Rechtsterrorismus

Dokument einer Zäsur

Vor dem Landgericht in Magdeburg fand der Prozess gegen den Attentäter von Halle statt. Foto: dpa

Am 21. Juli 2020 begann vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgericht Naumburg einer der wichtigsten Strafprozesse der letzten Jahre: Der Attentäter von Halle musste sich vor Gericht für seine Taten verantworten. Der Prozess musste wegen des großen öffentlichen und medialen Interesses nach Magdeburg verlegt werden, in den größten Gerichtssaal des Landes Sachsen-Anhalt.

Kürzlich ist im Leipziger Verlag Spector Books unter dem Titel Der Halle-Prozess: Mitschriften eine detaillierte Dokumentation des Prozesses, in dem vor einem Jahr, am 21. Dezember 2020, das Urteil gesprochen wurde, erschienen. Auf insgesamt 896 Seiten kann man das Geschehen der 26 Verhandlungstage nachlesen.

Die Herausgeber des Buches, Linus Pook, Grischa Stanjek und Tuija Wigard haben die Hauptverhandlung gegen den Attentäter von Halle im Zuge ihres ehrenamtlichen Engagements für den Verein »democ. Zentrum Demokratischer Widerspruch« begleitet und im Internet darüber berichtet.

BETROFFENE »Wir wollten abbilden, wie rechter Terror im Jahr 2020 vor Gericht verhandelt wird, und wie Betroffene ihre Perspektiven innerhalb dieses juristischen Rahmens einbringen können«, schreiben die Herausgeberim Vorwort. Für democ. war deshalb an jedem Verhandlungstag – auch an denen, die wenig Beachtung in den Medien gefunden haben - mindestens ein Autor anwesend, um das Geschehen zu beobachten. Auf diesen Notizen beruht dieser Band.

Während eines Gerichtsprozesses sind nur schriftliche Notizen erlaubt.

»Der Halle-Prozess ist eine Zäsur, er erlaubt einen Einblick in den öffentlichen Diskurs zu rechtem Terror im Jahr 2020. Es ist ein historisches Ereignis, das künftige Generationen anhand der von uns gemachten Mitschriften nachvollziehen können«, so die Herausgeber.

Es ist vor allem eine Fleißarbeit, die hier geleistet wurde. Denn während eines Gerichtsprozesses ist es nicht erlaubt, Bild- oder Tonaufnahmen anzufertigen, nur schriftliche Notizen sind erlaubt. Die müssen jedoch nachbearbeitet werden: Es muss nachrecherchiert werden, was akustisch nicht zu verstehen war, Namen und Details überprüft werden. Wie mühsam das ist, weiß jeder, der schon einmal Prozessberichterstattung gemacht hat.     

DOKUMENT Es ist ein nüchternes Dokument, das hier entstanden ist: Übersichtlich angeordnet und in indirekter Rede gehalten kann man nun die Hauptverhandlung nachvollziehen: Die Prozessführung der Vorsitzenden Richterin Ursula Mertens, die Einlassungen der Staatsanwaltschaft, die Aussagen der Polizeibeamten und Sachverständigen, die Einwände, Fragen und Anträge der Anwälte der insgesamt 45 Nebenkläger und der Verteidiger, und die Aussagen und die Schlussplädoyers der Überlebenden selbst. Allein einmal zu sehen, wie viele Zeugen gehört, wie viele Fragen gestellt, Details im Laufe dieses Prozesses beleuchtet wurden, ist spannend.

Der Name des Täters wird nicht genannt, denn er hat keinerlei Relevanz für die Nachwelt.

Das bedeutet aber auch: Die Einlassungen des Angeklagten, sein Antisemitismus, sein Rassismus, seine Frauenfeindlichkeit, kurz sein unbändiger Hass auf jeden, der nicht seiner Weltsicht entspricht, sind ebenfalls in aller Ausführlichkeit dokumentiert. Auch sein Lachen und seine höhnischen Bemerkungen.

Das ist schwer zu ertragen – aber am Ende die richtige Entscheidung. Denn diese Dokumentation richtet sich nicht an ein breites Publikum, sondern an Forscher, die diese Taten und diesen Prozess aufarbeiten und daraus lernen wollen. Und da ist eine detaillierte Datenlage von großem Vorteil. Was nicht genannt wird, ist der Name des Täters, denn der hat keinerlei Relevanz für die Nachwelt.

AUSLASSUNGEN Weitere inhaltliche Auslassungen gibt es nur wenige: Lediglich wenn es um den Bau von Waffen, um die Sicherheitsvorkehrungen für die Synagoge geht, waren die Herausgeber der Ansicht, dass diese Informationen besser nicht öffentlich gemacht werden sollten. Auch mit privaten Daten der Zeugen und vom Anschlag Betroffenen wurde sehr sparsam umgegangen, selbst ihre Nachnamen tauchen nur in abgekürzter Form auf.

In der Hauptsache wird hier niemand etwas grundlegend Neues erfahren, Prozess und Urteil sind breit berichtet und besprochen worden. Doch allein, dass die Aussagen der Überlebenden für die Nachwelt festgehalten sind, in denen sie von ihrer Angst während des Attentats berichten, und  was dieser Anschlag mit ihnen gemacht hat, ist richtig und wichtig.

Auch, wie sehr die Nebenkläger Einfluss auf den Prozess genommen haben und wie frustriert sie und ihre Anwälte angesichts der mangelnden Fachkompetenz und schlampigen Arbeit mancher Ermittler waren, ist eindrücklich abgebildet. Aus diesem Prozess kann und sollte diese Land viel lernen. Eine Grundlage haben die Herausgeber jetzt geschaffen.

Linus Pook, Grischa Stanjek, Tuija Wigard (Hgg.): Der Halle-Prozess: Mitschriften. Spector Books, Leipzig 2021, 896 S., 28 €

Fernsehen

Abschied von »Alfons«

Orange Trainingsjacke, Püschelmikro und Deutsch mit französischem Akzent: Der Kabarettist Alfons hat am 16. Dezember seine letzte Sendung beim Saarländischen Rundfunk

 29.11.2025 Aktualisiert

Interview

»Es ist sehr viel Zeit verloren gegangen«

Hans-Jürgen Papier, ehemaliger Präsident des Bundesverfassungsgerichts, zieht eine Bilanz seiner Arbeit an der Spitze der »Beratenden Kommission NS-Raubgut«, die jetzt abgewickelt und durch Schiedsgerichte ersetzt wird

von Michael Thaidigsmann  29.11.2025

Hollywood

Die »göttliche Miss M.«

Schauspielerin Bette Midler dreht mit 80 weiter auf

von Barbara Munker  28.11.2025

Literatur

»Wo es Worte gibt, ist Hoffnung«

Die israelische Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen über arabische Handwerker, jüdische Mütter und ihr jüngstes Buch

von Ayala Goldmann  28.11.2025

Projektion

Rachsüchtig?

Aus welchen Quellen sich die Idee »jüdischer Vergeltung« speist. Eine literarische Analyse

von Sebastian Schirrmeister  28.11.2025

Kultur

André Heller fühlte sich jahrzehntelang fremd

Der Wiener André Heller ist bekannt für Projekte wie »Flic Flac«, »Begnadete Körper« und poetische Feuerwerke. Auch als Sänger feierte er Erfolge, trotzdem konnte er sich selbst lange nicht leiden

von Barbara Just  28.11.2025

Aufgegabelt

Hawaij-Gewürzmischung

Rezepte und Leckeres

 28.11.2025

Fernsehen

»Scrubs«-Neuauflage hat ersten Teaser

Die Krankenhaus-Comedy kommt in den Vereinigten Staaten Ende Februar zurück. Nun gibt es einen ersten kleinen Vorgeschmack

 28.11.2025

Eurovision Song Contest

Spanien bekräftigt seine Boykottdrohung für ESC

Der Chef des öffentlich-rechtlichen Senders RTVE gibt sich kompromisslos: José Pablo López wirft Israel einen »Genozid« in Gaza und Manipulationen beim Public Voting vor und droht erneut mit dem Austritt

 28.11.2025