Literatur

Die koschere Zimtschnecke

Foto: Getty Images

Frankfurter Buchmesse 2022 – Kim de l’Horizon gewinnt den Deutschen Buchpreis für den Roman Blutbuch. Wenig später verleiht auch die Schweiz ihrem neuen Literaturstar aus Ostermundigen im Kanton Bern den nationalen Buchpreis. Der Roman wird als erstes bedeutendes Werk aus non-binärer Perspektive gefeiert. Als ich ihn aufschlage, zufällig auf Seite 121, stelle ich überrascht fest, dass das Judentum darin eine Rolle spielt – und zwar eine wichtige.

»Mein Blutbuchensommer begann damit, dass ich (…) eine koschere Zimtschnecke bestellte. Na ja, es begann wohl vorher, nämlich als Dina mich anrief: ›Hey, diese jüdische Bäckerei bei der Autobahnausfahrt, voll hip jetzt, das heisst, noch gerade nicht superhip, sondern erst so halber Geheimtipp-hip, es gilt, rasch zu handeln!‹«

handlung Die koschere Zimtschnecke wird zum Ausgangspunkt für die Handlung, zum Auftakt des »Blutbuchensommers«, von dem sich der Titel des Romans herleitet. Was macht dieses Gebäck so besonders? Die Zimtschnecke steht für Vielfalt und Sinnlichkeit. Denn sie stammt aus einer jüdischen Bäckerei. Dabei verbinden sich mit ihr keine bestimmten Kenntnisse des Judentums, sondern nur vage Vorstellungen von Exotik.

Das Gebäck verstrickt die Figuren in Fragen der »kulturellen Aneignung«.

»Ich sagte Dina, dass ich die koschere Zimtschnecke viel juicyer fände als die nichtkoscheren Zimtschnecken, die ich bisher vernascht hätte. Und fügte noch hinzu, dass ich mir unsicher sei, ob die juicyness nur grösser sei, weil Ausflug in jüdische Bäckerei und quasi Exotisierung.«

Die koschere Zimtschnecke ist keine Madeleine, die bei Marcel Proust die Erinnerung wachruft und Traumwelten eröffnet. Bei Kim de l’Horizon regt sie das Begehren an. Als Sinnbild für das »Andere« verlockt sie. Mit besonderem Genuss wird sie »vernascht«. Ihre Exotik ist eine Erotik. Das englische Wort »juicy«, saftig, ist anspielungsreich. Phonetisch stecken »Jews«, die Juden, darin. Der »Körpersaft« wiederum deutet auf Sex.

Aber das Gespräch nimmt eine Wendung. Kim und Dina fragen sich, ob sie mit der Zimtschnecke das Jüdische »vereinnahmen« würden.

»Und ob wir jetzt den Juden ihre Bäckerei weggentrifihipsterten. Und ob das sehr schlimm sei. ›Keine Ahnung‹, sagte Dina. ›Ist wahrscheinlich so schlimm wie die appropriation deiner pseudo-samuraiigen fashion.‹ Ich nannte sie eine bitch, und sie nannte mich eine cultural appropri-geisha, und wir fanden uns so masslos geistreich und nervig hyperreflektiert (…).«

WOKENESS Die Zimtschnecke verstrickt die Figuren in Fragen der »kulturellen Aneignung«. Sie bringt sie damit an den Rand des Identitätsdiskurses und an die Grenzen der politischen Korrektheit. Kim und Dina kritisieren ihre eigene Wokeness als »masslos geistreich« und »nervig hyperreflektiert«. Sie kritisieren den Identitätsdiskurs von links.

Dass Kim die Faszination des »Anderen« erkennt, tut ihr jedoch keinen Abbruch. Im Gegenteil, sie vergrößert den Reiz. Bald lässt sich die Erzählfigur auf eine sexuelle Beziehung mit dem jüdischen Lieferanten ein, der eine Kippa trägt und die koscheren Zimtschnecken auf Bestellung vorbeibringt. Beide sind auf »Grindr« unterwegs, einer Plattform für »Sex nebenbei«. Der jüdische Gebäck-Lieferant führt dort ein Konto unter dem Namen »Needygreedy27«.

Der jüdische Lieferant nennt sich beim Dating »Needygreedy27«.

Dieser Name öffnet eine Büchse der Pandora. Denn »needy« bedeutet bedürftig und »greedy« gierig. Der Name des jüdischen Lieferanten entspricht so einem judenfeindlichen Vorurteil, das seit dem Mittelalter eingesetzt wurde und schlimme Folgen hatte: der geizige, gierige Jude. Wie kommt ein solches Klischee in einen identitätsbewussten Roman? Ein Ausrutscher ist es jedenfalls nicht.

Karikierende Namen sind im Blutbuch auf der Sex-App reichlich vorhanden, etwa THAT ASIAN BOY, was auf einen bestimmten Körperbau anspielt, oder AY PAPI, was auf hispanischen Machismo verweist. Diese Stereotype bilden die Selbstdarstellung der Nutzer auf solchen Apps durchaus treffend ab. Und sie stellen die Frage: Ist der Reiz einfacher Identitäten doch stärker als das Bedürfnis, aus Rollenmustern auszubrechen?

KLISCHEES Während er die Debatte um Identität und Geschlecht klug kommentiert, spielt der Roman Blutbuch mit ethnischen Klischees. Tatsächlich ist Needygreedy27, der später Aaron genannt wird, weder bedürftig noch gierig. Er lehnt Kims Anfragen meist ab. Und er schützt seine Privatsphäre.

Wenn Kim unangekündigt bei ihm vorbeikommt, schickt er Kim weg. Hinter der koscheren Zimtschnecke verbirgt sich ein Mann, der seine Wohnung und sein Privatleben verteidigt – und als Jude vielleicht verteidigen muss. Der Lieferant der Zimtschnecke zieht sich zurück in sein Schneckenhaus. Needygreedy27 hätte auch HeimundHerd27 heißen können.

Blutbuch gilt als erstes deutschsprachiges Werk, das die Binarität von Mann und Frau überwindet. Aber es überwindet auch den Diskurs der politischen Korrektheit, indem es seine eigene Widersprüchlichkeit ausstellt. Gespräche über kulturelle Aneignung führen zu Ratlosigkeit. Stereotype des »Anderen«, sei es in der Bäckerei oder auf der Sex-App, üben ihre Faszination aus. Sie werden fortgesetzt statt abgebaut. Dabei ist die Besonderheit, die den Reiz ausmacht, eigentlich zufällig, künstlich und keineswegs wesentlich.

Denn eine koschere Zimtschnecke unterscheidet sich von einer nicht-koscheren Zimtschnecke nicht wirklich. Koscher ist sie nur, weil ein orthodoxer Mann den Ofen angemacht hat. An ihr selbst ändert das nichts.

Die Autorin ist Leiterin des Jüdischen Museums der Schweiz in Basel.
Kim de l’Horizon: »Blutbuch«, DuMont, Köln 2022, 336 S.,
24 €

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