Literatur

Die wundersame Welt des Jan Faktor

Jan Faktor in seiner Pankower Wohnung (2010) Foto: Stephan Pramme

Literatur

Die wundersame Welt des Jan Faktor

Von Prag nach Berlin-Pankow: Zu Besuch bei einem erfindungsreichen Schriftsteller

von Katrin Richter  28.09.2010 09:24 Uhr

Ein leichtes Anschubsen genügt, und die Lampe mit dem beigen Papierschirm saust an einem dünnen Stahlseil durchs Zimmer. Vorbei am großen Bücheregal mit Reiseführern, einer Menora und Schallplatten von Johann Sebastian Bach und The Doors. Mit einem leisen Surren bleibt das Gestell mit Glühbirne wackelnd über dem massiven Holztisch hängen. Früher habe er mehr herumgebastelt, sagt Jan Faktor. Das sieht man: Durch die Wohnung in Berlin-Pankow ziehen sich allerlei Stricke und Drähte. Hosen hängen auf einem selbstgebastelten Gestell von der Decke herab und können bei Bedarf heruntergelassen werden. Eine besondere Art des Kleiderschranks.

Doch das mit dem Basteln ist schon einige Zeit her. Der Alltag des Schriftstellers ist inzwischen einfach zu hektisch geworden: Lesungen, die Familie, das Schreiben und Interviews. Äußerlich wirkt der 59-Jährige dennoch recht gelassen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass er mit seinem kürzlich erschienenen Buch Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag (Kiepenheuer & Witsch) auf der Shortlist des renommierten Deutschen Buchpreises steht. Am 4. Oktober wird der Sieger bekannt gegeben. Doch das alles lässt den gebürtigen Prager relativ kalt: »Wenn man mit nichts weiter rechnet, kann man auch nicht tief enttäuscht werden.« So kurz vor der Preisverleihung scheint dieser Satz das Credo des zierlichen Mannes zu sein. Faktor wiederholt ihn in ähnlich kurzen Abständen, wie die Flugzeuge über seine Altbauwohnung fliegen. »Natürlich ist die Nominierung eine große Würdigung, und ich habe mich auch gefreut«, sagt er. »Für das Buch ist das alles enorm wichtig.« Und für Jan Faktor auch, könnte man hinzufügen: Denn der Roman begleitet ihn schon ein halbes Leben lang.

Schreibmaschine Was sich heute in seinem Arbeitszimmer in mehreren Ordnern und Kisten verstauen lässt, hat vor 25 Jahren mit ein paar Stichpunkten begonnen. Beinahe mit wissenschaftlicher Akribie hat Faktor seine Gedanken über den Romanhelden Georg, der in einem Prager Frauenhaushalt aufwächst, abgetippt. Damals noch auf einer mechanischen Schreibmaschine. Inzwischen sind aus den schwarzen Buchstaben dunkelblaue geworden. Die Seitensammlung hat er akurat nummeriert und fein säuberlich abgeheftet.

Auch wenn es in seiner Wohnung nicht überall danach aussieht: Jan Faktor ist ein ordentlicher Mensch. Auch bei den Nachforschungen für sein womöglich preiswürdiges Prag-Buch hat er großen Wert darauf gelegt, selbst das winzigste Detail sorgfältig zu überprüfen. »Manche Recherchen haben sich über viele Jahre hingezogen. Mal ging es darum, bestimmte Fakten überhaupt herauszubekommen. Mal darum, seinerzeit nur durch Mundpropaganda verbreitete Nachrichten zu überprüfen.« Und oft seien diese »Ergebnisse nur in einem Satz oder einigen wenigen Zeilen versteckt«. Das ist ihm die viele Arbeit wert. Da Faktor schon mehrere Bücher geschrieben hat – der Durchbruch gelang ihm mit dem Roman Schornstein –, wirkt sein winziges Arbeitszimmer am Ende der Wohnung wie organisiertes Chaos. Vollgepackte Holzregale mit Kartons, Taschen, Zetteln und auf dem Tisch ein alter Computer, den Faktor aber nur zum Schreiben benutzt. Kein Internetzugang, der ihn womöglich vom Arbeiten abhalten könnte. Kein Telefon, kein freier Blick aus dem schmalen Fenster. Eine Schreibstube, die, würde man die Tür hinter sich zumachten, eine geschlossene Welt für sich wäre.

Neurose Wenn er aus dem Zimmer heraustritt, blickt er auf ein Bild seiner Mutter, das an der Wand hängt. Sie hat die Schoa überlebt. Mit ihren Erzählungen – die nur selten vom Völkermord handelten – und Lebensweisheiten ist Jan Faktor groß geworden. Und mit seiner Tante. Ein richtiger Frauenhaushalt war das in Prag: »Wenn man Glück hat, bekommt man dort sehr viel Liebe geschenkt. Gratis dazu gibt es aber auch noch eine saftige Neurose.«

Dass Faktor sich daraus befreien konnte, verdankt er vor allem seiner Frau. Ihretwegen kam er 1978 in die DDR, lernte Deutsch, die Muttersprache seiner Vorfahren. Es war ein Wendepunkt in seinem Leben. Damals, so beschreibt er es selbst, »war ich noch ziemlich unreif und extrem schüchtern«. Noch heute wirkt der Literat zurückhaltend, ja ein wenig scheu. Doch Faktor kann auch energisch werden. Zum Beispiel, wenn er etwas unbedingt und gleich wissen will. Dann setzt er sich eine Brille auf, die an einer Schnur um den Hals hängt, und blättert auf den ersten Blick wenig zielgerichtet in seinen Unterlagen. Aber schon im nächsten Moment kehrt diese Jan-Faktor-Ruhe zurück, die den Mann in Jeans und T-Shirt offenbar ausmacht.

Heimat Im Berlin der Achtzigerjahre blühte der Schriftsteller auf: »Meine Frau studierte Psychologie und ist sowieso ein psychologisches Naturtalent. Mit ihrer Hilfe habe ich mich von meiner Prager Familie auch innerlich entfernt.« In der alten tschechischen Heimat allerdings war die Begeisterung über den neuen Jan verhalten: »Eine Zeit lang hieß es, meine Frau hätte aus mir einen bösen Menschen gemacht.«

Dabei kam das Böse von ganz woanders her. Faktors Tante Felicitas und seine Mutter waren beide nicht nur in Theresienstadt und Auschwitz, sondern auch in Christianstadt, einem Außenlager des KZ Groß-Rosen. »Die wirklich üblen Dinge wurden mir in der Kindheit nie erzählt. Im Gegenteil: lauter Anekdoten. Über die KZs wurde bei uns viel gelacht – so wie sich andere Menschen über peinliche Erlebnisse aus alten Zeiten amüsieren.« Doch als Faktor das erste Mal Christianstadt besuchte, wusste er, dass ihn dieses Thema nicht mehr loslassen würde. Denn der Ort, versteckt in den polnischen Wäldern, hat noch lange nicht alle schrecklichen Geheimnisse freigegeben. Alles, was Faktor über das Lager bislang zusammengetragen hat, befindet sich in einem Pappkarton. Eine Art Vermächtnis. Ganz in Schwarz.

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