Literatur

Die Wahrheit über Joël Dicker

Joël Dicker ließ sich von den vielen Absagen nicht beirren. Foto: picture alliance / Franck Dubray/MAXPPP/dpa

»Alles ist futsch! Aus und vorbei! Man wird mich niemals veröffentlichen!« Am Boden zerstört irrte Joël Dicker in Saint-Germain-des-Prés umher. Nach unzähligen Absagen hatte sich auch der Verleger de Fallois nicht gescheut, seinem Desinteresse Ausdruck zu verleihen, und Dicker unmissverständlich zu verstehen gegeben, seine Zeit nicht mit einem miserablen Manuskript zu verschwenden.

Dicker aber machte sich trotz dieser Widrigkeiten auf die Fersen, ging in die nächste Buchhandlung und schrieb eine überzeugende Replik an de Fallois. Dieser war von der Hartnäckigkeit des jungen Mannes beeindruckt und nahm schließlich die Erfolgsfährte auf.

Erfolg In Lichtgeschwindigkeit führte der 1985 geborene Joël Dicker die französischen Bestsellerlisten an. Sein jüngster, nun erschienener Roman L’Énigme de la Chambre 622 entthronte sogar Cyril Lignac, den König der französischen Zuckerbäckerei. Ein Erfolg, wie er im Buche steht.

In Dickers Romanen freilich ist der Spitzenrang mit harten Bandagen erkämpft und mit allerlei Falltüren, Kabalen und Skandalen verbunden. Dicker legt sich zwar ausdrücklich nicht auf ein Genre fest, hat sich inzwischen aber einen legendären Ruf als Krimiautor erarbeitet.

Seine Romane Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert, Die Geschichte der Baltimores und Das Verschwinden der Stephanie Mailer wurden in Dutzende Sprachen übersetzt. Jean-Jacques Annaud drehte eine Miniserie nach Harry Quebert mit Patrick Dempsey (Dr. Derek Shepherd aus der Arzt-Serie Grey’s Anatomie) in der Hauptrolle. Kaum vorstellbar, dass sich der Dicker-Boom mit selbst für die Krimiszene schwindelerregenden Verkaufszahlen aus dem Nichts entwickelte.

GEHEIMREZEPT Was aber ist das Geheimrezept dieses Erfolgs? Mit dem viel gerühmten Quäntchen Glück ist es nicht getan. In Dickers Fall ist es das Zusammenspiel dreier Faktoren: Mut, Mentor und Mélange. Mut lag wohl in Dickers Familie.

Dicker wurde als Sohn einer Buchhändlerin und eines Französischlehrers in Genf geboren. Das Wort wurde ihm bereits in die Wiege gelegt, Mut aber noch lange nicht. Es sei denn, man geht davon aus, dass der Handel mit Büchern und die Unterrichtung eher bibliophober denn bibliophiler Schüler eine ordentliche Portion Courage voraussetzt, was gewiss nicht von der Hand zu weisen ist.

Uropa Abenteuerlicher wird’s aber, bewegt man sich auf dem Zeitstrahl noch ein wenig weiter zurück. Joël Dickers Urgroßvater war der berühmte Schweizer Sozialist Jacques Dicker, der wegen seiner Gesinnung aus dem zaristischen Russland fliehen musste. In der Schweiz fand er Asyl und eine neue Heimat. Er engagierte sich für die sozialistische Partei und wurde Fachanwalt für Strafrecht. Zunehmend jedoch sah er sich antisemitischen Attacken ausgesetzt.

»Der Jude Dicker« wurde zur Zielscheibe der extremen Rechten. Joël Dickers Großmutter wurde nach ihrer Flucht vor den Nazis in einem Schweizer Flüchtlingslager aufgenommen. Dicker ist der rebellischen Familientradition sehr verbunden: Er engagiert sich für Flüchtlinge jeder Couleur.

»Ihr Manuskript ist miserabel«: Joël Dicker ließ sich von den vielen Absagen nicht beirren.

So wandelbar Dicker selbst wirkt, so unbeirrbar verfolgt er seine beruflichen Ziele. Flexibilität und Zielstrebigkeit schließen sich nicht aus, dafür liefert Dicker das beste Beispiel.

Im Alter von zehn Jahren gründete er eine eigene Zeitschrift, »La Gazzette des Animaux«, und heimste dafür gleich einen renommierten Tierschutzpreis ein. Er studierte an der berühmten französischen Schauspielschule »Cours Florent«, entschied sich schließlich für Jura und arbeitete als Attaché im Schweizer Parlament. Gesetzestexte oder Fiktion lautete die Frage, und schneller, als die Polizei erlaubt, fiel die Entscheidung zugunsten der Fantasie.

Mentor In de Fallois war der Mentor gefunden, Meister und Discipulus, so Dicker, wurden zu einem Erfolgsgespann, das die manchmal etwas schläfrige Verlagswelt aus den Angeln hob. Dicker ist besessen von seiner Arbeit, steht um vier Uhr morgens auf (das muss man präzisieren in dieser Branche!) und schreibt bis abends.

De Fallois, inzwischen verstorben, telefonierte mit zig Buchhandlungen, damit der Name Dicker in aller Munde sei. Ihm war die erfolgversprechende Trias von Buchhandel, Feuilleton und Leserschaft bewusst.

Dicker hörte auf die Ratschläge seines Mentors und nahm vor allem den Leser in den Fokus, was ihm nicht selten abfällige Kommentare aus den Gefilden der Hochkultur einbrachte. Ein Abklatsch von Philip Roth, Strandlektüre, schlecht geschrieben – so lauteten noch die mildesten Vorwürfe.

STEREOTYPEN Dicker ließ sich davon nicht beirren. Selbstverständlich habe ihn Roth beeinflusst, in Newark stehe die Wiege der amerikanischen Literatur, sagte er. Deshalb habe er auch Marcus Goldman, einen seiner Protagonisten, dort aufwachsen lassen. Auch die jüdische Mama darf nicht fehlen, so klischiert gar, dass man sie dem schlimmsten Feind nicht an den Hals wünschen würde. Dicker scheut nicht vor Referenzen und auch nicht vor Stereotypen zurück.

Auf den Rhythmus komme es an im Text und im Leben.

Da liegt im Roman schon einmal eine Mädchenleiche im Garten vergraben, und Schriftsteller sitzen hadernd mit sich selbst und der Begabung vor dem weißen Blatt. Dicker selbst gibt zu, er wisse nie, was im nächsten Buch passieren würde. 65 Fassungen gebe es von seinem jüngsten Buch! Er beginne einfach zu schreiben, aus einer Ich-Erzählweise entwickle sich nach 100 Seiten plötzlich eine personale, aus Max wird Macaire, Erbe der Bank Ebezner und gleichnamiger Held auch bei Dostojewski.

Mélange Auf den Rhythmus komme es an im Text und im Leben. Er selbst könne nicht im Stillen schreiben, brauche den Klang im Ohr, Michel Petrucciani zum Beispiel. Diese Mélange macht den Dicker-Stil aus, der zuweilen nach Strand, aber auch nach Albert Cohens »Möwen mit antisemitischem Blick« klingen darf.

Kein Wunder bei einem Juristen, der sich als geborener Schweizer seiner eigentlichen Leidenschaft, der Schriftstellerei, widmet und behauptet, ein Buch zu schreiben, bedeute, »ein Ferienlager aufzuschlagen«. Wer sich dort dann tummelt, weiß nicht einmal Dicker selbst, zumindest nicht, bevor die 65. Version endgültig zwischen zwei Buchdeckel gebannt ist.

Daniel Donskoy

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