Informatik

Digitale Schnitzeljagd

Papier ist geduldig: Fragment aus dem 11. Jahrhundert mit einem Auszug aus dem Buch Kohelet Foto: genizah.org

Generationen von Historikern, Judaisten und Archäologen haben sich an dem Projekt die Zähne ausgebissen. Und jetzt erledigt ein Computer innerhalb weniger Monate, was Wissenschaftlern während eines Jahrhunderts nicht gelang: die verstreuten Fragmente der Kairoer Genisa zusammenzufügen und lesbar zu machen. Und was dort ans Tageslicht kommt, scheint nichts Geringeres als eine Sensation in der Altertumswissenschaft zu sein.

Als im Jahr 1890 die mittelalterliche Ben-Esra-Synagoge in Kairo renoviert werden sollte, wurde unter dem Dach eine Genisa entdeckt – ein Aufbewahrungsraum für nicht mehr benötigte heilige Texte, die nicht einfach weggeworfen werden dürfen. Unter den Schriftstücken befanden sich nicht nur ausgemusterte Torarollen, sondern auch private Briefe, Schulbücher, Gerichtsdokumente, Heiratsurkunden, ärztliche Rezepte und vieles mehr. Die frühesten Texte stammen aus dem 9., die spätesten aus dem 19. Jahrhundert Gelehrte gehen heute davon aus, dass es sich bei der Kairoer Genisa um die umfangreichste Textsammlung zum mittelalterlichen Judentum im Nahen Osten handelt.

Der Rabbiner Solomon Schechter, der damals bereits ahnte, was für ein Schatz in der Ben-Esra-Synagoge geborgen worden war, verbrachte 1896 etwa zwei Drittel der Schriftstücke nach Cambridge, wo sie bis heute lagern. Der Rest ist auf über 70 Bibliotheken und Institute unter anderem in Jerusalem, New York, London, Paris, Wien, Moskau und Budapest verteilt. Alles in allem ist die Kairoer Genisa in über 350.000 Einzelfragmente zerfallen. Sie jemals wieder zusammenzusetzen, schien unmöglich.

Puzzle Doch damit wollte sich Albert Dov Friedberg nicht abfinden. Der orthodoxe Multimillionär aus dem kanadischen Toronto rief vor zehn Jahren das »Friedberg Genizah Project« ins Leben. Friedberg beauftragte einen emeritierten Computerwissenschaftler der Bar-Ilan-Universität, Yaacov Choueka, damit, geeignete Methoden zu finden, die Bruchstücke der Kairoer Genisa wieder zusammenzufügen.

Chouekas erste Amtshandlung war eine Katalogisierung der 350.000 Fragmente. Sodann wurden sämtliche Dokumente in hoher Auflösung fotografiert und digitalisiert. Damit sind sie, zumindest in elektronischer Form, wiedervereint. Doch das Hauptproblem war noch nicht gelöst: Die meisten Texte waren nach wie vor unlesbar, da sie in kleine Stücke zerfallen sind. Es ist etwa so, als hätte man Hunderte von Puzzlen in einen riesigen Container geworfen und vermischt und müsste nun versuchen, die einzelnen Puzzles zu rekonstruieren. Per Handarbeit praktisch unmöglich.

Software Doch der Logiker Nachum Dershowitz und der Computerwissenschaftler Lior Wolf von der Universität Tel Aviv haben jetzt den Durchbruch geschafft. Die beiden haben ein spezielles Programm entwickelt, das ähnlich funktioniert wie Gesichtserkennungs-Software. Solche erkennt (etwa auf Seiten wie Facebook) anhand unterschiedlicher Parameter ein bestimmtes Gesicht auf verschiedenen Fotos wieder. Die Software der Tel Aviver Informatiker macht das Gleiche mit den Fragmenten der Kairoer Genisa: Sie vergleicht die Puzzleteile anhand von Buchstabengröße, Zeilenlänge, individueller Handschrift oder Farbe und Helligkeit des Papiers und der Tinte. Dann setzt sie passende Stücke automatisch zusammen, und die Wissenschaftler müssen am Bildschirm nur noch prüfen, ob das Computerprogramm keine Fehler gemacht hat.

»Anders als ein Mensch wird ein Computer nicht müde, wenn er Tausende von Textfragmenten miteinander vergleicht, und er macht es sehr viel schneller. Aber nur ein Wissenschaftler kann lesen, was auf den Fragmenten steht, und ihren Inhalt und ihren Kontext erfassen«, erklärt Dershowitz. Und sein Kollege Wolf fügt hinzu: »Eine solche Synergie zwischen Mensch und Computer hat es in diesem Ausmaß in den Geisteswissenschaften noch nicht gegeben.«

Bisher hat die Software mehr als 1.000 Texte richtig zusammengesetzt – mehr, als Gelehrte in den vergangenen 120 Jahren rekonstruiert haben. Darunter waren Schätze, von denen niemand wusste, dass es sie gibt: etwa Originalmanuskripte von Maimonides oder solche von Saadia Gaon, einem Philosophen und Rabbi aus dem 10. Jahrhundert.

Bis Ende 2012 sollen 99 Prozent des vorhandenen Materials rekonstruiert sein und kostenlos online zur Verfügung stehen, verspricht Projektleiter Choueka. Derweil bereiten sich Wolf und Dershowitz schon auf ihr nächstes Projekt vor: eine Rekonstruktion der Schriftrollen vom Toten Meer mithilfe ihrer Software – im Auftrag des Israel-Museums und gesponsert von Google.

http://genizah.org

Leipzig

Hotelmitarbeiter: Gil Ofarim inszeniert sich wie ein Opfer

Vor vier Jahren warf der Musiker dem Hotelmitarbeiter Markus W. vor, ihn aus antisemitischen Gründen nicht einchecken lassen zu haben. Die Vorwürfe waren erfunden. Nun äußert sich der Mitarbeiter erstmals

 10.02.2026

Naturschutz

Ein Zuhause für Meeresschildkröten

Aus einer Notfallklinik in Containern wird ein nationales Zentrum mit weltweit einzigartiger Zuchtstation

von Sabine Brandes  09.02.2026

Literatur

Als nichts mehr normal schien

Ein Auszug aus dem neuen Roman »Balagan« von Mirna Funk, der im Jahr 2024 in Berlin und Tel Aviv spielt

von Mirna Funk  09.02.2026

Restitution

Uni Frankfurt übergibt erstmals NS-Raubgut an Jüdische Gemeinde

Seit gut fünf Jahren durchforstet die Universitätsbibliothek in Frankfurt ihre Bestände systematisch nach Raubgut aus der NS-Zeit. Das Projekt trägt nun Früchte - und ist noch lange nicht abgeschlossen

 09.02.2026

Geburtstag

Seiner Zeit voraus: Vor 100 Jahren wurde John Schlesinger geboren

Regisseur John Schlesinger lebte seine Homosexualität offen und rührte mit seinen Filmen früh an gesellschaftliche Tabus, etwa mit dem Oscar-prämierten »Asphalt Cowboy«. An die atmosphärische Dichte seiner Werke knüpfen Filmemacher noch heute an

von Barbara Schweizerhof  09.02.2026

Fernsehen

Gil Ofarim: »Der Dschungel hat mich wieder zurückgeholt, zurück ins Leben«

»Wenn Gil gewinnt, verliere ich den Glauben an Reality-Shows«, sagte Simone Ballack. Dieser Fall ist nun eingetreten

von Jonas-Erik Schmidt  08.02.2026

Fernsehen

Gil Ofarim gewinnt das RTL-Dschungelcamp. Und nun?

Unser Kolumnist ist nach 17 Folgen ausgebrannt - und zieht ein letztes Mal Bilanz

von Martin Krauß  08.02.2026

Meinung

Warum ich mich für meine Teilnahme am Dschungelcamp nie schämen würde

Die »Lindenstraßen«-Darstellerin Rebecca Siemoneit-Barum war 2015 bei der berühmt-berüchtigten RTL-Sendung in Australien dabei. Hier erzählt sie, was die Zeit im Dschungel bis heute für sie bedeutet

von Rebecca Siemoneit-Barum  09.02.2026 Aktualisiert

Medien

Holger Friedrich, die Juden und ihre offenen Rechnungen nach dem Fall der Mauer

Der Verleger der »Berliner Zeitung« gibt im Gespräch mit Jakob Augstein einmal mehr Einblicke in sein krudes Geschichtsverständnis

von Ralf Balke  08.02.2026