Hochschule

Erstsemester mit 90 Jahren

Heinz Hesdörffer und Rektor Johannes Heil Foto: Philipp Rothe

»Doktoren ehrenhalber« gibt es viele. Ein »Student ehrenhalber« ist nun wirklich etwas Neues und kann sogar die größere Ehre bedeuten. So würdigte die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg (HfJS) zum Semesterauftakt den 90-jährigen Heinz Hesdörffer, der kurz zuvor auch zum »Abiturienten ehrenhalber« ernannt worden war. 70 Jahre nach dem Abitur seines Jahrgangs hatte ihm seine ehemalige Schule 2011 die Allgemeine Hochschulreife zuerkannt (mit Bestätigung des zuständigen Bildungsministeriums). Damit ist Hesdörffer, Deutschlands ältester Abiturient, zum Hochschulstudium berechtigt.

1938 wurde Hesdörffer, damals Klassenbester, der Schule verwiesen, weil er Jude ist. Dem »Gymnasium an der Stadtmauer« in seiner Geburtsstadt Bad Kreuznach kommt nun als einziger Schule deutschlandweit in 70 Jahren die Ehre zu, vergangenes Unrecht anerkannt zu haben und einen ehemaligen Schüler nachträglich das Klassenziel erreichen zu lassen. Für Heinz Hesdörffer ist das nicht nur etwas nachträglich Erreichtes; es ist Ansporn für Neues. Für ihn wie für jeden jungen Studenten bedeutet das Abitur, endlich studieren zu können. Genau das hatte er vor 70 Jahren auch vor. Aber es kam ja anders.

Applaus Bei seiner anrührenden Dankesrede in Heidelberg ließ er ohne Umschweife wissen, wie sehr er sich auf sein Studium freue. Er ließ jene Stationen Revue passieren, die in den zurückliegenden Jahrzehnten statt der beabsichtigten akademischen Karriere sein Leben bestimmten: Flucht mit einem Kindertransport nach Holland, Versteck und Verrat (vielen Anwesenden kamen die Parallelen zu Anne Frank in den Sinn) und anschließende Deportation. KZ, Zwangsarbeit, Todesmarsch. Auswanderung, Neubeginn. Existenzgründung aus dem Nichts. Hesdörffer wurde auch Familienvater. Sein Sohn hat nachgeholt, was ihm selbst verwehrt war: ein Studium, anschließend sogar bahnbrechende Leistungen in der medizinischen Forschung. Darauf ist Heinz Hesdörffer stolz. Seit 2006 ist er wieder in Deutschland, nunmehr als Bewohner des Altenheims der Budge-Stiftung in Frankfurt.

Bei seinen Ausführungen, voller Trauer und zugleich Zuversicht angesichts der frischen Immatrikulation vorgetragen, hielten die zum Festakt geladenen Gäste aus Universität, Politik und Gesellschaft sowie Rabbiner der Orthodoxen Rabbinerkonferenz während der Ansprache den Atem an. Die anwesenden Studenten der Hochschule spendeten stehenden Applaus für ihren Kommilitonen, der gut und gerne der eigene Großvater sein könnte.

Neubeginn Johannes Heil beglückwünschte den frisch gebackenen Studenten während des Festaktes zum Semesterbeginn. Es war zugleich auch ein Neubeginn für Heil, der nun offiziell als Rektor der Hochschule eingeführt wurde. (Bisher war er Erster Prorektor.) Und es war eine lebendige Brücke in die Zeit, als Jüdische Studien eine Blüte in Deutschland erlebten. Heil wies in seiner Festansprache darauf hin, dass die HfJS seit Langem den tot geglaubten akademischen und religiösen Faden der Wissenschaft des Judentums wiederaufgenommen hat.

Mit Hesdörffer und Heil stehen sich Tradition und Neubeginn gegenüber. Die beiden hatten sich in Frankfurt beim Neujahrsgottesdienst in der Synagoge der Budge-Stiftung kennengelernt. Zu Neujahr werden bekanntlich Rückschau und Ausschau gehalten. Die Idee, beides akademisch zu verbinden, lag auf der Hand. Immer wieder war bei der Veranstaltung zu hören: »Möge Heinz ein Langzeitstudent werden, der die nächsten 30 Jahre studiert – bis 120!« Und wünschten ihm für den Fall, dass er das Klassenziel früher erreichen sollte, schon jetzt ein herzliches »Masel tov«.

München

Simon Rattle bleibt bis 2033 Chef des BR-Symphonieorchesters

»Symphonischer Hoagascht« oder »Singen mit Sir Simon« hießen Projekte, die Sir Simon Rattle eingeführt hat. Die Arbeit mit dem Symphonieorchester des BR und seinem Chor sagt dem Chefdirigenten zu. Er hat nun verlängert

von Barbara Just  08.10.2026

Adania Shibli

Plattitüden in Romanform

Auch das zweite auf Deutsch erschienene Buch der palästinensischen Autorin weist einen holzschnittartigen Charakter auf

von Enno Stahl  08.10.2026

Prag

Spätes Debüt

Der Schriftsteller Eli Beneš gilt als bekannteste literarische Stimme der Juden in Tschechien. Sein Roman über einen Schoa-Überlebenden machte ihn zum preisgekrönten Autor. Eine Begegnung

von Kilian Kirchgeßner  08.10.2026

Literatur

»Es gibt zwei Seiten«

Zur Frankfurter Buchmesse ruft die israelische Autorin Orna Landau gegen den Boykott von Büchern auf: »Entscheidet euch für Wissen«

von Ayala Goldmann  08.10.2026

Literatur

Geistige Freiheit

Tschechien ist Ehrengast der Buchmesse. Unser Autor erinnert an die Zeit nach dem Prager Frühling, als Bücher in seiner Heimat als »Samisdat« im Untergrund erschienen

von Jan Faktor  08.10.2026

Nahost

Die Geschichte eines Krieges

Shahrzad Eden Osterer und Richard C. Schneider analysieren den Konflikt zwischen Israel und Iran – und die Rolle der involvierten Proxy-Armeen

von Eva M. Grünewald  08.10.2026

7. Oktober

Maxim Biller und die Barbaren

In »Schwarze Samstage« kämpft der Schriftsteller mit den Folgen des Massakers in Israel – und zieht eine harte Linie zwischen Juden und »Gojim«

von Tobias Kühn  07.10.2026

TV-Tipp

»Phoenix« - herausragender Film über eine Holocaust-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  07.10.2026

Programm

Musikalische Crossovers, Kontroverse, Krimi und Krav Maga: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 8. Oktober bis zum 14. Oktober

 07.10.2026