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Die letzten Kriegswochen aus der Sicht eines Kindes

Felix (Xari Wimbauer) ist gleichermaßen erschreckt wie fasziniert von Ortsgruppenleiter Feik (Philipp Hochmair). Seine Mutter Anna (Lisa Wagner) sieht das mit großer Sorge. Foto: ZDF/ Jürgen Olczyk

Die Bomben fallen auch auf München; ihr Haus hat bald kein Dach mehr. Deshalb flieht Anna (Lisa Wagner) mit ihrem elfjährigen Sohn Felix (Xari Wimbauer) in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges zurück in ihr Heimatdorf in Niederbayern. Dort kennen die Leute sie noch. Ihr alter Schulkamerad Feik ist die lokale Parteigröße, richtet Feiern und Treffen aus.

Felix hat etwas Mühe, sich zurechtzufinden, zumal Feiks Sohn Karri (Luis Vorbach) ihm sehr schnell und mit Gewalt klarmacht, wer hier bei den Kindern das Sagen hat. Felix möchte kein Außenseiter sein; also spielt er mit Karri, Martha (Hannah Yoshimi Hagg) und dem Flüchtlingskind Tofan (David Benkovitch) zusammen »Westfront«, macht bei Mutproben im stillgelegten Sägewerk mit und schießt bei der Wehrübung mit dem Maschinengewehr.

Allgegenwärtiger Krieg

Der Krieg ist allgegenwärtig in »Das Glaszimmer«, das 3sat am 6. September um 20.15 Uhr zeigt. Präsent ist der Krieg nicht nur in den Gesprächen der Eltern und im heimlichen Geflüster darüber, dass er schon verloren sei, sondern auch in den Spielen der Kinder und in ihrem Kennenlernen. Als Bomben fallen, suchen Martha und Felix nach heißen Granatensplittern; nur knapp entgehen sie der Explosion eines Spätzünders.

Immer schwingt die Frage mit, wo die Väter sind: Warum Feik nicht an der Front ist, dass Marthas Vater sich das Leben genommen hat, um nicht zurück in den Krieg gehen zu müssen. »Ich glaube nicht, dass mein Vater feige war«, sagt sie. Aber da haben die Jungs schon aus den Reden im Radio und auf »Heldenfeiern« aufgesaugt, dass es um den »Endsieg« geht, ums Vaterland.

Bei Felix gibt es eine schrittweise Gewöhnung und Anpassung. Das Stadtkind aus liberalem Haushalt, dessen Vater Musiker ist, wirkt blass, fast durchsichtig; er interessiert sich anfangs eher für das Lebendige: Rattenbabys, Tiere und Gras. Sein Lieblingszimmer im neuen alten Haus ist ein Raum, in dem viele bunte Glassplitter das Licht einfärben.

Fast beiläufige Gewalt

Die Verrohung kommt vor allem mit Karri, der wiederum das Gehabe seines Vaters nachahmt, mit fast beiläufiger Gewalt und überall integrierten Mechanismen von Ausschluss und Ausgrenzung. Tofan ist sein liebstes Opfer: »Nichts da, Flüchtling, du bist der Feind und bleibst der Feind.«

Das Drehbuch von Regisseur Christian Lerch und Josef Einwanger (auf dessen Kindheitserinnerungen es beruht) besitzt ein feines Gespür dafür, wie dieses Freund/Feind-Schema den Alltag prägt, in dem jede kleine Abweichung mit Strafen, auch physischen, geahndet werden kann. Das führt schließlich sogar dazu, dass Felix und Karri ein Feuer in der Scheune von Tofans Familie legen - und damit nicht nur den Jungen in Gefahr bringen.

Die Nachricht, dass Felix‘ Vater Bernd (Hans Löw) an der Front gestorben sei, platzt mitten in den Hochzeitstag von Bernd und Anna. Felix will es nicht wahrhaben, kommt aber noch weniger damit zurecht, als Bernd wenige Tage später in einem Versteck im Sägewerk auftaucht. Sein Vater, ein feiger Deserteur?

Alles ist unruhig und beengt

Lerch inszeniert die Wochen im April 1945 als beengte, bedrückende Erfahrung. Die Kamera bleibt immer nahe an den Figuren, knapp über Hüfthöhe, was dafür sorgt, dass die blassen Bilder nie an Weite gewinnen; die Handkamera steht niemals ganz still. Alles ist unruhig und beklemmend; die wenigen Totalen und Luftaufnahmen wirken wie Fremdkörper in diesem Film.

Musik und Ton stehen allerdings zuweilen in sehr schrägem Kontrast dazu: In den ersten Szenen im Münchner Bunker hört man ein Ticken wie von einer Uhr, die Fahrt aufs Land wird als Befreiung mit leichter Streichermusik begleitet, zum Hindernislauf der Wehrübung gibt es spannungsvolle E-Gitarre. Da läuft der Film dem Anspruch von Christian Lerch hinterher, »Identifikationsmomente zu schaffen, die heute junge Zuschauer*innen begeistern«.

Im Prinzip funktioniert das: Die Versuchung des Nationalsozialismus über sein Gemeinschaftsversprechen, auch seine in jeden Satz sickernden Diktionen und Haltungen werden spürbar, sichtbar, hörbar - dabei bleibt es aber auch. Der Krieg im Hintergrund wirkt seltsam vage, ohne Gegner und ohne Anlass; vom »Endsieg« ist die Rede und von den Amerikanern, aber sonst wirkt der Krieg wie eine Macht, die einfach über die Menschen gekommen ist. »Es muss wieder Ruhe in die Herzen«, wünscht sich eine Figur zum Ende hin, an dem das Happy End durch die Niederlage (und einen cleveren Akt der Desinformation) gesichert wird.

Unsichtbare Machtstrukturen

Aber die Machtstrukturen dahinter, die über Ausgrenzung und Beschimpfung hinausgehen, bleiben unsichtbar. Es gibt den Obernazi und den aufrechten Bauern, der den Leichnam eines abgeschossenen US-Piloten nicht einfach liegenlassen will, und es gibt viele stille Mitläuferinnen und Mitläufer. Aber es gibt hier keinen Mord an den europäischen Juden, keine systematischen Verfolgungen, keine hingerichteten Menschen aus dem Widerstand. Kein Wort davon, nicht einmal eine Andeutung.

»Das Glaszimmer« wählt bewusst die Perspektive eines Kindes, das von all diesen Dingen nichts wissen kann, das sich anpassen will und verführt wird. Verführt allerdings weniger durch Inhalte als durch Formen, Zusammenhalt, Vorgesagtes. Aber muss der Film diese Unwissenheit des Kindes teilen?

Bösartigkeit der Zeit bleibt außen vor

Er kann sich dafür entscheiden. Aber dann spricht »Das Glaszimmer« eben auch nur recht allgemein davon, dass Krieg schlecht ist und dass Gemeinschaft ein gefährliches Monstrum sein kann. Hitlerbilder und Hakenkreuzflagge sind dann nur historische Staffage; die spezifische Bösartigkeit dieser Zeit, die Verbrechen der Deutschen bleiben außerhalb der Perspektive dieser Kamera, die Hintergründe nicht sehen kann.

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»Das Glaszimmer« ist weit davon entfernt, die deutsche Bevölkerung als Opfer darzustellen; der Blick in die kleine Dorfgemeinschaft mit Tätern und vielen Mitläufern beschönigt nichts. Der Fokus auf die Sogkraft einer Gemeinschaftsideologie für Kinder ist durchaus treffend. Doch indem der Film den sehr spezifischen historischen Kontext außen vor lässt, verliert er an Kraft und wird zu einer rein generischen Erzählung darüber, dass Krieg und Führerkult schlecht für die Menschen sind.

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