Der 27. Februar war ein Tag, der nach einer schlimmen Woche mit Notärzten, Krankenhäusern und Pflegeheimen einfach nur gut enden sollte. Mein Mann Avi und ich saßen also in einem kleinen französischen Restaurant, das wir im Sommer entdeckt hatten. Das Essen ist so gut, dass man in Gesang ausbrechen möchte wie in »Somebody feed Phil« – und man kann sich sogar die Flasche Wein leisten. Als der Kellner kommt, um uns die Tageskarte zu präsentieren, fangen wir an zu plaudern. Sein Deutsch ist nicht so gut, deshalb auf Englisch, und weil es nun um Sprachen geht, geht es bald auch um Herkunftsländer. Als Avi sagt, dass er Israeli ist, greift der Kellner, ich nenne ihn Omid – wie die Hoffnung, sofort nach seiner Hand. Omid ist aus dem Iran.
Urplötzlich ist in einem kleinen französischen Restaurant mitten in Berlin ein israelisch-iranischer Schutzkokon entstanden, in dem vermeintliche Erzfeinde und das Verständnis füreinander zusammen an einem Tisch sitzen.
Omid erzählt, dass er bereits als Teenager den Iran verlassen habe, weil er die fanatisch-religiöse Unterdrückung durch das Regime der Mullahs nicht länger ertragen konnte. Natürlich sorgt er sich um seine Angehörigen, die dageblieben sind. Um Freunde und Bekannte, die vor Jahren in Gefängnissen verschwanden. Er trauert um einen Freund, der bei den jüngsten Protesten erschossen wurde, und hat Angst um einen anderen, der mit Schusswunden am Oberkörper von der iranischen »Sicherheitspolizei« verschleppt wurde.
Seine Mutter hat vor der Islamischen Revolution Tel Aviv besucht und schwärmt davon bis heute.
Wie viele andere, vor allem junge Iraner, die im Ausland leben, hat auch Omid noch enge Familienmitglieder im Iran. Wie groß muss das Gefühl von Ohnmacht und Verzweiflung sein, wenn man nur noch wegwill, auch wenn es bedeutet, seine Familie möglicherweise niemals wiederzusehen, denke ich gerade, als ich Omid und Avi lächeln sehe. Sie sprechen über Musik, über Omids Mutter, die vor der Islamischen Revolution einst Tel Aviv besuchte und bis heute davon schwärme. Keiner an diesem Tisch gibt die Hoffnung auf, dass es Frieden geben wird. Schalom. Saleh. Omid muss weiter, das Restaurant ist voll. Avi und ich stoßen auf unser aller Familien an. L’Chaim. Be salāmati. Und wir sind sowohl überrascht als auch glücklich darüber, dass wir uns einem Fremden so nah fühlen können.
Als wir uns von Omid verabschieden, wünschen wir einander, dass es den Familien auf beiden Seiten gut gehen möge. Dass Donald Trumps monumentale Drohkulisse etwas bewirkt. Dass die Mullahs keinen Omnizid begehen werden. Dass wir Omid nächstes Jahr Tel Aviv zeigen und er uns Teheran. Die Hoffnung tanzt.
Dann bricht der 28. Februar an.
Natürlich ist Omid einer der ersten Menschen, an die ich an diesem Morgen denke. Während die Familie in Israel jede Stunde in den Bunker rennt und bei meinem Neffen die Angststörung aus dem Zwölftagekrieg vom vergangenen Juni wieder aufbricht, denke ich auch an Omids Angehörige. Als das Restaurant öffnet, rufe ich ihn an. Er arbeitet auch heute, obwohl er vor Sorge vergeht. Er könne seine Schwester nicht erreichen, sagt er mit Angst in der Stimme. Wir teilen unsere Sorgen, versuchen einander zu stützen. Und plötzlich denke ich, dass die Mullahs mit ihrem rasenden Hass als Staatsdoktrin bei vielen Iranern genau das Gegenteil bewirkt haben.
Natürlicherweise tendiert die Menschheitsgeschichte immer zum Leben. Die Tage eines jeden Todeskults sind gezählt. Wenn wir nur wüssten, wann.