Literatur

Die Wortwerkerin

Wie überlebt man, wenn die Mutter Auschwitz überlebt hat? Nava Semel Foto: Rolf Walter

Es gibt Autoren, die sich einen vermeintlich intellektuellen Habitus samt passendem Schal und Hut zulegen und damit ihrer Umgebung auf die Nerven gehen. Die Bücher dieser Feingeister lesen sich meist dementsprechend. Die israelische Schriftstellerin Nava Semel, 1954 in Yaffo geboren, verzichtet auf solchen Firlefanz. Sie sieht nicht nach Dichterstube aus, sondern wirkt, als würde sie, wenn es so etwas gäbe, in der lärmenden Wortfabrik eines Kibbuz arbeiten, wo man die Ärmel aufkrempelt und die Druckerschwärze Flecken auf dem Overall hinterlässt. Eine Wortwerkerin sozusagen. Auch mit ihren literarischen Auszeichnungen – von denen sie etliche erhalten hat – schmückt Semel sich nicht. Wichtiger ist ihr, dass sie mit ihrer literarischen Arbeit das Leben ihrer Leser verändert. So wie im Fall eines jungen Italieners, der in ihrem, im Februar auch in Deutschland erschienenen Buch Liebe für Anfänger die Geschichte eines verliebten Schwulen las. »Er lebt im katholischen Turin und schrieb mir, dass einer seiner Freunde wegen seiner Homosexualität gemobbt worden sei«, erzählt die Autorin. »Jetzt wird er meine Geschichte gegen die Angreifer als Munition verwenden. Wenn das, was ich geschrieben habe, also nur einem einzigen Menschen geholfen hat, dann war das Buch die Mühe wert.«

zweite generation Nava Semel will das Leben von Menschen verändern und den Stummen eine Stimme geben. Das ist ihre Mission. Wenn Schriftsteller eine Mission haben, bleibt die Literatur meist auf der Strecke. Semel ist da eine Ausnahme, weil sie über Themen schreibt, mit denen sie sich auskennt. Mit ihrem Debüt Gläserne Facetten 1985 prägte sie den Begriff der »Zweiten Generation« und setzte sich als erste Autorin ihres Landes mit den Erfahrungen von Israelis auseinander, deren Eltern die Schoa überlebt haben. Semels Verleger war zunächst skeptisch, denn dieses Thema interessierte damals in Israel kaum jemanden. Doch Nava Semel ließ sich dadurch nicht beirren. Sie wollte mitteilen, was ihr Leben geprägt hat. Ihre Mutter Mimi hatte Auschwitz überlebt, ihr Vater Yitzhak war Partisan gewesen. Die Eltern verschwiegen das Erlittene, um Nava und ihren Bruder Schlomo nicht mit der Vergangenheit zu belasten: »Sie wollten nicht darüber reden, damit wir gesund aufwachsen. Damit keine beängstigenden Geister unser Leben zu Hause stören. Damit wir ans Leben glauben.

Folkrock Damit wir als Israelis, als Kinder eines ›neuen‹ Volks aufwachsen.« Doch diese Strategie des Schweigens funktionierte nicht. »Die Überlebenden haben nicht begriffen, dass die Vergangenheit, dieses schwarze Loch, dennoch solch große Auswirkung auf das Leben ihrer Kinder hat«, analysiert Nava Semel. Ihr Bruder, der bekannte Folkrocksänger Schlomo Artzi, bestätigt das. In einem Gespräch mit dem Starjournalisten Yair Lapid, dessen Vater, der TV‐Moderator und Politiker Tommy Lapid, auch zu den Überlebenden gehörte, erinnerte sich Shlomo: »Die Schoa war immer anwesend. Wir wussten natürlich, dass wir Kinder von Überlebenden sind. Aber es wurde uns nichts erzählt. Wir waren Nerot Sikaron, Kerzen des Gedenkens. Und das ist wirklich eine Last.«

Es dauerte lange, sehr lange, bis Mimi und Yitzak Artzi sich überwinden konnten, mit ihren Kindern zu reden. »Es hat einige Zeit gebraucht, um sie zu überzeugen, dass man eine Biografie nicht auslöschen kann. Schließlich haben sie verstanden, dass ihre Versuche, uns vor den Erinnerungen zu schützen, genau das Gegenteil bewirkt hatten«, beschreibt Nava Semel den Prozess. »Und dass gerade weil wir Israelis sind und weil wir wirklich eine neue Identität besitzen, wir auch über genügend seelische Kraft verfügen, um uns mit den Verletzungen der Elterngeneration auseinanderzusetzen. Aber am Anfang war das schwer für meine Mutter. Warum ich darüber schreiben wolle, fragte sie zuerst. Was das solle.«

kinderbücher Obwohl Nava Semel die Biografien der »Zweiten Generation« und der Überlebenden in Büchern, Drehbüchern und Essays immer wieder aufgegriffen hat und auch im Direktorium von Yad Vashem sitzt, ist sie keine monothematische Autorin. Sie schreibt auch Kinderbücher, die deshalb Erfolg haben, weil die Autorin ihre jungen Leser ernst nimmt, etwa, indem sie der Angst israelischer Jungen und Mädchen vor Terroranschlägen eine Stimme gibt. Und ihr neuestes Buch handelt von ihrer Reise zu ihrem Sohn und dessen australischer Freundin, die auf dem fünften Kontinent in einer Hippie‐Kommune lebten. »Am Anfang schockierte mich die Vorstellung, nicht in einem Hotel, sondern in einer Kommune zu wohnen. Ich bin ja keine 16 mehr! Aber mein Sohn kennt mich. Ich liebte dieses Leben dort. Es war wie im Kibbuz.«

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