeder ist von Anfang an gewohnt, sich zurückzunehmen und sich dem »großen Ganzen« unterzuordnen. Doch bekanntlich ist selbst in der charedischen Community nicht immer Gott das »große Ganze«, sondern hier und da klammert sich der Familienvater an diese Rolle.

Die Serie zeigt, dass die Krise des Mannes, von der in der säkularen Gesellschaft schon seit einigen Jahren die Rede ist, auch vor der ultraorthodoxen Welt nicht haltmacht. Das alte Rollenmodell wird brüchig und treibt die Männer in die Enge. So entspinnt sich im Lehrhaus ein Dialog zwischen Zvi Arie und seinem Lernpartner Zilberstein: »Sie hört nicht auf mich. Diese Frauen von heute. Es ist ein sehr großes Problem.« – »Wer ist der Mann im Haus? Du oder sie?« – »So einfach ist das nicht. Schließlich verdient sie den Lebensunterhalt.«

FEMINISMUS Genau dieser Umstand ist es, der dem Zuschauer toughe Frauen zeigt, die den Haushalt schmeißen, die Kinder erziehen, berufstätig sind und als Einzige in der Familie Geld nach Hause bringen. Sie fällen Entscheidungen, machen große Anschaffungen, ohne ihren Mann einzubeziehen, und denken insgeheim manchmal auch über Scheidung nach. Diesen subtilen subversiven Feminismus und noch viel mehr aus dem Leben der ultraorthodoxen Community zeigt Shtisel warmherzig und mit feinstem Humor.

Die Krise des Mannes erreicht nun auch die charedische Community.

Es ist wohltuend, dass die Serie kein Urteil fällt über das Leben der Charedim, sondern es dem Zuschauer selbst überlässt – ganz anders als in der Miniserie Unorthodox, die oft mit Shtisel verglichen wird.

Unorthodox gibt plakativ und allzu eindeutig vor, was weiß und was schwarz ist. Shtisel hingegen wahrt auf angenehme Art Distanz und zeigt die charedische Welt ausschließlich aus der Innenperspektive. Dies macht es zu einem Meisterwerk! Millionen Menschen warten nun auf die vierte Staffel.

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