Olympia 1936

Die Welt zu Gast bei Feinden

Fechterin Helene Mayer (r.) bei der Siegerehrung Foto: dpa

Olympia 1936

Die Welt zu Gast bei Feinden

Über die Spiele in Berlin hielt sich lange Zeit die Mär, sie wären eine »Oase der Freiheit« gewesen

von Ralf Schäfer  25.07.2016 19:53 Uhr

Alle Welt ist begeistert von der lückenlosen Organisation, der geschlossenen Ordnung und Disziplin, die mit verschwenderischer Großzügigkeit aufgezogen ist.» Frankreichs Botschafter André François-Poncet war beeindruckt. Die Realität des NS-Regimes vergaß er nicht. Nur auf den ersten Blick schien Berlin weltoffen und tolerant. Man hörte Jazz, bejubelte den schwarzen US-Athleten Jesse Owens, zwischen den Fahnen mit Hakenkreuzen und olympischen Ringen. Selbst die Verkaufskästen des Hetzblattes «Stürmer» waren abmontiert.

Die Stadt wirkte gesäubert, jedenfalls aus NS-Perspektive: Oppositionelle waren vorbeugend verhaftet, Bettler entfernt, Sinti und Roma in ein Lager gepfercht worden. Im Norden Berlins bauten Häftlinge das KZ Sachsenhausen. Stadtverwaltung, Polizei und NS-Organisationen hatten die Bühne für die olympische Feier bereitet. Über die Gastgeber rätselte François-Poncet: Wie konnten «diese Männer, die offensichtlich Vergnügen an diesen mondänen und raffinierten Festlichkeiten finden, gleichzeitig Anstifter der Judenverfolgungen und Folterungen in den Konzentrationslagern sein?»

systematisch Zugleich protestierte eine internationale Boykottbewegung gegen die Nazi-Olympiade. 1933 brach sich der Antisemitismus im NS-Regime nirgends so schnell Bahn wie im Sport. Im März begann der Ausschluss von Juden aus Vereinen und Verbänden; zum Entsetzen der Londoner «Times» wurde das Tennis-Ass Daniel Prenn aus der deutschen Davis-Cup-Mannschaft verstoßen. Es gab tätliche Angriffe auf jüdische oder «jüdisch aussehende» Sportler und Zuschauer, auch auf Ausländer – die internationale Presse berichtete.

Der Organisator der Spiele, Carl Diem, warnte das Regime vor dem Imageschaden. Er wolle nicht Juden helfen, aber «Gastlichkeit» sei die «beste Kampfwaffe» für den «eigentlichen Zweck» der Spiele: «Hochachtung und Dankbarkeit fremder Länder» zu erschleichen – die Welt zu Gast bei Feinden.

Das IOC blieb gelassen. Es sei Sache der Deutschen, ob sie Juden in ihre Mannschaften aufnehmen, so sein belgischer Präsident Baillet-Latour. Der US-Funktionär Avery Brundage beschied einer Delegation Berliner Juden: «In meinem Club in Chicago sind Juden auch nicht zugelassen.» Später akzeptierte das IOC die deutsche Erklärung, «olympiareife» Juden kämen in den Kader. Demonstrativ wurde die nach den NS-Rassegesetzen als «Halbjüdin» geltende Fechterin Helene Mayer als «Alibijüdin» ins deutsche Aufgebot geholt.

Hitlergruß Doch selbst nach den Rassegesetzen war sie startberechtigt. Der Hitlergruß der «blonden He» bei der Siegerehrung empörte den entlassenen Romanisten Victor Klemperer: «Ich weiß nicht, wo die größere Schamlosigkeit liegt, in ihrem Auftreten als Deutsche für das Dritte Reich oder darin, dass ihre Leistung für das Dritte Reich in Anspruch genommen wird.» Gretel Bergmann, als «Volljüdin» eingestuft, wurde ausgeladen, obwohl sie im Hochsprung Medaillenchancen hatte.

Hauptmann Wolfgang Fürstner, überzeugter Nazi und Kommandant des Olympischen Dorfes, erschoss sich zum Ende der Spiele. Man hielt ihm jüdische Vorfahren vor. Aber das IOC war zufrieden: Noch nach dem Pogrom 1938 bat es das NS-Regime um die Ausrichtung der Winterspiele von 1940.

Nach 1945 logen Olympiafunktionäre wie Carl Diem die Berliner Spiele zur «Oase der Freiheit» und «Insel der Rassengleichberechtigung» oder wie Avery Brundage zum «großen Sieg für die Olympische Idee» um. Heute spricht die Berliner Historikerin Christiane Eisenberg von einer «Auszeit der Regimes»: Im olympischen Sport würden alle Menschen, egal welcher Herkunft, Religion oder Überzeugung, gleich behandelt.

Berlin und DOSB-Präsident Hörmann verschwiegen bei ihrer letzten Olympiabewerbung das Thema 1936 lieber. Und das IOC hat noch keine Historikerkommission gefunden, die den Antisemitismus des höchsten olympischen Gremiums und seine Kollaboration mit der NS-Diktatur aufarbeiten könnte. Auch unter dem deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach gibt es dazu bisher noch keine Initiative.

Medien

KI-Verstoß: »Tagesspiegel« nimmt Casdorff-Texte offline

Stephan-Andreas Casdorff verfasste auch für die Jüdische Allgemeine Kommentare. Die Redaktion prüft, ob auch diese Texte von einer KI statt von Casdorff selbst verfasst wurden

 12.06.2026

Berlin

»Ich bin stolz! Sehr stolz«

Dieter Nuhr ist mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden geehrt worden. Wir dokumentieren hier exklusiv seine Rede im Wortlaut

von Dieter Nuhr  12.06.2026 Aktualisiert

Musik

Mike D in Berlin: Ein Beastie Boy meldet sich zurück

Das Berliner Säälchen am Holzmarkt wird zur Kulisse des einzigen Deutschland-Konzerts des »Beastie Boys« Mike D. Hunderte Fans sind begeisterte Zeugen des überraschenden Comebacks ihres Idols

 12.06.2026

Weltmeisterschaft

Die Kraft des Gemeinsamen

Vom Hoffen, Mitfiebern und Leiden: Eine Liebeserklärung an die Macht und die Möglichkeiten des Fußballs

von Awi Blumenfeld  11.06.2026

Kulturfest

Jüdische Woche in Leipzig

70 Leipziger Institutionen und Vereine gestalten ein Programm zu jüdischem Leben in Vergangenheit und Gegenwart. Erwartet werden internationale Gäste

 11.06.2026

Dresden

Elnet: Initiative soll Neugier auf jüdisches Leben wecken

Die Kampagne ist Teil des Themenjahres »Tacheles. Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026« und wird zunächst sechs Wochen sichtbar sein

 11.06.2026

Hass auf der Bühne

»Hofnarr der Hamas«: Kritik an Auftritt von Bassem Youssef in Berlin

Der amerikanisch-ägyptische Comedian relativiert die Hamas-Verbrechen vom 7. Oktober und verbreitet Verschwörungsmythen über Israel. Nun werden Forderungen nach einer Absage seiner Vorstellung im Tempodrom laut

von Imanuel Marcus  11.06.2026 Aktualisiert

Festival in Köln

»Shalom-Musik.Koeln« 2026 bringt jüdische Musik in die ganze Stadt

Avi Avital, Sharon Brauner, Omer Klein und Bar Zemach sind nur vier der vielen Künstler, deren Performances auf dem Programm stehen

 11.06.2026

Hollywood

Hasswelle gegen Gwyneth Paltrow wegen Israel-Werbung

Die Datstellerin mit jüdischem Familienhintergrund ist das Werbegesicht für das israelische Luxusbauprojekt 51 Park in Herzliya. Die Quittung: Sie wird online als »genocide queen« beschimpft

 11.06.2026