»Zimmer 2806«

Die zwei Seiten des Dominique Strauss-Kahn

Strauss-Kahn wird in New York abgeführt. »Perp Walk« heißt diese Praxis in den USA. Foto: Netflix

Von der Präsidenten-Suite des New Yorker Sofitel soll man, so beschreibt es das Hotel selbst, einen spektakulären Blick über die Stadt haben: von der 44. Straße hinüber zum Empire State Building bis hin zum Chrysler Building.

Eine Aussicht, die vielleicht auch Dominique Strauss-Kahn genossen hat, wenn er Gast in dem Haus war. Eine Aussicht, die vielleicht auch Nafissatou Diallo sehr flüchtig wahrgenommen hat, während sie die Zimmer putzte.

Housekeeping Dreimal mussten die Angestellten des Hotels an der Tür klopfen und sich den Gästen mit »Housekeeping« ankündigen, bevor sie in die Zimmer eintreten durften. So auch am 14. Mai 2011. Diallo, die aus Guinea in die USA eingewandert war, um ein besseres Leben zu suchen, öffnete die Tür, trat ein und wollte mit ihrer Arbeit beginnen. Was dann geschah, sollte ihr Leben für immer verändern.

Nach Aussage von Diallo habe Strauss-Kahn, der damalige Chef des Internationalen Währungsfonds und möglicher Herausforderer von Nicolas Sarkozy bei den französischen Präsidentschaftswahlen 2012, sie angegriffen und versucht, sie zu vergewaltigen. Strauss-Kahn stritt dies ab.

Interview Über diesen Tag, über die folgende Anklage sowie deren Abweisung und Vorwürfe wegen Zuhälterei in Frankreich ist nun bei Netflix die vierteilige Dokumentation Zimmer 2806: Die Anschuldigung erschienen. Regisseur Jalil Lespert enthüllt dabei zwar nichts wesentlich Neues, zeichnet aber durch viele Interviews das Porträt eines der wohl mächtigsten Männer der Welt sowie einer Frau, die, wenn man so will, »am anderen Ende der Nahrungskette« zu stehen scheint. Er stellt das Umfeld Strauss-Kahns vor, zu dem bekannte Politiker und Intellektuelle gehören. Und er erzählt von Strauss-Kahns Frauen, die dem intelligenten und machtbewussten Mann immer zur Seite standen und ihm auf dem Weg zum möglichen Präsidentschaftskandidaten halfen.

Eine besondere Rolle nimmt dabei seine vorletzte Frau ein, die in Frankreich bekannte Journalistin Anne Sinclair. Lespert beschreibt auch die anderen Frauen Strauss-Kahns, die manchmal nur party- und stundenweise an seiner Seite waren. Die jungen Frauen, die um ein Interview mit DSK baten, wie die Journalistin Tristane Banon, die Prostituierten, die wohl unaussprechliche Dinge über sich ergehen lassen mussten, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, die hilflosen Frauen, die – lange vor der MeToo-Bewegung – keine Lobby hatten. Es sind ihre Stimmen und Aussagen, die diese Doku so sehenswert machen und die die Schilderungen der Verteidiger Strauss-Kahns – sowohl in den USA als auch in Frankreich – umso abgebrühter und zynischer, als sie es ohnehin schon sind, erscheinen lassen.

Gesellschaft Die Doku ist das Porträt einer Gesellschaft, die nichts Verwerfliches daran zu finden scheint, wenn sich Männer mit einflussreichen Posten Frauen zuführen lassen. Für die es offenbar eher ein Kompliment ihrer Virilität ist, wenn sie dies tun. Die, die es ansprechen, offenlegen und dagegen vorgehen, müssen sich unangenehme Fragen stellen lassen. Nicht die Täter.

Strauss-Kahn hat in einem Tweet Anfang Dezember 2020 angekündigt, seine Sicht der Dinge in einer Doku darzustellen. Er möchte auf sein politisches Leben und auf seinen Rückzug aus der Politik zurückblicken. Sollte man das sehen?

Halacha

Deutsch-jüdischer Leuchtturm

Die Berliner Studien zum Jüdischen Recht feiern ihr 30-jähriges Bestehen an der Humboldt-Universität

von Detlef David Kauschke  16.06.2026

»Imanuels Interpreten« (22)

Herbie Mann: Der Klangsetzer

Herbie Manns Motto: »Wenn du die Musik von jemandem spielen willst, gehe zu ihm nach Hause.« Er setzte dies um, hatte dann aber die Jazz-Polizei am Hals

von Imanuel Marcus  16.06.2026

In eigener Sache

Jüdische Allgemeine depubliziert Texte von Stephan-Andreas Casdorff

Die Prüfung mit spezialisierter Software legt Nahe, dass zwei Kommentare des »Tagesspiegel«-Editor-at-Large in dieser Zeitung von einer KI geschrieben wurden

 15.06.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der Jüdischen Welt

von Imanuel Marcus, Katrin Richter  15.06.2026

Kolumne

»Ich bin bloß eine Regenwolke!«

Von Winni Puch bis Tscheburaschka: Wie sowjetische Trickfilme gegen Antisemitismus helfen

von Eugen El  14.06.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Erst Kurt Krömer, dann Modi Rosenfeld: Shoppen und lachen

von Katrin Richter  14.06.2026

Aufgegabelt

Hähnchen-Schawarma mit Tahini

Rezept der Woche

 14.06.2026

Medien

KI-Verstoß: »Tagesspiegel« nimmt Casdorff-Texte offline

Stephan-Andreas Casdorff verfasste auch für die Jüdische Allgemeine Kommentare. Die Redaktion prüft, ob auch diese Texte von einer KI statt von Casdorff selbst verfasst wurden

 12.06.2026

Berlin

»Ich bin stolz! Sehr stolz«

Dieter Nuhr ist mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden geehrt worden. Wir dokumentieren hier exklusiv seine Rede im Wortlaut

von Dieter Nuhr  12.06.2026 Aktualisiert