»Grüße aus Fukushima«

Die Leichtigkeit des Schweren

Für seinen ersten Auftritt auf einem roten Teppich hat Moshe Cohen Verstärkung mitgebracht: einen winzigen weiß-blauen Plastikpinguin, den er immer wieder in die Hand nimmt, um ihn erstaunt anzusehen. Wie viel von diesem Erstaunen Teil einer Show ist und wie viel tatsächliches Rätseln darüber, wie er in das Blitzlichtgewitter der Berlinale geraten ist, bleibt ungewiss, denn Moshe Cohen ist ein professioneller Clown, der einen Ausflug ins Filmgeschäft unternommen hat. In Grüße aus Fukushima, dem neuen Film von Doris Dörrie, spielt er in einer Nebenrolle den Clown Moshe, der die Hilfsorganisation »Clowns4Help« leitet.

Clowns4Help versucht, etwas Freude in das Leben der Menschen zu bringen, die in dem seit der Reaktorkatastrophe verstrahlten Gebiet von Fukushima leben. Die junge Deutsche Marie, gespielt von Rosalie Thomass, schließt sich der Organisation an, um ihren eigenen geplatzten Träumen zu entfliehen, muss aber schnell feststellen, dass sie für die Aufgabe absolut ungeeignet ist. Stattdessen hilft sie der Überlebenden des Reaktorunglücks, Geisha Satomi (Kaori Momoi), die in ihr verwüstetes Haus in der Sperrzone zurückgekehrt ist und sich weigert, es wieder zu verlassen. Inmitten der surrealen Landschaft entwickelt sich eine brüchige Beziehung zwischen den beiden ungleichen Frauen, die schließlich heilenden Charakter entfaltet.

Krisengebiete Schwere Themen, die das Filmdebüt von Moshe Cohen bestimmen – und doch war gerade diese Schwere etwas, womit der 59-jährige Amerikaner bestens vertraut ist. Schon seit mehr als 30 Jahren reist er rund um die Welt, um gerade in Krisengebieten etwas Lachen zu verbreiten.

Seine Person war das reale Vorbild für die Rolle, die er in Grüße aus Fukushima übernahm. »Es lag auf der Hand, ihn zu fragen, ob er sich nicht selbst spielen will«, erinnert sich Doris Dörrie. Die Regisseurin kennt Moshe Cohen schon länger, für ihr Drama Glück (2012) engagierte sie ihn, damit er dem Filmteam einen auflockernden Workshop gibt. »Das passte gut, denn seine wie meine Devise lautet, das Schwere leicht zu machen«, sagt Dörrie.

Die beiden blieben von da an in Kontakt und teilen auch noch zwei zentrale Interessen: Clowns und Japan. Während Dörrie immer wieder Filme in Fernost dreht, interessiert sich Cohen vor allem für die Kunst des Butoh, der vereinfacht als japanische Form des Ausdruckstanzes bezeichnet werden kann.

Mit einem Stipendium des japanischen Kultusministeriums reiste Cohen 1993 nach Japan und studierte Butoh direkt bei Ono Kazuo, einem Mitbegründer dieser Kunstform. »Er war ein Poet und hat mir Langsamkeit beigebracht«, erzählt Moshe Cohen immer noch beeindruckt. Tatsächlich strahlt er inmitten des Berlinale-Trubels eine gewisse Gelassenheit aus, obwohl er genügend Gründe für Hektik hätte: Cohen ist extra für die Premiere des Films angereist, sein Flieger landet nur wenige Stunden, bevor der rote Teppich ausgerollt wird.

Schon am Flughafen fällt Cohen inmitten des Gewusels aus An- und Abreisenden auf, obwohl er von kleiner Statur ist. Seine grauen Haare bilden eine Wolke um den sonst kahlen Kopf – der einzige Hinweis auf Cohens ungewöhnlichen Beruf. Davon abgesehen sieht er mit seinem großen Rucksack und den Cargohosen so aus, als würde er eine Abenteuerreise antreten.

Während er sich seinen Weg durch die Menschenmenge bahnt, sticht sofort seine freundliche Bestimmtheit ins Auge, die zu seinen wesentlichen Charakterzügen gehört. Ob er nun ein Taxi sucht, für Fotografen posiert oder ein Interview gibt: Moshe Cohen lässt sich die Zügel des Handelns nicht aus der Hand nehmen. Für ein Pressegespräch habe er genau die Fahrt vom Flughafen zum Hotel, erklärt er lächelnd, aber eben auch entschieden.

Erster Weltkrieg »Wenn du von der Jüdischen Allgemeinen kommst, interessiert dich sicher, dass meine Mutter in Bremerhaven geboren wurde und Deutschland 1938 verlassen musste«, beginnt Cohen, kaum dass das Taxi losgefahren ist. Ursprünglich sei seine Familie aus Polen gekommen, der Großvater habe noch im Ersten Weltkrieg gekämpft. Nach der Flucht in die Vereinigten Staaten habe seine Mutter einen Amerikaner geheiratet – mit einer Ausnahme wird das die einzige Information bleiben, die Cohen über seine Familie preisgibt. Stattdessen kommt er schnell zu der Frage, wie er überhaupt Clown geworden ist.

»Meine ersten Shows habe ich 1981 auf Frankreichs Straßen gegeben«, erzählt er, während vor den Fenstern die Dämmerung Berlins vorbeizieht. Eigentlich arbeitete er zu jener Zeit noch für den Finanzdienstleister Merrill Lynch, doch schnell wurde ihm klar, was seine eigentliche Berufung ist. »Ich hatte Spaß, auf der Bühne zu stehen, und entdeckte, dass ich lustig bin«, sagt Cohen. Also kündigte er seinen Job und konzentrierte sich ganz auf die Kunst des Clowning – denn genau das ist es, worum es für Cohen beim Clown-Sein geht.

»Das Wort ›Clown‹ ist gefährlich«, warnt er, »denn die Leute denken nur an die Kostümierung. Dabei geht es um deine innere Energie, deinen Humor!« Ebenjener Humor ist für Cohen auch mit seinem Judentum verbunden. »Es gibt viele jüdische Komiker: Woody Allen, die Marx Brothers und viele andere. Vielleicht ist Humor ein Weg, um Unterdrückung zu begegnen.«

kinder Für Cohen ist Humor eine Möglichkeit, schwierigen Situationen Leichtigkeit zu verleihen. 1987 lud ihn eine Freundin ins mexikanische Chiapas ein, um dort eine Show für Flüchtlinge aus Guatemala zu geben. »Das war eine ganz besondere Erfahrung für mich: Es ging nicht nur um Entertainment, sondern um eine ganze Gemeinschaft, die lachte – ein Aha-Erlebnis«, beschreibt Cohen. In der Folge brachte er Straßenkindern in Südamerika Jonglieren bei und reiste mit der französischen Organisation »Clowns Sans Frontières« nach Kroatien.

Tief beeindruckt beschloss er 1995, nach diesem Vorbild in den USA »Clowns Without Borders« zu gründen, deren Vorsitzender er bis 2008 blieb. »Mit ›Clowns Without Borders‹ haben wir bestimmt vier Millionen Kinder erreicht.« Cohen wird nicht müde, zu betonen, dass es in Krisengebieten wie dem Sudan, Haiti oder Nepal gerade die Jüngsten seien, die ein Lachen gebrauchen können. »Kinder sind hilflos«, sagt Cohen. Sprachbarrieren gebe es dabei nicht. »Mir geht es darum, Humor ohne Worte auszudrücken.«

Beeinflusst wurde er von dem amerikanischen Zen-Meister Bernie Glassman, der bei Cohen Clown-Unterricht nahm. »Glassman wollte einige Tricks von mir lernen, weil sich im Zen zu viele Menschen zu ernst nehmen«, erzählt Cohen und lächelt dabei. In der Folge wurden sie Freunde mit vielen Gemeinsamkeiten. »Sowohl im Zen als auch im Clowning geht es darum, im Moment zu sein«, stellt Cohen fest.

Endlose Flure Mittlerweile hat das Taxi vor seinem Hotel nahe des Kurfürstendamms gehalten. Doch für die Lichter der Stadt hat Cohen keinen Blick. Energisch zieht er seinen großen Rucksack aus dem Kofferraum, um die Stufen zur Rezeption hinaufzueilen. Im Hotel selbst wirken die endlos langen leeren Gänge mit ihrem schmalen, roten Läufern und den unzähligen Türen wie eine Szenerie aus dem Horror-Klassiker Shining. »Die Lage des Hotelzimmers verrät dir einiges über deine Wichtigkeit«, meint Cohen und grinst, während er Tür um Tür passiert. »Das ist nur ein Scherz – wenn man sich selbst nicht zu viel Gedanken um sein eigenes Ego macht, hat man mehr Spaß im Leben.«

In seinem kleinen Hotelzimmer macht sich Cohen sofort und routiniert ans Auspacken: Aus dem Koffer lugt ein großer Plastikhammer hervor, ein Reisewasserkocher findet seinen Platz neben dem Bett. Zum ersten Mal scheint der bislang so Gelassene etwas nervös: »Ich weiß noch nicht, was ich nachher bei der Premiere anziehen soll.« Er habe noch nicht entschieden, ob er mit seiner Clown-Energie gehe oder nicht. Schließlich entscheidet er sich für ein blaues Hemd mit weißen Punkten und eine japanisch anmutende Kombination, über die er einen dunklen Mantel wirft.

Das Kleidungstück bietet den zweiten Einblick in seine Familiengeschichte. Der Mantel gehöre seiner Mutter, er habe ihn extra für den Berlinbesuch umschneidern lassen. »Ich wollte ein Stück von ihr in das Land bringen, das sie rausgeworfen hatte«, sagt Cohen ernst. Da seine Mutter an Alzheimer erkrankt sei, habe sie ihn nicht begleiten können.

Diese Mitteilung bringt ihn dazu, etwas über seinen Bezug zum Judentum zu erzählen. »Es spielt eine große Rolle für mich, obwohl ich nicht religiös bin.« Zu Beginn seiner Karriere habe er einen zweiwöchigen Bühnenworkshop besucht, an dessen Ende die Teilnehmer eine 20-Sekunden-Performance geben sollten. »Und nach diesen intensiven zwei Wochen kam aus meinem Inneren spontan ein jüdisches Gebet, gefolgt von einem fröhlichen jüdischen Lied«, erinnert sich Cohen.

Judentum Er merke immer stärker, wie das Judentum mit seinem Wesen, seinem Humor und seiner Menschlichkeit zusammenhänge – ebenjene Menschlichkeit sollen die Besucher seiner Workshops in sich selbst entdecken. Seit einigen Jahren schult Cohen Menschen aus unterschiedlichsten Unternehmen, so derzeit etwa »Paypal«, und Sozialeinrichtungen darin, besser miteinander zu kommunizieren. »Das funktioniert einfacher mit Humor«, weiß er. Auch Kollegen sollten zusammen lachen. »Es geht mir darum, mehr Lachen und Leichtigkeit in die Welt zu bringen und das auch an andere weiterzugeben«, beschreibt er seine Lebensphilosophie.

Ebenjene Philosophie brachte ihn auch nach Japan, wo er mit den Betroffenen der Katastrophe von Fukushima arbeitete. Wie diese Arbeit aussah, verrät der Film von Doris Dörrie: Ein paar Luftballons und Plastiktüten reichen Moshe Cohen aus, um den älteren Menschen in den Notunterkünften – die keine Schauspieler sind – ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Cohen beschreibt die Dreharbeiten als berührend: »Es ist in keinem Fall das Gleiche, wie durch ein KZ zu gehen, aber man spürt den Wert des Lebens.«

Auf seinem Computer hat er Bilder aus der kontaminierten Zone gespeichert, die ihn nicht loslassen. Im Vergleich dazu sei die Arbeit vor der Kamera einfach gewesen, auch wenn er nicht gewusst habe, was ihn erwartete. Ob sein Ausflug in die Filmwelt eine einmalige Sache bleiben werde, wisse er aber nicht, sagt Cohen, als er sich zum Fototermin verabschiedet: »Ich würde schon einen weiteren Film drehen, aber nur, wenn er mir Raum gibt, lustig zu sein.«

»Grüße aus Fukushima« startet am 10. März in den deutschen Kinos.

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