Patrick Modiano

Eine Art Abschied

Den Rätseln der Vergangenheit auf der Spur: Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano Foto: picture alliance / TT NEWS AGENCY

Paris, Anfang der 60er-Jahre. Der 20-jährige Jean findet für ein paar Wochen Arbeit in der kleinen Privatdetektei des Monsieur Hutte. Beide sind ganz und gar typische Modiano-Figuren: ein melancholischer junger Ins-Leben-hinein-Stolpernder und ein Älterer, der vermutlich weniger mysteriös als skurril ist und seit Langem in seiner Berufsnische hockt, als hätte man ihn dort vergessen.

Der Romantitel Unsichtbare Tinte bezieht sich auf einen Taschenkalender, den Jean in einer leeren Wohnung findet. Ausgestattet mit einem mehr als vagen und lückenhaften Dossier, genauer: nur einer einzigen Seite, soll er sich auf die Spur einer offenbar verschwundenen jungen Frau begeben. Doch heißt diese, wie es ein zerknitterter Postabholer­ausweis nahezulegen scheint, tatsächlich Noëlle Lefebvre?

Wie stets bei Patrick Modiano, Jahrgang 1945 und 2014 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, ist es vor allem das Geflecht der Pariser Viertel, Straßennamen, Cafés und kleinen Läden, das vermeintliche oder tatsächliche Anhaltspunkte zu geben vermag: Wer war wo zu welcher Zeit? Auch diesmal entstehen so poetische Detektivszenen (ohne Leichen), ein literarisierter Anhauch von Nouvelle Vague – als könnten in dieser im 15. Arrondissement spielenden Geschichte sogleich die Schauspieler Anna Karina und Jean-Paul Belmondo um die Ecke kommen, Zigarette im Mundwinkel.

recherche Jene Noëlle Lefebvre schien mit einem (ebenfalls abwesenden) Mann liiert, der in Brüssel einige Kinosäle besessen hatte, doch in Paris dann knapp bei Kasse gewesen war. Und auch einer ihrer ehemaligen Freunde, ein Klein-Schauspieler, den Jean während seiner Recherche trifft, ist nicht gerade jemand, an den man sich zwingend erinnert. Auch der entdeckte Taschenkalender enthält nur wenige Notizen – je nach Lesart kryptisch und geheimnisvoll oder auch schlichtweg banal. Wurden andere Eintragungen tatsächlich mit »unsichtbarer Tinte« verfasst, wie Jean noch Jahre später mutmaßt, wenn er an jene für ihn Phantom gebliebene Noëlle denkt?

Ohnehin erinnert die Lektüre irgendwann an Kurt Tucholskys frühe »Weltbühnen«-Bemerkung.

Und dann, inmitten all dieser verschattet-luftigen Szenen, Stadtgänge und verlässlich in drei Punkten auslaufende Dialoge, schließlich dies, die Ästhetik dieses jüdisch-französischen Ausnahme-Romanciers: »Du kannst die Einzelheiten dessen, was ein Leben war, noch so genau unter die Lupe nehmen, es werden darin für immer Geheimnisse bleiben und auch Fluchtlinien. Und dies scheint mir das Gegenteil von Tod.«

Wie gern hätte man deshalb erfahren, was Jean in späteren Jahren dazu trieb, weiter nachzuforschen, Bekannte von Bekannten zu treffen und erfolglos zu befragen. War er etwa während dieser ganzen Zeit allein geblieben, ohne Liebe, sodass er einer Obsession imaginierter Nähe nachjagte?

Dafür freilich wirkt er wiederum zu fad. Ohnehin erinnert die Lektüre irgendwann an Kurt Tucholskys frühe »Weltbühnen«-Bemerkung, mit der er eine Sammelbesprechung von Paris-Romanen krönte: »Man fragt sich, wovon diese Leute eigentlich leben.« Denn so wenig ein emotionaler Hintergrund sichtbar wird jenseits der wiederum wunderschön geschriebenen modianesken Gedanken über Erinnern und Vergessen, so wenig scheint dieser Jean einen Beruf zu haben, und so wenig bekommt das Frankreich jener Jahre Kontur.

tunesien Mit einer gewichtigen Ausnahme: »Auf der Titelseite der Zeitung stand in riesigen schwarzen Buchstaben ein Name, den ich nicht kannte und der mich verblüfft hatte wegen seines Klangs: BIZERTE, ein dumpfer und unheimlicher Klang, wie jene zwei Silben, die ich in meiner Kindheit lesen lernte, im Halbdunkel einer Autowerkstatt: CASTROL.«

Jenes blutige »Kolonialabenteuer« des General Charles de Gaulle, das 1961 im tunesischen Bizerte über 600 tote Einheimische forderte, in eins gesetzt mit der Kindheitswahrnehmung eines Firmenschildes? Umso obszöner, als es dafür instrumentalisiert wird, einer offenbar belanglosen Geschichte mit einer Art Kick aufzuhelfen. Das aber bleibt vergeblich, sodass hier selbst die seit Jahren mit seufzendem Wohlwollen geäußerte Kritiker-Plattitüde, Patrick Modiano schreibe eben immer wieder gekonnt den gleichen Roman, nicht weiterhilft.

Je nach Lesart ist die Geschichte kryptisch und geheimnisvoll – oder schlichtweg banal.

Im Gegenteil: Das wortreiche Lob, das der wohl inzwischen zum Routinier gewordene Solitär auch für diesen Roman erhalten hat, ist beinahe ein Verrat an seinem vorherigen Œuvre. Denn wo ist der frühe Modiano geblieben, der in seiner Pariser Trilogie den Jahren der deutschen Besatzung, jüdischem Untertauchen und einer kaum entwirrbaren Mischung aus Wegducken und Kollaboration so schmerzend konzise Romane gewidmet hatte? Und dann Modianos Spurensuche in Dora Bruder, seinem Meisterwerk von 1997, in dem ein junges Mädchen, das 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde, kraft insistierender Nachforschungen und suggestiver Evokationen zumindest dem anonymisierenden Vergessen entrissen wird.

Ilan Halimi Wobei es später in Paris ja weiterhin Gewaltgeschehen und Verschwinden gab, etwa die unter dem Befehl des ehemaligen Nazi-Kollaborateurs Maurice Papon am 17. Oktober 1961 erschossenen oder in der Seine ertränkten algerischen Demonstranten. Oder in jüngster Zeit den jungen marokkanisch-stämmigen Juden Ilan Halimi, der am 21. Januar 2006 von einer Gruppe junger Muslime entführt und anschließend zu Tode gefoltert wurde. Das Denkmal und ein Baum, die Orte, die beide an ihn erinnern sollten, sind inzwischen längst wieder zerstört.

Ist es übertrieben, deshalb von einem erfahrenen französischen Romancier, der sich als Chronist des Gedächtnisses feiern lässt, etwas mehr zu erwarten als anspielungsreiche Banalitäten?

Patrick Modiano: »Unsichtbare Tinte«. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Hanser, München 2021, 142 S., 22 €

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