Yevgeniy Breyger

»Eine ganz andere Art von Sorge«

Yevgeniy Breyger (33) lebt in Frankfurt/Main. Foto: Julie Kerdellant

Herr Breyger, Sie lesen diese Woche beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. Sind Sie sehr aufgeregt?
Überhaupt nicht.

Im Ernst?
Ich habe nicht viel Erfahrung mit Prosa, eher mit Gedichten. Deshalb bin ich da ganz entspannt und schaue einfach, was passiert.

Was werden Sie lesen?
Einen Auszug aus einem Roman. Ich habe den Text im Februar geschrieben.

Wann soll der Roman erscheinen?
Es gibt noch keinen Roman. Es gibt Menschen in Verlagen, die ihn drucken möchten, aber zuerst muss ich ihn schreiben. Es geht um ein Thema, das sich mir seit vier Jahren aufgedrängt hat, und ich wusste, dass ich es irgendwann aufschreiben muss. Und als dann die Zeit für den Bachmann-Wettbewerb kam, dachte ich, es ist eine gute Zeit, etwas zu Papier zu bringen und mich in dieser Form damit auseinanderzusetzen.

Ihr im Frühjahr erschienenes Buch »Frieden ohne Krieg« wurde vom Schweizer Magazin »Republik« als »der vielleicht wichtigste Gedichtband des Jahres« beschrieben.
Das freut mich natürlich sehr, obwohl ich das Buch, anders als meine letzten beiden Bücher, nicht als reinen Gedichtband ansehe. Dort wusste ich, dass ich Gedichte schreibe. »Frieden ohne Krieg« ist eine Mischung aus sehr privaten und politischen Texten, eine Art privates Pamphlet.

Sie nehmen bei diesen Gedichten die Position eines Mittlers ein – zwischen Ihren Verwandten, die nach Beginn des russischen Angriffskriegs aus der Ukraine nach Deutschland geflohen sind, und den deutschen Lesern, die zumeist keinen direkten Bezug zum Krieg haben. Was ist Ihr Eindruck vom Echo auf das Buch?
Es ist noch viel zu früh für mich, um eine Bilanz zu ziehen. Aber was mich sehr froh macht: Vom 8. bis 10. September bin ich zu dem nach Paul Celan benannten »Meridian«-Festival nach Czernowitz eingeladen, um dort aus dem Buch zu lesen.

Werden die Texte übersetzt?
Ja, die Teile, die ich lese, werden ins Ukrainische übersetzt.

Auf Paul Celan beziehen Sie sich auch in Ihren Gedichten. Hat er Sie geprägt?
Der Dichter Paul Celan hat mich weniger geprägt als der Übersetzer Paul Celan. Das erste Lyrikbuch, das mich begeistert hat, habe ich noch als Kind in der Ukraine gelesen – und dann erneut, nachdem ich nach Deutschland kam. Ich hatte von meinem Großvater eine zweisprachige Ausgabe von Ossip Mandelstam bekommen, deutsch-russisch, mit Übersetzungen von Paul Celan und Rainer Kirsch. Mandelstam ist einer meiner Lieblingsdichter, aber ich fand oft, dass die Celan-Übersetzungen noch besser waren als das Original. Ich habe daraus sehr viel gelernt, auch für meine Übersetzungen.

Im Buch geht es viel um Ihr Engagement für die Ukraine. Wo stehen Sie heute?
Bis vor Kurzem war ich sehr stark mit meiner Familie beschäftigt, die nach Beginn des Krieges nach Deutschland gekommen war. Aber vor drei Wochen sind sie nach Charkiw zurückgekehrt, und bei mir hat sich eine Art Vakuum eingestellt. Ich telefoniere jetzt viel mit ihnen und habe natürlich eine ganz andere Art von Sorge um sie als vorher. Alles, was ich über den Krieg erfahre, kommt jetzt direkt von ihnen vor Ort, nicht nur über die Nachrichten. Das ist ein ganz anderes Gefühl. Und wenn ich von Bombardements höre, muss ich ihnen sofort schreiben und sie fragen, ob alles in Ordnung ist.

Sind Sie optimistisch, dass die Offensive der Ukraine gegen Russland vorankommt?
Ich weiß von Leuten in Kyiv, dass die Stimmung gerade in Gefahr ist zu kippen. Dass die Leute frustriert sind und vor allem hoffen, dass die Offensive gelingt. Aber es gibt keine Alternative dazu. Man muss daran glauben, dass die Ukraine diesen Krieg gewinnt, sonst würden das Land und die Existenzen der Menschen komplett zerstört, und den Ländern im Baltikum und dem Westen könnte es genauso ergehen. Wir müssen unsere Handlungen an diesem Glauben ausrichten.

Mit dem Dichter sprach Ayala Goldmann.

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