Biografie

Ein Herz für den Film

Ulrich Döge erzählt von dem Publizisten und Unternehmer Karl Wolffsohn

von Christian Buckard  06.02.2017 19:33 Uhr

Der Filmhistoriker Ulrich Döge erinnert in seinem neuen Buch an den heute fast vergessenen Pionier der Filmpublizistik. Foto: Tredition, Hamburg 2016

Ulrich Döge erzählt von dem Publizisten und Unternehmer Karl Wolffsohn

von Christian Buckard  06.02.2017 19:33 Uhr

Vielleicht ist es kein Zufall, dass sich ausgerechnet Karl Wolffsohn dazu entschied, in den 20er-Jahren mitten im Berliner Arbeiterbezirk Wedding die »Gartenstadt Atlantic« zu errichten. In der von dem Architekten Rudolf Fränkel geplanten grünen Wohnanlage konnten auch Menschen mit mittlerem Einkommen ein neues Zuhause finden. Und Träume vom besseren Leben waren schließlich das Geschäft des Verlegers und Archivars Wolffsohn, dessen »heißes Herz« nur für das schlug, was im Leben wirklich wichtig ist – die Filmkunst.

Der 1881 in Polen geborene Karl Wolffsohn verlegte seit 1910 die »Lichtbildbühne« (LBB) und machte das Blatt schnell zum ernst zu nehmenden kritischen Sprachrohr für alle jene, die den Film als eine der Bühne und der Malerei ebenbürtige Kunstform betrachteten. Die bald täglich erscheinende LBB wurde ein solcher Erfolg, dass der Filmenthusiast Wolffsohn damit begann, eine private Sammlung zum Thema Film aufzubauen. Das ab 1927 auch für die Öffentlichkeit zugängliche Archiv wurde europaweit zur einzigen Anlaufstelle für all jene, die sich wissenschaftlich mit der Filmkunst befassten.

Hollywood Bereits Mitte der 20er-Jahre wurden Wolffsohn und seine Ehefrau Recha nach Hollywood eingeladen, und sogar die Sowjets waren von der vorurteilsfreien Hingabe des Filmpioniers so überzeugt, dass der Kommissar für Volksbildung Wolffsohn eine Kopie der unzensierten Fassung von Panzerkreuzer Potemkin schenkte.

Selbst Kinos zu besitzen, ist für den Herausgeber einer kritischen Filmzeitschrift eine heikle Angelegenheit, doch der Zelluloid-Liebhaber Wolffsohn konnte der Versuchung nicht widerstehen und pachtete eine Reihe großer Lichtspielhäuser, wie die zur Gartenstadt Atlantic gehörende »Lichtburg«, die »Alhambra-Lichtspiele« in Düsseldorf, das »Olympia-Theater« in Dortmund und die »Lichtburg Essen«.

Flucht 1933 wurde Karl Wolffsohn Schritt für Schritt alles geraubt, was er sich aufgebaut hatte. Schon ein Jahr später war ihm nur noch die Berliner »Lichtburg« geblieben. Zwar konnte er sich zunächst unerkannt über Umwege die Aktien der Gartenstadt sichern, doch im August 1938 wurde Wolffsohn von der Gestapo verhaftet. Erst im Februar 1939 wurde er aus der Haft entlassen und konnte sich einer neuerlichen Verhaftung nur dadurch entziehen, dass er mit seiner Ehefrau nach Palästina floh, wo bereits die Söhne Max und Willi die Eltern erwarteten.

Anfang 1950 begaben sich Karl und Recha Wolffsohn nach Berlin. Eigentlich wollten sie nur ihr geraubtes Eigentum zurückerhalten und dann wieder zurück nach Tel Aviv reisen. Doch die Wolffsohns hatten nicht damit gerechnet, dass sich diejenigen, die sich ihren Besitz angeeignet hatten, so erfolgreich gegen eine Entschädigung oder Rückgabe würden wehren können. Dabei machte es keinen Unterschied, ob die neuen »Eigentümer« Privatunternehmer oder städtische Stellen waren.

Gerechtigkeit Bis zu seinem Tod im Jahr 1957 blieb Wolffsohn in Berlin und setzte seinen Kampf um Gerechtigkeit fort. Er und seine Familie erhielten nur einen kleinen Bruchteil dessen zurück, was man ihnen gestohlen hatte. Das, was von der Gartenstadt Atlantic übrig geblieben war, wurde den Wolffsohns immerhin zurückgegeben. Karls Enkel, der Historiker Michael Wolffsohn, hat das immer noch moderne Wohnprojekt im Jahr 2000 geerbt, renoviert und wieder attraktiv gemacht.

Der Filmhistoriker Ulrich Döge erinnert in seinem neuen Buch »Er hat eben das heiße Herz«. Der Verleger und Filmunternehmer Karl Wolffsohn an den heute fast vergessenen Pionier der Filmpublizistik. Döges Buch ist keine Biografie, kein erzähltes Leben, vielmehr ein mehrere Hundert Seiten umfassender Bericht vom Aufstieg und Fall Karl Wolffsohns. Besonders akribisch untersucht der Autor, wie der kämpferische Wolffsohn gleich zweimal in seinem Leben enteignet wurde: zuerst von den Nazis und dann von einer bundesdeutschen Justiz, die in erster Linie die Interessen der Täter, nicht die der Überlebenden im Sinn hatte. Vor allem aber legt das Buch Zeugnis ab vom Leben eines Menschen, der niemals aufgab.

Ulrich Döge: »›Er hat eben das heiße Herz‹. Der Verleger und Filmunternehmer Karl Wolffsohn«. Tredition, Hamburg 2016, 500 S., 35,99 €

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