Literatur

Eine Berlinerin in Straßburg

»Bin ich religiös? Ich stelle mir die Frage nicht«: Barbara Honigmann Foto: Sabina Paries

Am 15. Mai hat Barbara Honigmann in Zürich den Max‐Frisch‐Preis für ihr Gesamtwerk erhalten. Am 25. Juli erscheint ihr neuer Roman Bilder von A. bei Hanser. Und am 25./26. Oktober lädt das Franz‐Rosenzweig‐Forschungszentrum für deutsch‐jüdische Literatur und Kulturgeschichte in Jerusalem zu einer zweitägigen Konferenz, um das Honigmann’sche Werk zu würdigen und darüber zu disputieren. Wie sie zu dieser Ehre kommt, weiß die Schriftstellerin nicht. Und kann am wenigsten Auskunft darüber geben, was bei all dem herauskommen mag.

Ich treffe Barbara Honigmann in Straßburg, wo sie seit 1984 lebt. Ihre Herkunft aus Berlin, wo sie 1949 geboren wurde, kann sie nicht verleugnen, am Telefon berlinert sie drauflos, dass es eine Freude ist; ihre kürzlich verschiedene Katze trug den einschlägigen Namen Atze.

Auch im Gespräch zu Hause am Küchentisch, bei einer ultradünnen Zigarette, ist Barbara Honigmann herzlich, direkt, ungefiltert. Berlinerisch eben. Und doch – mit der Frage, ob sie es nicht heimwärts zieht, nach so vielen Jahren im Exil, darf man ihr nicht kommen. »Diese Frage«, entgegnet sie, »stellt sich nicht.«

talmudstudium Es gibt Wichtigeres, als in Berlin zu leben, auch wenn dort mittlerweile ihr ältester Sohn und die Enkel wohnen. Oder in Paris, wo der jüngste Sohn arbeitet. Barbara Honigmann hat ihr Domizil auf halbem Weg zwischen beiden Städten und Söhnen, in Straßburg.

In der deutschen Sprache ist sie daheim. Aber sie liebt das lässige Frankreich; als Autorin schätzt sie die französische Kultur, die dem Intellektuellen zuhört und ihn um Rat fragt und nicht schief anschaut oder verspottet, wie hierzulande. Vor allem aber kann sie in Straßburg als Jüdin jüdisch leben. Darum ist sie seinerzeit hierher gezogen.

Barbara Honigmann wohnt im jüdischen Viertel von Straßburg. Die Straße runter, im Laden an der Ecke, kann man koschere Waren kaufen. Und etwas weiter entfernt in der Rue Goethe finden die wöchentlichen Schiur‐Treffen im Institut »Chaye Sara« statt, die der 62‐Jährigen so wichtig sind. Jean‐Claude, ein Weiser ohne Funktion und Titel und auch ohne die Aura eines Gelehrten, leitet hier jede Woche das Studium von Talmud‐Texten an.

Honigmann schildert in ihrem Essayband Das Gesicht wiederfinden (2006) diesen Frauen vorbehaltenen Zirkel: »Endlich bin ich im Zentrum des Judentums angekommen, in seiner eigentlichen, zu Theologie, Geschichte und Kultur des christlichen Abendlandes parallel geistigen Welt.«

Dabei interessiert sie die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Judentum mehr als der religiöse Aspekt. Das Gemeindeleben mit Synagogen‐Zeremoniell interessiert sie eher wenig.»Bin ich religiös? ›Religiös‹ ist heutzutage beinahe ein Schimpfwort. Ich stelle mir die Frage nicht.« Bei den Treffen in der Rue Goethe gehe es eben nicht um Riten und ums religiöse Zeremoniell, sondern ums Nachspüren, Ergründen – um den Kern des Jüdischseins, jedenfalls in Barbara Honigmanns Verständnis.

heiter pragmatisch Deutschland ist von Straßburg nur eine Rheinbrücke weit entfernt. Aber vom jüdischen Leben dort, sagt Barbara Honigmann, wisse sie nur aus zweiter Hand zu berichten: dass sich durch den Zuzug von Juden aus Russland viel verändert habe; dass es hie und da ein funktionierendes Gemeindeleben gebe. »Als ich 1984 wegging, existierte in Ost‐ und Westdeutschland kein jüdisches Leben.

Da war nichts … Es ist schon erstaunlich: Es vergeht eine gewisse Zeit, und plötzlich entwickelt sich doch wieder etwas.« Dabei hat sie als Schriftstellerin und Malerin dazu ihren Teil beigetragen. »In ihren Büchern beschreibt Barbara Honigmann das Leben jüdischer Emigranten und Heimkehrer in Europa und im geteilten Deutschland in einer Sprache von bestechender Klarheit, mit scharfem Blick und aufblitzender Ironie«, befand die Jury des von der Stadt Zürich gestifteten Max‐Frisch‐Preises im Mai.

In der Schweiz, wo die Abneigung gegen herablassend unfreundliche Deutsche periodisch vom Boulevard hochgekocht wird, schätzt man Barbara Honigmann für ihre Weltzugewandtheit und ihren heiteren Lebenspragmatismus: Von den 50.000 Schweizer Franken Preisgeld hat sie sich »ein Auto anjeschafft«, ihren ersten Neuwagen überhaupt.

Beim Festakt im Zürcher Schauspielhaus sprach der Laudator von elementarer Funktion der Selbstbespiegelung, Reflexion und Introspektion. Gemeint hat er das autobiografische Schreiben. Wenn am 25. Juli Bilder von A. erscheint, Barbara Honigmanns neuer Roman, dürfte manche Rezension darum kreisen, wie viel die Autorin in dieser Liebesgeschichte an Selbsterlebtem und -durchlittenem preisgibt.

Wer sich auskennt in Honigmanns Werk, errät rasch, wer A. ist beziehungsweise war. Das Buch erzählt von einer uneingestandenen, unerklärten, ungelebten, unerfüllten Liebe zwischen einer jungen Frau und einem älteren Mann; einer Hilfsdramaturgin und einem Regisseur; einer Jüdin und einem Goi. Er lacht sie aus wegen ihres plötzlichen Bekennens: Willst du etwas Besonderes sein? Soll ich dich lieben, weil du Jüdin bist? Worin besteht dein Jüdischsein? Willst du etwa religiös werden? Wie du redest! Ich erkenne dich nicht wieder!

liebe Das Trennende ist nichts gegen das, was das Paar verbindet: die Liebe zur Kunst, zum Theater und zu Kleist; ihre Verrücktheiten, ihrer beider Freiheitsdrang; der Sinn fürs Komische, der Hang zum Drama.

Ihre Wesensverwandtschaft: »Dabei hielten wir es nicht einmal mit uns selbst wirklich gut aus. Und dann sagten wir auch immer an den grauen Tagen, wenn es regnete und alle Leute sich über das schlechte Wetter beklagten, ach, da fühlen wir uns endlich verstanden, wenn die Wolken so tief und schwer hängen wie unsere Melancholie, und nicht verhöhnt wie an den Tagen, an denen die Sonne am blauen Himmel scheint und alles blüht und grünt und Früchte trägt und die Wiesen voller Veilchen stehen. – Wir waren eben beide vom Theater.«

Barbara Honigmann hat mit Bilder von A. ihr vielleicht poetischstes Buch geschrieben. Jede Liebesgeschichte ist autobiografisch. Aber diese zeigt, wie es die erste große Liebe zu überstehen gilt, um zu sich zu kommen und bereit zu sein für das Wesentliche im Leben: der einen großen Liebe auf Augenhöhe.

Das Wesentliche, das weiß Barbara Honigmann aus dem Talmud‐Textstudium, entzieht sich der Wissenschaft (und der Literaturkritik). Was bleibt ist ein Gefühl und eine Ahnung, dass nichts je zu Ende ist: »In meinen Träumen lebt A. noch immer. Wir sprechen, wir lachen, wir streiten, wir lieben uns, er begleitet mich, er geht fort. Nach dem Aufwachen fällt es mir erst nach ein paar Momenten wieder ein. A. ist jetzt tot.«

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