Geschichte

Eisverkäufer im gelobten Land

Per Schiff in die Freiheit Foto: Wallstein

Geschichte

Eisverkäufer im gelobten Land

Eine Aufsatzsammlung zeigt, welche Hoffnungen europäische Juden mit Amerika verbanden

von Ludger Heid  19.03.2012 18:06 Uhr

Wohl aus Enttäuschung über die gescheiterte Märzrevolution des Jahres 1848 verfasste der seinerzeit viel gelesene Schriftsteller Leopold Kompert einen programmatischen Text mit dem Titel »Auf, nach Amerika!«, der im »Oesterreichischen Central-Organ für Glaubensfreiheit, Geschichte und Literatur der Juden« erschien. Das Wort Zionismus mit seiner national-jüdischen Idee war noch nicht geboren, Palästina lag nicht im Bewusstsein der in der europäischen Diaspora lebenden Juden.

Kompert war der Pogrome überdrüssig: Er wollte, dass die Juden nicht länger den »Nacken krumm« und die »Hände wie zum Gebet gefaltet« hielten. Da er in Europa für Juden keine Möglichkeit mehr sah, Freiheit und bürgerliche Gleichstellung zu erlangen, riet er, die jeweiligen Länder in Richtung Amerika zu verlassen.

Baumwollpflanzer Kompert wollte seinen Aufruf als »Nothsignal«, als »Lärmkanone« verstanden wissen und forderte seine Glaubensbrüder auf, Ackerbauern, Handelsleute oder Handwerker, Hausierer, Wechselagenten oder Mitglieder des Wa-shingtoner Kongresses, gar »Vicepräsidenten des nordamerikanischen Freistaates« oder aber Baumwollpflanzer oder »Zuckerraffineurs« zu werden. Das war eine breite Berufspalette, und bescheidene Ziele waren es nicht gerade. Bei Kompert standen sich die Unfreiheit der Alten Welt und die Freiheit der Neuen diametral gegenüber.

Die jüdischen Kritiker Komperts argumentierten, dass eine Auswanderung ein Im-Stich-Lassen der Zurückbleibenden bedeute, und mahnten, auszuharren und Widerstand zu leisten. In einem Offenen Brief beschwor David Mendel seine auswanderungswilligen Brüder: »Glaubt ihr wirklich, in Amerika das ersehnte Jerusalem zu finden? Wo noch Sklaverei als ein Recht geduldet wird, ist auch für Gleichberechtigung der Freien keine Garantie gegeben.«

Tatsächlich waren die meisten Einwanderer auf die bei ihrer Ankunft noch nicht aufgehobene Rassentrennung nicht vorbereitet, was bei ihnen die Erinnerung an die eigene Diskriminierung in Europa wachrief.

Vorurteile Dennoch war Amerika für Juden die idealtypische Projektion für all das, was man in Europa nicht verwirklichen konnte – das »Promised Land«. Joseph Roth wusste: »Amerika ist die Ferne. Amerika heißt die Freiheit. In Amerika lebt immer ein Verwandter.« Roths hymnisch besungenes Amerika ist nicht immer pfleglich mit seinen Einwanderern umgegangen, schon gar nicht mit den jüdischen. Mit Beginn der 1920er-Jahre verschärften US-Bundesstaaten ihre Einwanderungsbestimmungen, die nicht selten auf antisemitischen und rassistischen Vorurteilen beruhten.

Bis zum Auswanderungsverbot NS-Deutschlands im Jahr 1941 emigrierten beziehungsweise flüchteten Zigtausende Juden aus verschiedenen Ländern Europas in der Hoffnung, in den USA jene Lebensmöglichkeiten zu finden, die ihnen in der alten Heimat verwehrt wurden. Preußische Leistungsethik war ein Gepäckstück, das die Einwanderer bei ihrer Überfahrt nicht haben über Bord gehen lassen. Der Gedanke, auf Wohltätigkeit angewiesen zu sein, war vielen unerträglich. Sie stürzten sich lieber in ungewohnte Tätigkeiten. Die Palette reichte vom Dienstboten, Küchenpersonal, Eisverkäufer, Fabrikarbeiter bis zum Eier-Aufschläger in einer Eierpulverfabrik.

»Viertes Reich« Die Emigranten haben in New York und der Upper East Side besondere Spuren hinterlassen – Restaurants, Cafés und Bäckereien. In Anspielung auf das Dritte Reich gaben die Flüchtlinge dem Stadtteil Washington Heights den Namen »Viertes Reich«, andere sprachen von »Frankfurt on the Hudson« oder Kanton Englisch (»Kein Ton Englisch«). »Das war bei uns besser« – dieser Satz war in New Yorker Gegenden mit einem hohen Anteil an deutsch-jüdischen Einwanderern häufig zu hören, ganz so, als ob Hitler nie existiert hätte.

In ihrem kenntnisreichen Einführungsessay heben die Herausgeber dieses Sammelbandes die Verschiebung der intellektuellen Zentren jüdischer Kultur und Wissenschaft hervor: Waren es bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts Zentraleuropa und Deutschland mit der »Wissenschaft des Judentums«, so sind es nach 1945 die USA und Israel. Dem Leser liegt ein opulentes und facettenreiches Kaleidoskop jüdischer Migrationsgeschichte vor, eine Tour d’Horizon durch bewegte zwei Jahrhunderte und über Kontinente hinweg.

Ulla Kriebernegg, Gerald Lamprecht, Roberta Maierhofer, Andrea Strutz (Hrsg.): »Nach Amerika nämlich! Jüdische Migrationen in die Amerikas im 19. und 20. Jahrhundert«. Wallstein, Göttingen 2012, 359 S., 24,90 €

London

Boy George unterstützt Israel online und erntet dafür Hass-Kommentare

»Es ist gerade sehr trendy, Israel zu hassen. Aber ich habe immer gesagt: ›Mode ist für die Zerbrechlichen, Stil für die Mutigen‹«, schreibt das Multitalent. Die Antworten lassen nicht lange auf sich warten

 14.04.2026

Essay

Schoa-Erinnerung ohne Juden

Gunda Trepp über ihren verstorbenen Ehemann Leo Trepp, die Vereinnahmung der Schoa und Wege jüdischen Erinnerns

von Gunda Trepp  14.04.2026

Hollywood

Scarlett Johansson: Rollen für Frauen heute besser

Wenn sie auf ihre Zwanziger zurückblickt, spricht die jüdische Schauspielerin von einer harten Zeit. Frauen hätten viel weniger interessante Rollenangebote bekommen als heute. Was ihr Ausweg war

 14.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Fünf Gründe, den jüdischen Staat zu lieben – mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  13.04.2026

Berlin

Auschwitz-Überlebende fordern Konzertverbote für Kanye West

Kanye Wests geplante Shows in Polen und Italien sorgen für Empörung. Holocaust-Überlebende fordern von Regierungen und Veranstaltern ein klares Signal - wie zuletzt aus Großbritannien

 11.04.2026

Essay

Zwischen Räumen

Wenn der Maler Navot Miller im Flugzeug sitzt, ist er in einer Welt, die ihn für eine kurze Zeit vor der Schwere der Realität schützt. Gedanken von unterwegs

von Navot Miller  10.04.2026

Iran-Krieg

Europa darf Israel nicht im Stich lassen

Während die USA und Israel der Bedrohung durch das Mullah-Regime militärisch begegneten, standen die Europäer an der Seitenlinie und übten Kritik. Die nun herrschende Feuerpause gibt ihnen Gelegenheit, ihre Haltung zu überdenken

von Rafael Seligmann  10.04.2026

Netflix-Dokumentation

Der Mann, der die Chili Peppers Red Hot machte

Man kann ohne weiteres behaupten, dass die Rockwelt ohne Hillel Slovak weniger bunt wäre. Eine Streaming-Doku hat dem in Israel geborenen ersten Gitarristen der Chili Peppers ein Denkmal gesetzt

von Richard Blättel  07.04.2026

Antisemitismus

London verweigert US-Skandalrapper Kanye West die Einreise

US-Skandalrapper Kanye West darf nach seinen antisemitischen und rassistischen Aussagen nicht nach Großbritannien reisen. Das hat auch gravierende Auswirkungen auf das mit ihm geplante Festival

 07.04.2026