Debatte

Die Sache mit dem Übertritt

Sibylle Lewitscharoff nach der Verleihung des Georg-Büchner-Preises am 26. Oktober 2013 in Darmstadt Foto: dpa

Konversionen gab und gibt es aus sehr verschiedenen Gründen. Da sind die Zwangskonversionen der Juden im Spanien des 15. und 16. Jahrhunderts zu nennen; ihnen hatte man keine andere Wahl gelassen, als sich zum Christentum zu bekehren, es sei denn, sie waren bereit zu sterben.

In den europäischen Religionskriegen, die zwischen Katholiken und Protestanten ausbrachen, waren Konversionen an der Tagesordnung, oftmals von einem Bekenntnis zum anderen und wieder zurück, je nachdem, auf welche Seite das Kriegsglück wechselte.

In der deutschen Romantik wiederum bekamen die Katholiken von einigen ursprünglich protestantischen Dichtern Zulauf, die sich durch eine merkwürdige Verwobenheit von Magie und volksfrommer Tradition angezogen fühlten, welche sie poetisch überhöhten. Als 100 Jahre später Hitler die Juden nach rassischen Kategorien einordnete und erst an zweiter Stelle nach religiösen, nützte ihnen die Konversion nichts. Dem Tod konnten sie dadurch nicht entgehen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stellt sich – zumindest in Deutschland – das weitere Geschehen anders dar. Bis in die 60er‐Jahre zeigte sich die katholische Kirche noch streng, wenn ein Katholik sich mit einem Gläubigen anderer Konfession verbinden wollte. Da wurde die Konversion dem meist protestantisch Andersgläubigen nahegelegt, wenigstens mit sanften Mitteln erzwungen.

umwidmung Interessanter aber sind die Fälle von jungen Deutschen, die zum Ende des Zweiten Weltkrieges geboren wurden oder kurz danach. Auf vielen von ihnen lasteten die Verbrechen oder das korrupte Mitläufertum der Eltern, die oft genug begeisterte Nazis gewesen waren und sich später mit Verleugnung und Verharmlosung herausredeten oder über die jüngste Geschichte jedes Gespräch verweigerten.

Einige von diesen Nachgeborenen legten sich einen jüdischen Vornamen zu – aus einer Maria, einer Ursula, einer Ingrid wurde urplötzlich eine Sarah oder eine Lea; aus einem Bernd, einem Karl, einem Adolf ein Samuel oder gar Israel. Die meisten ließen es bei einem sich selbst angedichteten jüdischen Vornamen bewenden, wenige von ihnen gingen einen Schritt weiter und konvertierten zum Judentum.

Den Hintergrund solcher Umwidmungen kann man zwar verstehen, da sie oftmals einer handfesten psychischen Not entsprungen sind. Durch die Verleihung eines jüdischen Namens wollten die häufig durch ihre Eltern schwer belasteten Kinder sich mit aller Gewalt aus der deutschen Verbrechensgeschichte herauskatapultieren.

Opferromantik Aber sonderbar bleiben diese Machinationen trotzdem. Sie sind einer düsteren Opferromantik entsprungen, einer Art Köhlerglaube, im Schutz des plötzlich übergestreiften jüdischen Mäntelchens sei man ein moralisch gebesserter Mensch, durch den jüdischen Namen habe gleichsam eine Veredelung des Charakters stattgefunden, und man sei auf den Flügeln des neuen Namens der Schuld der eigenen Vorfahren entkommen.

Salopp gesagt: Die jüdischen Opfer werden verklärt, und man darf am Opfermythos schmausen, ohne von seiner Familie her je ein Opfer der Nationalsozialisten gewesen zu sein. Welche Angst, welche Bedrängnis, welcher Zwang auf den wirklichen Nachfahren der getöteten Juden lastet, wird bei solchen Namensänderungen naiv übersehen.

verrückt Die meisten ließen es beim Sich‐selbst‐Verleihen eines jüdischen Vornamens bewenden und konvertierten nicht zum Judentum. Einige gingen einen Schritt weiter. Geradezu schreckenerregend absurd ist der Fall der zum Judentum konvertierten Tochter des KZ‐Kommandanten Amon Göth. Die Frau ist eine beklagenswerte Person, für die man Mitleid empfinden kann. Was in einem Fernsehgespräch an ungereimtem Zeug aus ihr herausbrach, verschlug sogar dem wahrlich nicht auf den Mund gefallenen Michel Friedman die Sprache.

Natürlich sind nicht alle derart motiviert, die von deutscher Seite aus zum Judentum konvertieren. Wer als Katholik oder Protestant mit einem Juden verheiratet ist, für den stellt sich die Möglichkeit, vielleicht auch Dringlichkeit der Konversion sicher anders dar.

Sehr, wirklich hochgradig verrückt sind auch die gar nicht so seltenen Fälle, in denen sich Abkömmlinge aus Nazifamilien eine komplette jüdische Identität erfinden. Zwei solcher Fälle sind mir in Berlin aus nächster Nähe bekannt. Beide haben sich zu Psychoanalytikern erklärt – natürlich, um dem Juden Freud nahe zu sein –, ohne je eine Ausbildung für diesen Beruf durchlaufen oder sich wenigstens einer begleitenden Analyse unterzogen zu haben. Ihr erschwindelter, sich in das jüdische Geschehen immer stärker hineinsteigernder Lebensirrsinn steht der hochgradig spinnerten Geschichte von Binjamin Wilkomirski in nichts nach.

Die tragischen Verwicklungen dieser Personen ergäben einen jeweils aufregenden Romanstoff, von dem ich allerdings lieber die Finger lasse, weil mir die fantastischen Protuberanzen und Winkelzüge, die dabei zum Austrag kommen, derart extrem erscheinen, dass sie die Grenzen eines Romans eigentlich sprengen. Nun, diese beiden selbst ernannten Psychoanalytiker mussten zum Judentum nicht eigens konvertieren, sie sahen sich ja bereits als Juden; der Mann, der dabei im Spiele ist, konstruierte sich gar eine Genealogie, die ihn als Nachfahre von Sigmund Freud beglaubigen sollte.

anmassung Ich habe eine Konversion jedenfalls nie in Erwägung gezogen, wiewohl mir die jüdische Bibel mehr bedeutet als das Neue Testament. Eine Konversion zum Judentum wäre für mich eine hochnotpeinliche Anmaßung. Allerdings war bei mir der familiäre Druck, mich vom Nationalsozialismus mit einem zwanghaften Schritt absetzen zu müssen, nicht so hoch.

An meinem bulgarischen Vater wurden gegen seinen Willen Schädelvermessungen vorgenommen, um seinen Rassetypus zu bestimmen. Der Mann kochte vor Zorn, wenn jemand die Nazizeit verharmloste. Und für ihn als Arzt war es der größte Skandal, wie willig sich viele Ärzte an den schlimmsten Verbrechen beteiligt hatten. Ich wusste schon als Kind, spätestens mit acht, neun Jahren, was es mit den Konzentrationslagern auf sich hatte, weil bei uns zu Hause darüber oft gesprochen, rein gar nichts verharmlost oder beschönigt wurde.

Auch ein Katholischwerden schließe ich auf meine alten Tage aus. Wiewohl ich mit meiner evangelischen Kirche schwer hadere (wenn ich dem Plapperatismus von Frau Käßmann ausgesetzt bin, könnte ich stracks durch die Decke gehen), weil sie sich den Gepflogenheiten der modernen Gesellschaft derart an den Hals wirft, dass so gut wie nichts mehr von ihrem religiösen Bestand übrig ist, schrecke ich vor dem Schritt zurück.

Treue
Ich denke immer, der religiösen Welt, in die man hineingeboren wurde, sollte man bis zu einem gewissen Grade die Treue halten, sofern sie einem in zivilisierender Mildherzigkeit und Güte übermittelt wurde, frei von Verachtung, Hass und Zorn auf Andersgläubige. Ohne zu konvertieren, ist es mein inniger Herzenswunsch, dass es den Juden in Deutschland vergönnt sei, ein freies, friedliches, angstfreies Leben zu führen.

In der kommenden Ausgabe wird Rabbinerin Antje Yael Deusel (Bamberg) auf Sibylle Lewitscharoff antworten.

Sibylle Lewitscharoff, 1954 in Stuttgart geboren, ist Schriftstellerin. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt 2013 den Georg‐Büchner‐Preis. Ihre jüngste Veröffentlichung ist der 2014 bei Suhrkamp erschienene Roman »Killmousky«.

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