Philosophie

Die Schönheit der Kritik

Ihr Buch ist auch das imponierende Manifest eines europäischen liberalen Judentums: die Pariser Rabbinerin Delphine Horvilleur Foto: Getty Images

Seit den Horrormeldungen vom Foltertod Ilan Halimis, dem Massaker in einer jüdischen Grundschule in Toulouse und der tödlichen Geiselnahme im Pariser Hyper Cacher bestimmt der Antisemitismus die Wahrnehmung Frankreichs, des einstigen gelobten Landes für Osteuropas und Nordafrikas Juden.

Paris Wie ein trotziges Lebenszeichen aus dem Kriegsgebiet, ein Lebenszeichen eines überaus vitalen und offenen Judentums zumal, wirkt daher ein jetzt auf Deutsch erschienenes Buch der liberalen Pariser Rabbinerin Delphine Horvilleur.

Dabei gehört ihre Schrift keineswegs in die Kategorie »Erbauungslektüre«. Auch sie lässt das Auflodern des Judenhasses nicht los, und sie versucht eine Antwort auf die »Frage des Antisemitismus« zu finden. Dennoch sind ihre Gedanken nicht nur ungemein klug und inspirierend, ihrer Argumentation wohnt, für dieses Thema überaus erstaunlich, auch eine gewisse Schönheit inne.

Aktualität Dazu wählt sie einen besonderen Zugang, der angesichts der schreienden Aktualität fast wöchentlich vermeldeter Übergriffe auf Juden beinahe frivol erscheint: Horvilleur versenkt sich in die Texte von Tora, Talmud und Midrasch und rekonstruiert darin enthaltene Darstellungen der Feindschaft gegen Juden sowie die rabbinischen Diskussionen dazu, um sie dann auf längeren, verschlungenen Wegen immer wieder in Verbindung mit heutigen Äußerungsfor­men des Antisemitismus zu bringen.

Ausgehend von Jean-Paul Sartre, dann vor allem mit Anleihen bei dem amerikanischen Talmudspezialisten Daniel Boyarin und der psychoanalytischen Theorie verfolgt sie die vergiftete Abstammungslinie der antiken Judenfeinde Amalek und Haman auf Esaw zurück, der bekanntlich als Zwillingsbruder des israelitischen Stammvaters Jaakow auf die Welt kam.

Dass sich die Juden scheinbar permanent von der Mehrheit distanzieren, macht sie zur Provokation.

Daraus schließt sie, dass das Judentum seit jeher von seinen Hassern begleitet war, ja, das Prinzip des Judentums – ohne daraus eine Schuldigkeit abzuleiten – geradezu eine Art Gegnerschaft heraufbeschwöre: »Da, wo ein Jude ist, ist auch der Antisemit nicht weit.«

Die einfache, aber nie einfältige Argumentation profitiert dabei von der Diskussionsfreude der Gelehrten und der Anmut der Quellen, die die Autorin immer wieder in raffinierte Arrangements bringt, die von Nicola Denis geschmeidig übersetzt wurden.

Ein immer wiederkehrendes Motiv des Antisemitismus findet Horvilleur beispielsweise in der Geschichte von Timna, der Schwiegertochter Esaws und der Mutter Amaleks, deren von den Patriarchen zurückgewiesener Wunsch, ins Judentum aufgenommen zu werden, einen tiefen und über Generationen weitergegebenen Hass hervorbrachte.

Während man mit missionarischem Eifer als der Normalform gesunden Selbstbewusstseins noch gut umgehen könnte, sei es gerade die Selbstgenügsamkeit, die den Juden in der Folge immer wieder zum Vorwurf gemacht wurde.

Der Antisemit ist vom Judentum besessen – und hätte gern Anteil daran.

Dass sich die Juden scheinbar permanent von der Mehrheit distanzieren und so jedes große »Wir« sabotieren, macht sie zur andauernden Provokation für jegliche imperiale Herrschaftsunternehmung, aber auch für universalistische Weltversöhnungsfantasien.

Das reicht, so zeigt Horvilleur, von den Illoyalitätsanschuldigungen durch Staatsmänner von Haman bis Hitler über antizionistische Propaganda, die Israel als feindliche, künstliche Einpflanzung in einer andernfalls harmonischen arabischen Staatengemeinschaft fantasiert, bis hin zu antikolonialen Aktivisten, die die Juden beschuldigen, die Unterdrückten der Welt daran zu hindern, geschlossen zusammenzustehen.

ANHÄNGLICHKEIT Dabei fällt immer wieder eine pathologische Anhänglichkeit ins Auge: Nicht nur, dass der Antisemit prinzipiell nicht vom Judentum lassen kann – so wie Timna hätte er auch gern Anteil an diesem und wird fortan von dem Gefühl elektrisiert, etwas vorenthalten zu bekommen. Nur so lässt sich der bizarre Neid des Judenfeindes auf das verhasste Objekt verstehen, der sich nicht nur auf dessen vermeintlichen Reichtum bezieht, sondern mittlerweile sogar auf die Leidens- und Verfolgungsgeschichte.

Doch warum gerade die Juden? Was begründet nun das Prinzip des Judentums, mit dem der Antisemitismus anscheinend gleichzeitig auf die Welt kommt? Für Delphine Horvilleur steht im Zentrum des Judentums eine Leerstelle: So wie Jaakow mit dem Engel rang, um Israel zu werden, geht das Ringen um die Identität im Judentum bis heute weiter: Der Verlust des Tempels und die Diaspora haben eine »Religiosität der Abwesenheit« begründet – und das ist in den Augen der Rabbinerin auch gut so.

Das Judentum geht nicht rückstandslos in der aufgeklärten Moderne auf.

Genau die im Judentum kultivierte Fähigkeit, mit dem Mangel und dem Unfertigen zu leben, bringt die Missgunst des Antisemiten hervor, der im Juden nicht nur die Verkörperung seiner eigenen identitären Unsicherheit erblickt, sondern auch noch einen ihm verwehrten Modus, damit zu leben.

Unter der Hand überführt Horvilleur an dieser Stelle ihre Antisemitismus-Analyse in eine selbstbewusste Deklaration des liberalen Judentums, das sich gegen die »Versuchung des Ganzen« und für das Individuum positioniert und durch Unreinheit und Unabgeschlossenheit definiert ist.

ARCHAISCH So beeindruckend diese argumentative Volte auch sein mag, in dem Maße, wie sie das Judentum nur in seiner Unbestimmbarkeit bestimmt, vereinseitigt sie es und damit leider auch den Problemhorizont des Antisemitismus. Das Judentum geht – wie andere Religionen auch – eben nicht rückstandslos in der aufgeklärten, subjektzentrierten Moderne auf, als deren Verteidigung das Buch auch gelesen werden kann.

Es bleibt in ihr auch Irritationspunkt, wie unter anderem die seit der römischen Antike bis in unsere Tage nahezu gleich gebliebenen Angriffe gegen die Beschneidung, ein Antisemitismus-Trigger par excellence, zeigen.

Treue Die von den Antisemiten geneidete Beharrlichkeit des Judentums verdankt sich nicht zuletzt auch dieser Treue zu einem natürlich immer neu interpretierten und gerahmten »archaischen Rest«, womit nochmal ein ganzer Kontinent antisemitischer Projektionsmöglichkeiten aufscheint, den Horvilleur, man könnte böse sagen: aus liberal-ideologischen Gründen, allenfalls abstrakt streift.

Nicht nur das Judentum bleibt also unabgeschlossen, Gleiches gilt für die Diskussion um den Antisemitismus. Gleichwohl bieten Delphine Horvilleurs bescheiden betitelte Überlegungen eine beeindruckende Analyse des Judenhasses, darüber hinaus das imponierende Manifest eines europäischen liberalen Judentums und nicht zuletzt eine faszinierende Einladung zur Entdeckung der geistigen Schönheit der rabbinischen Literatur.

Delphine Horvilleur: »Überlegungen zur Frage des Antisemitismus«. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Hanser, Berlin 2020, 160 S., 18 €

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