Kulturgeschichte

Erfundene Tradition

Wie das Dirndl zuerst jüdisch und dann nationalsozialistisch wurde

von Karin Hartewig  22.09.2015 10:51 Uhr

Trachtenmode aus dem Hause Wallach: Adele und Bernhard Schapira Foto: Jüdisches Museum Hohenems

Wie das Dirndl zuerst jüdisch und dann nationalsozialistisch wurde

von Karin Hartewig  22.09.2015 10:51 Uhr

Pünktlich zum Oktoberfest‐Auftakt dirndlt es wieder. Passé sind die Zeiten, als man Trachtenmode für hinterwäldlerisch, kleinkariert wie die zugehörigen Hemden zur Lederhose der Männer oder doch zumindest für konservativ gehalten hat. Längst überwunden ist auch eine ironische Distanz zur bayerischen Folklore. Inzwischen geht man/frau ganz selbstverständlich in Tracht. Für andere ist das größte Volksfest der Welt eine Art vorgezogener Fasching und damit ein willkommener Anlass zur Verkleidung. Gegen modische Entgleisungen bei der Kostümierung kursieren im Netz Grundregeln wie die, dass das Dirndl maximal so kurz sein soll wie ein Maßkrug hoch ist.

Längst haben Designer von Dolce & Gabbana bis Yamamoto das Dirndl entdeckt und sich zu neuen Kreationen inspirieren lassen. Für Vivienne Westwood, die exzentrische Lady des Punk, die im Jahr 2010 in Wien offiziell zur »Trachtenbotschafterin« gekürt wurde, ist das Dirndl Ausdruck emanzipativer Erotik. Ursprünglich war es das Arbeitskleid junger Mägde (der Dirnen) auf den alpenländischen Bauernhöfen. Über dem Hemd wurde das eigentliche Trägerkleid getragen, alles aus einfachen Baumwoll‐ oder Leinenstoffen. Dazu die Schürze, die oft aus einem Stück Bettzeug geschneidert war.

Wallach Spätestens seit die Operette Im weißen Rössl 1930 ausgerechnet im alpenfernen Berlin zum Publikumsrenner wurde, kam das bodenständige Gewand schwer in Mode. Alle wollten Dirndl tragen – am liebsten eines von Wallach. Denn die Bühnenkostüme stammten aus dem bekannten Münchner Volkskunsthaus, das die Brüder Moritz und Julius Wallach, zwei Zugereiste aus Bielefeld, im Jahr 1900 gegründet hatten. Mit ihren Stoffdrucken aus eigener Fabrikation waren die Kaufleute über München hinaus längst zu den Begründern der Trachtenmode als gehobene Konfektionsware geworden, die vom Bürgertum so gerne in der alpinen Sommerfrische getragen wurde – ein Massenphänomen urbaner Landlust, für die auch assimilierte Juden ein Faible entwickelten.

Wallach hatte schon den europäischen Hochadel mit Unikaten aus Seide beliefert. Und 1911 hatten die Brüder schon ihr zweites Oktoberfest mit Trachten aus der Zeit um 1811 ausgestattet. Zugleich zählte ihre Sammlung von Volkskunst zu den touristischen Attraktionen der Stadt. In den 20er‐Jahren wurde Wallach zum Synonym für bayerische Trachten, Volkskunst und Interieurs schlechthin.

Nach 1933 war es mit der Tradition vorbei. An den Kollektionen wie auch an den Exponaten der Sammlung soll die NS‐Élite zwar durchaus Gefallen gefunden haben. Angeblich fanden die handgedruckten Stoffe von Wallach sogar in Hitlers Berghof Verwendung. Als Juden gehörten die Firmengründer aber plötzlich nicht mehr dazu. Ein Teil der Familie konnte rechtzeitig emigrieren, der andere wurde deportiert. Und das Unternehmen fiel 1938 der Arisierung zum Opfer – ein begehrtes Objekt, nicht nur wegen der erstklassigen Innenstadtlage. Schließlich bot sich die Tracht vorzüglich zur demonstrativen Kostümierung der nationalsozialistischen Heimatidee an.

Folglich war es Juden in einigen Regionen des Reiches verboten, Tracht zu tragen. Umgekehrt galt die Tracht mitunter als gleichwertiges Äquivalent für formelle oder Gesellschaftskleidung. Doch Trachten wurden nicht nur sozial aufgewertet und ideologisch vereinnahmt, sondern jenseits aller Beteuerungen der Bewahrung des Althergebrachten neu kreiert. Im Zentrum der »erfundenen Traditionen« stand das Dirndl, das zur textilen Signatur der Epoche wurde wie das Charleston‐Kleid für die 20er‐ und der Petticoat für die 50er‐Jahre.

Dekolleté Und das kam so: In der »Mittelstelle Deutsche Tracht« der Reichsfrauenorganisation entwarf die »Reichsbeauftragte für Trachtenarbeit«, Gertrud Pesendorfer, in den 30er‐Jahren das neue germanische Kleid. Dabei orientierte sie sich mitnichten an den regional höchst unterschiedlichen heiligen Festtagstrachten. Die bestanden nicht selten aus mehreren Röcken, meterlangen schweren Stoffen und steifen, teilweise unförmigen, stets hochgeschlossenen Miedern, in denen der weibliche Körper wie in einer Urne steckte. Dazu wurde mitunter ein überdimensionaler Kopfputz getragen.

Stilbildend wurde stattdessen eine reduzierte Tracht, die Pesendorfer aus dem Arbeitskleid entwickelte. Nach der Maxime »weniger ist mehr« »entkatholisierte« und sexualisierte sie ihr Modell. Das Ergebnis: ein kragenloses, dafür tief dekolletiertes Dirndl mit hoher Taille, geschnürtem oder geknüpftem engen Mieder, welches für stramme Haltung sorgte, und einem kurzärmeligen weißen Blüschen, das die nackten Oberarme sehen ließ.

wiesn Wir finden es als folkloristische Berufskleidung der Kellnerinnen in den durchgestylten Rasthäusern an den nagelneuen »Straßen des Führers«, als zeit‐ und klassenloses Sommerkleid der deutschen Volksgenossin, als eine Art Nationaltracht bei allen Anlässen forcierter Fröhlichkeit in der Diktatur, als modisches Statement Eva Brauns, als Festtagskleid des BdM und der NS‐Frauenorganisationen und gelegentlich auch in mondäner Version als bodenlanges Abendkleid. Das Wiesn‐Dirndl als Mode für alle und kollektives Bekenntnis zur folkloristischen Spaßkultur, das heutzutage für echte Tradition gehalten wird, entstand im Dritten Reich.

Doch jenseits der Ideologie verhält es sich mit dem Dirndl wie sonst auch in der Mode: Es gibt keinen guten und bösen, sondern nur guten und schlechten Geschmack. 1930 tönte es an jeder Straßenecke »Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist?«, ein Ohrwurm aus dem Weißen Rössl. Der Text könnte auch lauten: Was kann das Dirndl denn dafür, dass es missbraucht wurd’?

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