»The Meyerowitz Stories«

Die Stadtneurotiker

Jede unglückliche Familie ist auf ihre Weise unglücklich: Rivalität bestimmt die Beziehung der drei Meyerowitz-Geschwister, die um die Gunst ihres Vaters ringen. Foto: dpa

Nein, Noah Baumbach ist nicht der neue Woody Allen. Dazu fehlt ihm wohl letztlich der Mut und vor allem die entsprechende Weltsicht. Aber wir können uns darauf einigen, dass Tolstois berühmte Worte über Familien beiden Filmregisseuren große Inspiration war und ist: »Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; jede unglückliche Familie ist auf ihre Weise unglücklich.«

Beim elaborierten Unglücklichsein kann man nun der New Yorker Familie Meyerowitz auf Netflix zusehen. Baumbachs elften Film halten viele für seinen bisher besten, was auch an der Besetzung liegen könnte und natürlich am Drehbuch, das jeder Rolle wirklich die besten Bedingungen hingeschrieben hat, um alle Nuancen auszuloten: Dustin Hoffman gibt einen zotteligen, von Neid zerfressenen, gescheiterten Bildhauer und Emma Thompson seine dauerbetrunkene Alt-Hippie-Gattin.

Stars Adam Sandler brilliert als arbeitsloser, grundgütiger ältester Sohn mit Tourette-Aussetzern, der sich schon sein ganzes Leben lang vom kleinen, finanziell erfolgreichen Halbbruder (Ben Stiller) zurückgesetzt fühlt. Die wunderbare Elizabeth Marvel sitzt als depressive Schwester irgendwo zwischen den teuren Stühlen und Sesseln. Ihr erster Satz lautet: »Ich habe Kekse gebacken, aber ich bin in Hundekacke getreten.«

Die erste Hälfte des Films ist eine kurzweilige Dekonstruktion dieser sogenannten Familie, deren Mitglieder nichts verbindet außer einem Vater, den niemand ertragen kann. Es wird brachial aneinander vorbeigeredet und so genüsslich in alte Wunden gelangt, dass neue entstehen. Die Egos sind so groß, dass sie kaum in den Bildausschnitt passen. Und selbst Baumbach scheint immer wieder mitten im Satz das Interesse zu verlieren und »zappt weiter« zum nächsten, aufregenderen Tatort des Meyerowitz-Massakers: zum Beispiel zu den pornografischen Selbstfindungsfilmchen der 18-jährigen Enkelin.

Familie hat hier nichts Warmes, Weiches, in das man zurückfallen kann. Familie ist hart, kalt und vor allem besoffen von sich selbst. Blitzt aus Versehen tatsächlich mal Empathie auf, geht man lieber schnell eine rauchen. »Es war, als würde ich barfuß durch Glasscherben laufen, um den Milchshake zu kriegen«, sagt ein Sohn über seine Kindheit. »Ich liebte den Milchshake, aber ich hatte blutige Füße.«

Selbstmitleid The Meyerowitz Stories erinnert manchmal fast ein wenig an Tod eines Handlungsreisenden, dann aber doch wieder an Woody Allens verkorkste New Yorker Familienporträts. Allerdings ganz anders als Allen belässt Baumbach es nicht dabei, dass das Tragische eigentlich ganz lustig ist. Baumbach bietet Auflösung. Wo Allen den Zuschauer begeistert im Regen stehen ließ, liefert Baumbach Erklärungen, warum eigentlich jeder etwas anderes erzählt, weshalb die Schwester so kaputt ist, und wieso die Brüder einander so hassen.

In der zweiten Hälfte schrammt die Geschichte deshalb knapp an der Moll-Version einer Richard-Curtis-Liebeskomödie vorbei, an deren Ende immer das Liebesbekenntnis vor möglichst großer Öffentlichkeit steht. Hier darf ein Sohn vor großem Publikum im Selbstmitleid schwimmen. Solche Momente hätte Woody Allen sich verbeten.

Stolz wäre er aber sicher auf Dialoge wie diesen: »Es ist hart, eine Beziehung und Kinder zu haben«, sinniert der Sohn. »Ging mir nie so«, antwortet der Vater. »Papa, du warst viermal verheiratet!« »Dreimal, die erste Ehe wurde annulliert.« Dustin Hoffman war nie kratzbürstiger. Und es scheint ihm großen Spaß gemacht zu haben. Dabei wollte er die Rolle erst gar nicht annehmen. Zum Glück hat Sohn Jacob, ein Freund von Baumbach, ihn überzeugt.

Durchbruch Zwölf Jahre ist es her, dass Baumbach mit der Low-Budget-Produktion Der Tintenfisch und der Wal der internationale Durchbruch gelungen ist. Es gab sogar eine Oscar-Nominierung für das Scheidungsdrama aus Sicht eines Sohnes. The Meyerowitz Stories ist so etwas wie die Fortsetzung, es wimmelt von Referenzen. Damals spielte Jesse Eisenberg (vor The Social Network und Café Society) einen 16-Jährigen, dessen Familie sich zerlegt, weil der Vater zu erfolglos und die Mutter zu erfolgreich ist. Zusammen mit dem kleinen Bruder – aber auch gegen ihn – versucht er, sich eine aushaltbare Welt zurechtzubiegen.

Der große Mike Nichols (Regisseur von Die Reifeprüfung) hat damals Baumbach für sich entdeckt und gesagt, dieser Film habe ihn daran erinnert, warum er selbst damit angefangen habe, welche zu drehen: »Um Rache zu nehmen!« Jeff Daniels, der in Der Tintenfisch und der Wal den egomanen Vater spielte, hat tatsächlich eine alte Jacke von Baumbachs Vater getragen. Und die Trennung der Eltern hat es in der Kindheit des Regisseurs wirklich gegeben.

Die Meyerowitz-Kinder sind lange erwachsen. Und sie versuchen, ihre Traumata aus der Kindheit in die elterliche Wohnung zurückzuschleppen. Aber da haben sie die Rechnung ohne das Leben gemacht. Den wohl klarsten Moment im Film hat ausgerechnet die daueralkoholisierte, alles andere als sympathische vierte Frau. »Du hast deine Vorstellung von dir selbst«, sagt sie unerwartet nüchtern. »Und daran versuchst du festzuhalten.«

»The Meyerowitz Stories«, USA 2017. Regie: Noah Baumbach. Mit Adam Sandler, Ben Stiller, Dustin Hoffman, Elizabeth Marvel, Emma Thompson. Abrufbar auf Netflix

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