Günther Jauch

»Die Ränder bestimmen zunehmend die Diskussion«

Günther Jauch ist an Covid erkrankt – und sieht sich mit Hassbotschaften konfrontiert. Foto: imago images/Sven Simon

Herr Jauch, seit Ihrer Teilnahme an der Impfkampagne der Bundesregierung und dem Bekanntwerden Ihrer Covid-Erkrankung sind Sie Zielscheibe von Hassmails, auch antisemitischen. Was löst so etwas bei Ihnen aus?
Sicherlich keine Ängste, aber doch deutliche Verwunderung. Die Leute vertreten die krudesten Thesen und haben meistens auch keine Scheu, sich mit vollem Namen und/oder einer Adresse zu outen. Eine Dame erklärte mir: »Sie machen sich der Anstiftung zum Mord schuldig. Was hier stattfindet, ist Euthanasie zum Aufbau eines zionistisch geführten totalitären Systems.« Inzwischen vergleichen sich ja auch armselige Maskengegner mit Sophie Scholl. Ich frage mich, ob es solche Schwachköpfe schon immer gab und  denen insbesondere die sozialen Medien jetzt erst eine entsprechende Bühne bieten, oder ob der Anteil der derart »Verstrahlten« in unserer Gesellschaft erst mit der Pandemie rasant gewachsen ist...

Läuft die Diskussion in Deutschland aus dem Ruder? Droht unsere Gesellschaft auseinanderzubrechen, wie man das in den USA unter der Präsidentschaft Donald Trumps beobachten konnte?
Das hoffe und glaube ich nicht. Noch gibt es eine breite Mehrheit, die auch in Coronazeiten den Sinn für Maß und Mitte nicht verloren hat. Aber die Ränder fransen aus, und sie bestimmen zunehmend die öffentliche Diskussion.

Hat Deutschland angesichts des zunehmenden antisemitischen Hasses und der Verschwörungstheorien, die sich in dieser Pandemie offenbart haben, Ihrer Ansicht nach ein besonderes Problem, oder bewegt sich das auf dem Niveau anderer Länder?
Ich denke, dass wir da keine Sonderstellung einnehmen. Genau weiß das aber wohl niemand. Wie wollen Sie das messen?

Was sagen Sie zu den satirischen Videobotschaften, die gestern von Schauspielern und anderen Promis veröffentlicht wurden? Ist deren bissige Kritik berechtigt?
Meiner Meinung nach wollten einige dieser Künstler auch besonders künstlerisch erscheinen. Die haben dann in ihren Wortmeldungen zweite und dritte Ebenen eingezogen, die viele nicht verstanden haben. Und wenn dann auch noch der Beifall von der falschen Seite kommt, wird es nochmal schwieriger.

Kritiker sagen, damit biedere man sich Querdenkern und Coronaleugnern an. Stimmt das?
Ich kann mir das nicht vorstellen. Einige der Künstler kenne ich seit Langem persönlich. Die sind jetzt todunglücklich über die Instrumentalisierung durch Coronaleugner und die AfD.

Wie erklären Sie sich diese Aktion?
Viele wollen einfach nur auf die verzweifelte Situation von Künstlern hinweisen. Was die einen vielleicht satirisch meinten, nehmen Teile des Publikums für bare Münze, halten es  für zynisch oder kapieren einfach nicht mehr, was eigentlich gemeint ist. Das müssen Künstler aushalten. Wenn sie das nicht können, müssen sie zurückrudern oder sich erklären. Das schafft Klarheit beim Publikum, nur mit der Kunst ist es dann natürlich nicht mehr weit her.

Aber spielen die Schauspieler damit nicht mit Ressentiments?
Ein Jan Josef Liefers hat mit der AfD, Reichsbürgern, Verschwörungstheoretikern, Corona-Ignoranten und Aluhüten erklärtermaßen nichts am Hut. Dass die ihm jetzt zujubeln, ist tragisch. Die wollen ihn einfach auch missverstehen. Das Problem hatte ich ja auch: Um zu symbolisieren, dass ich mich selbstverständlich impfen lasse, haben mir die Fotografen für die Impfkampagne der Bundesregierung  ein kleines Pflaster auf den Oberarm geklebt. Zu dem Zeitpunkt war ich aber noch nicht geimpft. Sofort galt ich als Lügner, Heuchler und Fake-News-Verbreiter. Und als »Systemhure«, die die Leute betrügt. Dabei war ich vom Alter her einfach für die Impfung noch nicht zugelassen und wollte mich auch nicht vordrängen.

Wie kann man derartige Reaktionen verhindern?
Solche Missverständnisse sind einfach schwer aufzulösen. Wenn sich jetzt die große Mehrheit zügig impfen lässt, haben wir im Sommer hoffentlich ganz andere Probleme als Corona.

Das Interview mit dem TV-Moderator führte Michael Thaidigsmann.

Vor 75 Jahren

»Deutschland ist mir doch recht fremd geworden«

Nach 16 Jahren Exil kommt Thomas Mann nach Deutschland

 23.07.2024

Literatur

Dieses Buch ist miserabel. Lesen Sie dieses Buch!

Immer nur Pizza ist auch keine Lösung: Eine etwas andere Kurzrezension von Ferdinand von Schirachs Erzählband »Nachmittage«

von Philipp Peyman Engel  23.07.2024

Kommentar

Das Unfassbare ertragen

Die Ex-Geisel Rimon Kirsht-Buchshtab muss einen weiteren Schicksalsschlag verkraften

von Nicole Dreyfus  23.07.2024

Antisemitismus-Vorwurf

Adidas reagiert auf Kritik an Kooperation mit Bella Hadid

Das Model mit palästinensischen Wurzeln bewirbt den Olympia-Sneaker von 1972

 22.07.2024 Aktualisiert

Berlin

Israelisch-palästinensisches Restaurant verwüstet

Die Betreiber des »Kanaan«, ein Jude und ein Palästinenser, setzen sich öffentlich für Frieden ein

 22.07.2024

Aufgegabelt

Zucchini-Salat mit Kichererbsen

Rezepte und Leckeres

 22.07.2024

»Die Ermittlung«

Der Film, den die Berlinale nicht wollte

Die Adaption des Stücks von Peter Weiss bringt den Auschwitz-Prozess ins Kino – ein hervorragendes Werk

von Ayala Goldmann  22.07.2024

Meinung

Jetzt erst recht!

Warum Mirna Funk für ihre Tochter ein Summercamp in Israel gebucht hat

von Mirna Funk  22.07.2024

Meinung

Adidas schafft einen Resonanzraum für Antisemitismus

Der Präsident von Makkabi Deutschland ist schockiert über die Kooperation

von Alon Meyer  22.07.2024