Biografie

Die unbekannten Lehman-Brüder

Karen Franklin sitzt in ihrem New Yorker Arbeitszimmer. Sie stützt die Ellenbogen auf den Schreibtisch und faltet die Hände. Ihr weißer Wollpullover schimmert hell in dem dunklen, sorgfältig aufgeräumten Zimmer. Hinter ihr steht ein alter Globus auf einem Tisch. »Ich glaube, das wichtigste an dieser Geschichte ist die Familienverantwortung«, sagt sie. Franklin spricht frei heraus, aber nicht unfreundlich.

Ihre Geschichte spielt in den 30er‐Jahren. Sie handelt von der Schoa, dem Massenmord an sechs Millionen Juden. Und von den Schicksalen einiger Hunderter aus Deutschland und Österreich, die von einer jüdischen Bankiersfamilie namens Lehman nach Amerika gerettet wurden. Die Expertin für deutsch‐jüdische Familiengeschichte hat dem Thema viel Energie gewidmet. »Diese Geschichte ist furchtbar wichtig«, sagt sie. »Und sehr bewegend.«

Puzzle In den vergangenen sechs Jahren durchforstete Franklin unzählige Dokumente, Briefe und Akten, um die Geschichte der weitverzweigten Familie Lehman wie ein Puzzle zusammenzusetzen. Sie traf sich mit den Nachfahren der Menschen, die von den Lehmans gerettet wurden. Sie hatte viele Fragen.

»Jeder von ihnen konnte eine andere Geschichte erzählen«, erinnert sie sich. Einige bekamen Affidavits, Versicherungen an Eides statt, und wurden gerettet. »Andere schafften es nicht nach draußen.« Draußen bedeutet außerhalb Europas, wo diese Menschen seit 1933 jahrelang in Lebensgefahr schwebten. Mit dieser Bürgschaft konnten die Flüchtenden ein Visum für die USA beantragen. Franklin schweigt einen Moment. Dann sagt sie: »Ein Affidavit entschied über Leben oder Tod. Doch niemand verstand das.«

Bank und Fonds Familienoberhaupt Mayer Lehman kam aus dem schwäbischen Rimpar und emigrierte 1850 zu seinen Brüdern in die USA, wo sie die Bank »Lehman Brothers« gründeten. Als die Bank 2008 insolvent wurde, gehörte sie seit zwei Jahrzehnten schon nicht mehr den Lehmans. Der berühmte Name aber war geblieben. Ende der 20er‐Jahre gründeten Mayer Lehmans Nachfahren aus seinem Nachlass den »Mayer Lehman Charity Fund«, um hilfsbedürftige Verwandte in Europa zu unterstützen. Sein Sohn Herbert H. Lehman, der 1933 Gouverneur von New York wurde, leitete den Fonds gemeinsam mit seiner Nichte Dorothy Lehman Bernhard.

In Folge der Machtübernahme der Nazis suchten viele Lehman‐Verwandte die Hilfe ihrer bereits emigrierten Angehörigen. Diese spendeten Geld an den Fonds, um darüber hinaus so viele Familien wie möglich zu retten. Gemeinsam mit jüdischen Hilfsorganisationen managten Herbert Lehman und Dorothy Bernhard die Flucht aus Europa.

Sie besorgten Dokumente und vermittelten Unterkünfte, unter anderem in Kalifornien und Michigan. Herbert Lehman legte Wert darauf, dass die Geretteten sich in Amerika eine neue Existenz aufbauen konnten. »Sie wollten jede Familie, die sie nach Amerika holten, persönlich kennenlernen, und arrangierten einen Besuch«, erklärt Franklin. Mit vielen der Geretteten blieb die Familie in Kontakt. Keiner von ihnen kehrte je nach Deutschland zurück.

Angehörige Insgesamt retteten die Lehmans rund 200 Menschen das Leben. Franklin ging den meisten Fällen nach. »Die Geschichten dieser Familien sind überwältigend«, sagt sie. »Ich hatte das Glück, die Kinder und Enkel ausfindig zu machen. Die meisten wussten gar nicht, dass ihre Eltern von den Lehmans gerettet wurden.« Die Verwandtschaft sprach kaum darüber. Die Aktionen der Lehmans blieben weitgehend geheim.

Die Chancen zu fliehen sanken mit der Fortdauer des Nationalsozialismus. Wer früh um Hilfe bat, konnte gerettet werden. 1941 war die Ausreise fast unmöglich geworden. Die Nazis lösten eine internationale Flüchtlingskrise aus. Im Jahr 1933 lebten, laut Angaben des Holocaust Memorial Museum in Washington, rund 523.000 Juden in Deutschland, weniger als ein Prozent der deutschen Bevölkerung. Rund 38.000 jüdische Deutsche flüchteten in Nachbarländer. Die meisten wurden von den Nazis aufgespürt und deportiert. Angesichts der katastrophalen Entwicklungen war Amerika für viele Menschen die einzige Rettung.

Doch die USA erschwerten ihnen die Flucht aus Europa. Das US‐Außenministerium – bis 1944 unter der Leitung von Cordell Hull – fuhr eine restriktive Einwanderungspolitik. »Das State Department war zu dieser Zeit sehr antisemitisch.« Franklin betont das »sehr«. Nur 27.000 Flüchtende durften nach der offiziellen Quote einreisen. »Aber sie haben nicht mal diese Zahl zugelassen«, sagt sie. »Die Quote wurde nicht erfüllt. Das ist der große Skandal.«

Ihr Stimme überschlägt sich beinahe. Rund 282.000 Juden flüchteten bis 1939 aus Europa, 95.000 davon kamen in die Vereinigten Staaten. Bis 1945 sollten es 200.000 werden. Erst im Januar 1944 berief der damalige US‐Präsident Franklin D. Roosevelt das »War Refugee Board« ein, um NS‐Opfern zu helfen.

Gouverneur Die Situation belastete den Demokraten Herbert Lehman zunehmend. Er konnte trotz seiner Macht als Gouverneur unmöglich alle retten. Im Fall der Familie Duschnitz ging er einen ungewöhnlichen Weg: Lehman schrieb an Präsident Roosevelt höchstpersönlich und bat um seine Hilfe. Rudolf Duschnitz war ein erfolgreicher Geschäftsmann in Wien. Seine Frau Lili war eine Cousine von Lehmans Frau Edith Altschul Lehman. Ihre Großväter waren Josef Breuer, der »Vater der Psychoanalyse«, und Samuel Hammerschlag, Sigmund Freuds Hebräischlehrer. Noch 1938 bemühte sich Lehman vergeblich bei den US‐Behörden um die Einreise der Familie. Rudolf und Lili Duschnitz flüchteten gemeinsam mit ihrem Sohn Anton nach Frankreich und hofften auf ein Visum.

Franklin fand den Brief von Herbert Lehman an Roosevelt vom 5. Mai 1941, worin er den Präsidenten um Hilfe bat. Roosevelt reagierte prompt: Am 18. August 1941 kam die Familie Duschnitz nach Amerika. »Herbert Lehman war einer der artikuliertesten und leidenschaftlichsten Menschen«, beschreibt ihn Franklin aus seinen Briefen. Die unzähligen Korrespondenzen mit Angehörigen lassen auf seinen ausgeprägten Familiensinn schließen.

Begrenzung Hunderte Briefe von entfernten Verwandten erreichten Lehman. Bei einigen hatte die Forscherin große Mühe, ihre verwandtschaftliche Verbindung zu rekonstruieren. Manche, die nur den Nachnamen mit ihm teilten, baten um Hilfe. Lehman wusste, dass er über Leben und Tod entschied und die Zahl der Affidavits, die er ausgeben konnte, begrenzt war. Eine Qual für ihn: »In den meisten Fällen gab er die Papiere nicht an Menschen aus, die so alt waren wie er: über 60«, erklärt Franklin. Sie hätten nicht ohne finanzielle Unterstützung auskommen können. Ihr Gesichtsausdruck wird ernst.

In den 60er‐Jahren übernimmt Dorothy Bernhards Schwester Helen Buttenwieser die Leitung des Fonds, der nach dem Krieg weiter existierte. Genaue Daten kann Franklin nicht nennen. Sie ist sich aber sicher, dass die Familie bis in die 70er‐Jahre bedürftige Verwandte unterstützte. »Vor Kurzem fand ich einen Brief von Herbert Lehmans Witwe Edith an Helen Buttenwieser«, sagt sie und legt die Stirn in Falten.

»Eines der Familienmitglieder, dem Dorothy Bernhard nach Amerika geholfen hatte, war Thea‐Marie Gerst. Sie starb 1974 an Krebs. Mit gerade mal 44 Jahren.« Franklin holt tief Luft. In einem Brief bat die mittlerweile über 80‐jährige Edith Lehman Helen Buttenwieser, sich weiter um die Kinder dieser besonderen Frau zu kümmern.

»Sie fühlten sich dieser Familie gegenüber verpflichtet.« Franklin atmet tief ein. »Und bei der Ausstellungseröffnung zu ›Against the Odds‹ 2013« – sie hält kurz inne – »gab ich diesen Brief der Tochter Irene.« Franklin wischt sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen. Die Familie unterstützte Gersts Kinder bis 1975. »Das war sehr bewegend.«

Buchdokumentation Solche Momente treiben die Historikerin an. Sie sucht weiter nach Antworten, Angehörigen und den Schicksalen der Holocaust‐Flüchtlinge, die die Lehmans retteten. Bald will sie über ihre Forschungsergebnisse ein Buch schreiben, denn sie sind kaum bekannt und doch hochaktuell.

Das heutige Verständnis der Flüchtlingskrise sei geprägt durch die Erfahrung der jüdischen Holocaust‐Flüchtlinge. Sie verstehe, weshalb die Regierung eine verstärkte Prüfung der Papiere vornehmen will. »Ich glaube nicht, dass die Vergangenheit eine Blaupause für die Gegenwart oder die Zukunft ist«, erklärt Franklin und zitiert aus einem Vortrag der Historikerin Debórah Dwork. »Dadurch, dass ich die Vergangenheit erforsche, wird die Weise, wie ich die Gegenwart deute, geprägt. Das ist der Kompass, nach dem ich mich fortbewege und die Welt gestalten will.«

Lehman Brothers
Im Jahr 2008 löste die Insolvenz der privaten amerikanischen Investmentbank die größte Finanzkrise der jüngeren Geschichte aus. »Lehman Brothers« soll mit der Insolvenz über 200 Milliarden US‐Dollar Schulden hinterlassen haben. Hervorgegangen war die Bank aus einem von den unterfränkischen Auswanderern Heinrich, Emanuel und Mayer Lehman 1844 gegründeten Gemischtwarenladen. Später investierten die Brüder in Baumwolle, und erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde es eine Investmentbank. Zur Dynastie der Lehmans gehörte auch der New Yorker Gouverneur der 30er‐Jahre, Herbert H. Lehman. 1984 wurde die Bank von der Familie an einen Ableger von »American Express« verkauft. Nach diversen Besitzerwechseln entstand 1994 wieder die selbstständige Investmentbank »Lehman Brothers«, die an die Börse ging. 2007 geriet das Haus in die Krise, 2008 wurde Insolvenz angemeldet.

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