Jerusalem

»Ein ganz spezieller Ort«

»Leute, entspannt euch etwas!«: Dani Levy Foto: Stephan Pramme

Jerusalem

»Ein ganz spezieller Ort«

Der Regisseur Dani Levy über 3D-Filme im Jüdischen Museum Berlin, Israels Hauptstadt und einen Wunsch

von Katrin Richter  22.05.2018 08:44 Uhr

Herr Levy, was bedeutet Ihnen Jerusalem?
Da ich kein religiöser Mensch bin – und in keiner der vier Weltreligionen wirklich zu Hause bin, bedeutet es mir auf der religiösen Seite erst einmal gar nichts. Jerusalem zieht mich aber seit vielen Jahrzehnten immer wieder an. Weil die Stadt wild und dysfunktional zugleich ist. Es ist eine Stadt, in der man wie unter dem Brennglas sehen kann, wie Menschen zusammenleben, die ganz unterschiedliche Ideen haben. Eine Stadt, in der es keinen richtigen Konsens gibt und kein Rezept, wie es geht. Trotzdem hat die Stadt einen Alltag, und der funktioniert. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es neurotische Unikate sind, die alle nebeneinander her leben: Und das finde ich schon extrem beeindruckend und bewegend.

Wenn Sie nach Jerusalem fahren, wie fühlt sich das für Sie an?
Ich merke, dass ich an einem ganz speziellen Ort auf dieser Welt bin, der einzigartig ist und sehr viel mit mir zu tun hat. An dem ich aber nie länger bleiben würde.

Weil die Stadt nerven kann?
Sie hat mich nie wirklich genervt, weil ich nie eine schlechte Erfahrung gemacht habe. Es ist auch ein Unterschied, ob man als Filmemacher-Tourist oder als ganz normaler Tourist nach Jerusalem kommt. Ich bin dort immer in einer Art Blase. Die intensivste Begegnung mit Jerusalem hatte ich während des Drehs zu meinen Kurzfilmen, wo wir in die Wunden Jerusalems auch thematisch hineingestochen haben. Ich schaue zu, beobachte die Leute, die den Großteil der Zeit diskutieren, die Nachrichten verdauen oder einfach über gar nichts mehr reden wollen, weil alles schon so lange ungelöst vor sich her läuft. Ich spüre die ungelöste Situation in der Stadt. Aber viele Leute, so ist mein Gefühl, wollen gar nicht mehr sehen, dass es nicht funktioniert. Sie leben ihren Alltag und irren wie abgeschottet durch ihr Leben.

Sie haben diesen Alltag für die Jerusalem-Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin filmisch beobachtet und mit »Geschichten aus Jerusalem« vier Kurzfilme unter dem Titel »Glaube, Liebe, Hoffnung, Angst« gedreht. Wieso dieser Titel?
Der ist mir so zugeflogen, und er umschreibt für mich die Stadt sehr gut. Alle diese Begriffe sind zentral in Jerusalem: Glaube, Hoffnung, Liebe und Angst. Mir war sofort klar, dass diese Filme nicht allein aus jüdisch-israelischer Perspektive gedreht werden sollen. Auch palästinensische Israelis oder sogar Palästinenser, die auf der anderen Seite der Mauer leben, sollen mit einbezogen werden.

Die Filme sind in 3D und 360 Grad gedreht worden. Was ist das Faszinierende daran?
Diese neue, noch nicht bewährte und perfektionierte Technik zu benutzen, hat mich deswegen begeistert, weil ich von der andersartigen Sehweise und dem Seherlebnis sehr beeindruckt war. Ich hatte das Gefühl, dass es sich für Jerusalem besonders anbietet und man so etwas inszenieren kann.

An welchen Drehort erinnern Sie sich besonders?
Die Drehorte waren alle sehr intensiv, aber die Mauer hat mich besonders beeindruckt, weil sie viel größer und schrecklicher ist als die deutsche Mauer. Die Art und Weise, wie sie gezogen ist, wie sie Grundstücke zerteilt, die kennen wir auch aus Deutschland. Das Leben der Menschen diesseits und jenseits der Mauer, die teilweise aus dem Westjordanland über die Mauer klettern, obwohl sie acht Meter hoch ist, und sich jeden Tag mit Seilen auf der anderen Seite herunterlassen, um zur Arbeit zu gehen, das fand ich schon traurig und vom Filmischen her faszinierend. Ein anderer Ort war das Parlamentsgebäude in Abu Dis. Ein Bau, der im Rohzustand abgebrochen wurde, nachdem die Verhandlungen zwischen Palästinensern und Israelis gescheitert waren. Das Gebäude ist ein Mahnmal des ergebnislosen Ringens um Frieden vor 20 Jahren.

Was wünschen Sie sich für Israel?

Ich wünsche mir, dass Israel weiterhin besteht. Dass es ganz selbstverständlich von allen Staaten als ein Land akzeptiert wird, in dem Juden leben können. Außerdem wünsche ich mir, dass es irgendwann eine Lösung für den Nahostkonflikt geben wird. Jeder Mensch muss sich vom Verstand her doch fragen, wann es so weit sein wird! Ich will nicht akzeptieren, dass Leute – auf beiden Seiten –, die in einer verantwortlichen Funktion in der Politik sitzen und dafür bezahlt werden, nicht ihre Arbeit tun. Warum findet man keine gemeinsame Lösung? Warum werden immer noch Gebiete besetzt?

Welchen Wunsch haben Sie speziell für Jerusalem?
Da ich kein religiöser Mensch bin, ist mir die Diskussion darüber, wer sein religiöses Zentrum wo aufbauen darf, etwas fremd. Ich akzeptiere natürlich, dass jeder seinen Ort haben möchte, aber ich stehe etwas kopfschüttelnd davor und sage: Leute, entspannt euch etwas!

Mit dem Regisseur sprach Katrin Richter.

Die Filme sind noch bis zum 17. Juni, jeweils von 12 bis 18 Uhr zu sehen.

www.jmberlin.de/ausstellung-geschichten-aus-jerusalem-glaube-liebe-hoffnung-angst

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