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Ein fiktiver Dialog über Glaube und Versöhnung

Verweigerte sich bis zuletzt dem aufoktroyierten Opfer-Status: Etty Hillesum (1914–1943) Foto: IMAGO/piemags

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Ein fiktiver Dialog über Glaube und Versöhnung

Bischof Wilmer begegnet der ermordeten Jüdin Etty Hillesum

von Michael Althaus  08.10.2024 12:15 Uhr

»Gott, lass mich keine Kraft, kein bisschen Kraft an Hass verlieren, an sinnlosen Hass gegen diese Soldaten. Ich werde meine Kraft für andere Dinge aufsparen.« So betete die junge Jüdin Etty Hillesum, als sie 1942 erstmals einem deutschen Soldaten begegnete. Einer von vielen außergewöhnlichen Gedanken, die die Niederländerin, die später in Auschwitz ermordet wurde, in ihr Tagebuch schrieb. Dabei nahm sie immer wieder auf ihren Glauben und ihre Bibellektüre Bezug. Grund genug, für den katholischen Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer, sich mit Hillesums Tagebüchern näher auseinandersetzen.

Schon 2021 - während der Corona-Pandemie - zog er sich acht Tage zu Exerzitien zurück. Er vertiefte sich in Hillesums Aufzeichnungen und schrieb seine Gedanken nieder. Herausgekommen ist ein fiktiver Dialog mit Hillesum, in dem Wilmer über den Glauben an das Gute, das Beten und das Verhältnis des Menschen zu Gott nachdenkt.

Geboren 1914 in Middelborg, wuchs Hillesum in einer jüdischen Familie auf, wurde jedoch wenig religiös erzogen. Ab 1932 studierte sie zunächst Jura, später Slawistik und Psychologie. Kurz nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Niederlande begegnete sie dem Psychoanalytiker Julius Spier, mit dem sich eine Freundschaft und später eine Liebesbeziehung entwickelte. Spier - in ihren Tagebüchern als »S.« benannt - war es wohl auch, der ihr riet, ein Tagebuch zu führen. Es reicht vom März 1941 bis zum Abtransport nach Auschwitz im Oktober 1943, wo sie wenig später im Alter von 29 Jahren ermordet wurde. Ihre Tagebücher hatte die junge Frau zuvor einer Freundin übergeben. Erst 2022 erschienen sie in deutscher Übersetzung.

Hillesum glaubt bis zuletzt an das Gute

Wilmer wurde im März 2018 auf Hillesum aufmerksam. Damals lebte er in Rom und spazierte durch einen der größten Parks der Stadt. Dort wurde er auf einen »Garten der Gerechten« aufmerksam, der an Menschen erinnern soll, die sich gegen Völkermorde und totalitäre Regime eingesetzt haben. Auf einem Gedenkstein fand Wilmer den Namen Etty Hillesum. »Das war mein erstes Treffen mit dir, wenn ich das so sagen darf. Seither lässt du, lässt deine Geschichte mich nicht mehr los«, so der Bischof in seinem Buch.

Er zeigt sich beeindruckt davon, dass Hillesum bis zuletzt an das Gute glaubte - obwohl sie wusste, was ihr in den Lagern der Nazis bevorstand. »Und wenn es in der nationalsozialistischen Barbarei nur einen gerechten Deutschen gäbe? Das zu denken, ist deine Stärke. Das imponiert mir«, schreibt Wilmer und kommt zu dem Schluss: »Abgrundtiefer Hass richtet sich am Ende immer gegen uns selbst. Wenn unser Hass den anderen zerstört, zerstört er uns selbst.«

Nachdenklich stimmt den Bischof die Beziehung Hillesums zu ihren Eltern. »Das Verhältnis zu deinen Eltern und deinen Brüdern ist schwierig, sie gehen dir mit ihrer Kompliziertheit auf den Geist, nerven dich, treiben dich zur Weißglut, und gleichzeitig bist du ihnen dankbar, weißt was sie dir gegeben haben.« Er beschreibt, wie Hillesum einerseits ihren Eltern verzeihen will, und wie schwer sie sich andererseits damit tut.

Ein einseitiges Bild von Hillesum?

Wilmer fragt Hillesum auch, wie sie betet. Immer wieder versuche sie, ihre Umwelt und die Natur bewusst wahrzunehmen. »Deinen Notizen entnehme ich, dass du in solchen Momenten im Bewusstsein lebst, dass noch jemand da ist.«

Wilmer zeichne in seinem Buch ein einseitiges Bild von Hillesum, wendet der Präsident des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen, Michael Fürst, in seinem Vorwort zum Buch kritisch ein. Denn der Bischof setze sich vor allem mit ihrer Spiritualität und ihren Gedanken zu Gott sowie zu Versöhnung und Hass auseinander. Fürst fragt: »Darf er das? Darf ein katholischer deutscher Bischof ein Zwiegespräch mit einer von den Nazis in Auschwitz ermordeten jungen Jüdin führen?«

Zwischen den Zeilen lässt sich lesen, dass Fürst diese Fragen bejaht: Letztlich lese jeder ein solches Tagebuch aus seinem jeweils individuellen Blickwinkel. Das Buch sei daher für ihn eine Einladung, selbst zu Etty Hillesums Tagebuch zu greifen und es aus seiner Perspektive zu studieren.

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