Spätwerk

Ein verlorenes Leben

Louis Begley zeigt sich in »Erinnerungen an eine Ehe« auf seinem erzählerischen Höhepunkt

von Welf Grombacher  07.10.2013 19:41 Uhr

»Die Lucy von damals hatte nach L’Heure Bleue und Sandelholzseife geduftet. Die neue Version roch ganz leicht nach Mottenkugeln.« Foto: Guerlain

Louis Begley zeigt sich in »Erinnerungen an eine Ehe« auf seinem erzählerischen Höhepunkt

von Welf Grombacher  07.10.2013 19:41 Uhr

Ich denke, je älter ich werde, desto sensibler werde ich dafür, was ich tue und wie ich es tue. Damit einher geht ein größerer Grad der Akzeptanz meiner Person.« Das sagt Louis Begley, der am 6. Oktober seinen 80. Geburtstag feierte, über sich selbst. Dieses Mit‐sich‐im‐Reinen‐Sein merkt man seinem neuen Roman an. Erinnerungen an eine Ehe, heißt er. Trotz seiner gerade mal etwas mehr als 200 Seiten ist es ein großes Alterswerk, das in seiner souveränen Gelassenheit an die späten Erzählungen von John Updike erinnert, der in den 50er‐Jahren Kommilitone von Begley in Harvard war.

Der Ich‐Erzähler Philip im neuen Buch ist Schriftsteller. Nach dem Tod von Frau und Tochter kehrt er nach New York zurück. Er leidet Folterqualen der Einsamkeit. Ihm bleibt nur seine Arbeit und die Erinnerung. »Die Erinnerung ist ein Trost. Vielleicht der einzige. Sie ist auch der beste Begleiter.«

Bei einem Besuch im State Theater steht plötzlich Lucy vor ihm, mit der er als junger Mann eine Nacht verbracht hat – eine »Passage«, wie er sagt. 20 Jahre hat er sie nicht gesehen. »Die Lucy von damals hatte nach L’Heure Bleue und Sandelholzseife, ihrer anderen Lieblingskreation von Guerlain, geduftet. Die neue Version roch ganz leicht nach Mottenkugeln.«

Obsession Auch sonst erkennt Philip Lucy kaum wieder. Er will wissen, was sie so verändert hat. Geradezu zur Obsession wird ihm das: »Ich war entschlossen, zu verstehen, warum diese verdrehte, aber schöne, charmante und verführerische junge Frau, die mir im Gedächtnis geblieben war, sich so verändert hatte, so verbittert, aggressiv und zänkisch geworden war.« Philip trifft sich mit ihr, hört sich ihre Lebensgeschichte an. Lucys Direktheit zieht ihn an. Sie droht, wenn er das, was sie erzähle, für einen Roman verwende, bringe sie ihn um – fährt aber fort.

Für ihr verpatztes Leben macht sie ihren Exmann Thomas Snow verantwortlich. Benutzt habe er sie. »Er war ein townie, Sohn eines Automechanikers, eines Dienstleisters in einer Sommerresidenz des Geldadels!« Mithilfe ihres Vermögens habe er sich Zugang zu den besseren Kreisen verschafft. Nachdem er es geschafft habe, eine Wallstreet‐Koryphäe zu werden, habe er sie betrogen und sitzen lassen. Ein echtes Monster sei er gewesen.

Das aber will Philip nicht glauben, der den vor wenigen Jahren ums Leben gekommenen Thomas als ehrenwerten Mann und Freund zu kennen glaubte. Er sucht dessen zweite Ehefrau auf, dessen Sohn sowie Bekannte, um die zu befragen. Wie ein Mosaik setzt er die Teile zusammen, macht sich ein Bild. Der Leser muss es ihm nachtun. Begley zeigt sich auf seinem erzählerischen Höhepunkt. Aus vielen Perspektiven wirft er Schlaglichter auf ein Leben, wechselt elegant Erzählebenen und Erzählzeit. Diskret zeichnet er mit wenigen Strichen wunderbar treffende Sitten‐ und Charakterbilder.

Affären Schon allein die Figur der immerzu nörgelnden Lucy – Romantikerin, Rebellin und Bad Girl – ist eine Erbauung. Als Tochter einer neuenglischen Dynastie von Tuchmachern lehnt sie nach dem Praktikum bei der Pariser Vogue eine feste Stelle ab, um zu leben und im Sommer zu Hause »mal wieder ein paar gute Tennisspiele zu machen«. Gegen die Familie begehrt sie mit Drinks und Affären auf. Als Frau befreit sie sich – bis ihr Ruf ruiniert ist und sie als »verdorbene Ware« gilt. Einer, der es wissen muss, sagt über sie: »Sie fickt wie eine Mänade. Eine versnobte Mänade.«

Hier zeigt sich der wunderbare Witz Begleys, dem wegen seiner langjährigen Tätigkeit als Anwalt gerne nachgesagt wird, er schreibe nüchtern. Ironische Spitzen gegen das Judentum, wie noch zuletzt in seiner Schmidt-Trilogie, gibt es im neuen Roman keine. Überhaupt ist der Humor sehr subtil. Auf die Ehe lässt sich Lucy nur ein, weil sie glaubt, ihrem Leben Form geben zu müssen. Lieben tut sie Thomas nicht.

Wie Begley die beiden tragisch aneinander scheitern lässt, ist große Literatur, absolut authentisch und psychologisch fein motiviert. Während Thomas ehrgeizig aus armen Verhältnissen aufwärtsstrebt, wird er allmählich zum Biedermann. Er entspricht so immer weniger demjenigen, den Lucy als rebellische Tochter aus gutem Hause in ihm suchte. Ersatz findet sie im Bett eines groben Schweizers, ein Bergsteiger und »Super‐Arier«. Was zum Ende ihrer Ehe führt.

Louis Begley, der 1933 als Ludwik Begleiter im polnischen Stryj geboren wurde und als Jude mit seiner Mutter im Krieg unter falschem Namen vor den Nazis floh, wie er 1991 in seinem Debütroman Lügen in Zeiten des Krieges eindrucksvoll beschrieben hat, erlebte, als er 1947 in die USA emigrierte, am eigenen Leib, was es heißt, einer unteren Klasse anzugehören.

amerikanischer Traum Als jüdischer Einwanderer entsprach er nicht dem Harvard‐Standard. Wie Thomas im Roman hat er den Aufstieg geschafft, den amerikanischen Traum gelebt. Nachdem Philip Roth erklärt hat, er wolle keine Romane mehr schreiben, nachdem John Updike und Saul Bellow tot sind, ist Begley der letzte Große dieser begnadeten Generation von amerikanischen Erzählern.

Am Ende übrigens macht diese verbiesterte Lucy Philip doch tatsächlich das Angebot eines gemeinsamen Lebens – »Sex eingeschlossen«. Der Leser weiß von der ersten Seite an, wie Philip entscheiden wird: »Ich lächelte sie an, so freundlich, wie es mir möglich war, und schüttelte den Kopf.«

Louis Begley: »Erinnerungen an eine Ehe«. Roman. Deutsch von Christa Krüger. Suhrkamp, Berlin 2013, 222 Seiten, 19,95 €

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