NS-Geschichte

»Du bist Jüdin«

Inge Deutschkron sel. A. (1922–2022) Foto: Chris Hartung

NS-Geschichte

»Du bist Jüdin«

Am 19. September 1941 wurde es für deutsche Juden Pflicht, den gelben Stern zu tragen

von Nina Schmedding  19.09.2021 08:33 Uhr

Als Inge Deutschkron 1933 als Zehnjährige von ihrer Mutter erfährt, dass sie Jüdin ist, kann sie damit nichts anfangen. » ‚Du bist Jüdin‘, hörte ich die Stimme meiner Mutter. ‚Du musst den anderen zeigen, dass du deshalb nicht geringer bist als sie.‘ « Aber was war das, eine »Jüdin«?

So schildert die deutsch-israelische Journalistin die erste Konfrontation mit ihrer jüdischen Herkunft in ihrer Autobiografie Ich trug den gelben Stern. Sie erzählt darin, wie sie gemeinsam mit ihrer Mutter als Untergetauchte in Berlin den Holocaust überlebt. Als es am 19. September 1941 für jeden deutschen Juden ab dem vollendeten sechsten Lebensjahr zur Pflicht wird, einen gelben Stern zu tragen, ist Deutschkron 19 Jahre alt.

angst Die heute 99-Jährige erinnerte sich einmal im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) daran, wie sie den Stern erstmals nach seiner Einführung auf der Straße trug: »Wir hatten Angst, dass ein Nazi uns angreifen würde, wenn er den gelben Stern, den wir an der Außenseite unserer Kleidung fest angenäht tragen mussten, sah. Aber das geschah nicht. Im Gegenteil. In der U-Bahn stand ein Herr auf und forderte mich auf, mich auf seinen Platz zu setzen. Ich weigerte mich und erklärte ihm, dass ich und auch er verhaftet würden, wenn ich, eine Jüdin, seinen Sitzplatz einnähme.« Erst nach einer längeren Diskussion – aus der sich alle anderen Fahrgäste heraushielten – gab der Herr schließlich nach.

Der gelbe Stern, eine Idee von Gestapo-Chef Reinhard Heydrich, war eine Zwangskennzeichnung für alle deutschen Bürger, die nach den Nürnberger Gesetzen von 1935 rechtlich als Juden galten.

Der gelbe Stern, eine Idee von Gestapo-Chef Reinhard Heydrich, war eine Zwangskennzeichnung für alle deutschen Bürger, die nach den Nürnberger Gesetzen von 1935 rechtlich als Juden galten. Die Betroffenen mussten die Aufnäher selbst bezahlen, das Stück kostete zehn Pfennig. In dem handtellergroßen Stern, der auf der linken Brustseite »in Herznähe« anzubringen war, befand sich als Aufschrift in schwarzen Buchstaben das Wort »Jude«.

Die geschwungenen Linien sollten an die hebräische Schrift erinnern und diese gleichzeitig verhöhnen. Die äußerliche Stigmatisierung diente dazu, das Auffinden von Juden zu erleichtern, um so die damals beginnenden Deportationen besser durchführen zu können.

stigmatisierung Wirklich neu war diese Stigmatisierung nicht. Bereits im Mittelalter hatte es mit Armbinden oder Judenhüten schon einmal ähnliche Vorschriften gegeben. Der jüdische Schriftsteller Victor Klemperer notierte dazu zwei Jahre nach Kriegsende: »... der 19. September 1941. Von da an war der Judenstern zu tragen, der sechszackige Davidsstern, der Lappen in der gelben Farbe, die heute noch Pest und Quarantäne bedeutet und die im Mittelalter die Kennfarbe der Juden war, die Farbe des Neides und der ins Blut getretenen Galle, die Farbe des zu meidenden Bösen.«

Die geschwungenen Linien sollten an die hebräische Schrift erinnern und diese gleichzeitig verhöhnen.

Inge Deutschkron, die ihre Lebensgeschichte immer wieder in Schulen erzählte und 2013 vor dem Deutschen Bundestag eine Rede zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus hielt, lebt mittlerweile wieder in Berlin –- eine Stadt, in der sie eine »wunderschöne Kindheit« vor der Machtergreifung durch die Nazis verbrachte, wie sie betont.

Aber sie sagt auch: »Heute lebt es sich längst nicht so gut, wenn man wie ich als Jüdin bezeichnet wird. Man ist nicht mehr automatisch Mitglied der deutschen Gesellschaft. Juden leben meist wieder isoliert wie vor 1939.« Zudem habe sie sich grundsätzlich mehr Engagement gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit erhofft. 2001 hatte sich Deutschkron entschieden, ihre Zweitwohnung in Tel Aviv aufzugeben, die sie für alle Fälle behalten hatte, um sicherzugehen, ob sie in Deutschland wirklich leben kann. »Heute würde ich anders entscheiden«, sagte sie einmal.

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