Fernsehen

Die Kinder von Blankenese

Aus Bergen-Belsen in die Villa Warburg: Szene aus »Die Kinder von Blankenese« Foto: arte

Simcka Landau, heute 81 Jahre alt, hat jahrzehntelang im israelischen Wirtschaftsministerium gearbeitet. Seine Frau Tamar, 79, war Kindergärtnerin, und ließ sich nach ihrer Pensionierung zur Fremdenführerin für Jeru salem und Umgebung weiterbilden. Sie macht heute unter anderem Führungen in Yad Vashem. Kennengelernt haben die Landaus sich in Hamburg. Sie gehörten zu einer Gruppe von jungen Holocaust-Überlebenden, fast ausschließlich Waisen, die zwischen 1946 und 1948 in der Villa Warburg im noblen Hamburger Vorort Blankenese lebte. Ihre Geschichte erzählt der Regisseur Raymond Ley (Eichmanns Ende) in dem TV-Dokudrama Die Kinder von Blankenese, das am 17. November um 20.15 Uhr auf arte ausgestrahlt wird.

villa warburg Neben den Eheleuten Landau hat Ley für seinen Film unter anderem mit Reuma Weizman, geborene Schwartz, gesprochen. Die spätere Gattin des israelischen Präsidenten Ezer Weizman gehörte zum Betreuerteam in der Villa. Die Briefe, die die damals 22-Jährige von dort an ihre Eltern schickte, sind in das Drehbuch eingeflossen, ebenso wie das 1996 in Israel erschienene Buch Duvdevanim al Ha-Elbe, für dessen deutsche Übersetzung, die 2006 unter dem Titel Kirschen auf der Elbe im Schümann-Verlag erschien, Reuma Weizman das Vorwort verfasste.

Dass die Kinder in Blankenese unterkommen konnten, hatten sie dem Bankierssohn Eric Warburg zu verdanken, der 1938 emigriert war und in der US-Armee gekämpft hatte. Nach seiner Rückkehr beschloss Warburg, auf dem von den Nazis »arisierten« Familienbesitz jüdische Kinder unterzubringen, die die KZs überlebt oder die Schoa auf andere Weise überstanden hatten. Hier sollten sie auf die Alija vorbereitet werden. Die erste Gruppe kam im Januar 1946 aus einem DP-Lager nahe dem ehemaligen KZ Bergen-Belsen.

Regisseur Raymond Ley hat zwischen teilweise jugendfilmähnliche Spielszenen über diese Zeit aktuelle Interviews mit 16 Zeitzeugen geschnitten. Das gibt dem Dokudrama eine Qualität, die man nach der Eingangssequenz vielleicht nicht vermutet hätte. Dort wird einer der Todesmärsche gezeigt, zu denen die SS in der Endphase des NS-Regimes die Gefangenen von frontnahen KZs zwang. Mit der Auflösung der Lager hoffte man, die dort verübten Verbrechen vertuschen zu können. Tamar Landau und einige andere der Kinder hatten einen solchen Marsch überlebt. Doch die Eingangsszene hat einen Hauch von Künstlichkeit. Wenn der Zuschauer die zerlumpten und erschöpften Häftlinge sieht, macht er sich mehr Gedanken darüber, wie den Darstellern ihr elendes Aussehen in der Maske verpasst wurde, als dass er in die Geschichte hineingezogen würde. Einmal mehr zeigt sich, dass TV-Ästhetik den Nazi-Terror nur bedingt greifbar machen kann.

idylle Hauptsächlich rekapituliert das Dokudrama das relativ idyllische Leben, das den Kindern einige Monate im Westen Hamburgs vergönnt war. Relativ idyllisch schon deshalb, weil sie in richtigen Betten schlafen konnten, genug zu essen hatten und beim Spielen am nah gelegenen Elbufer wenigstens einen Teil ihrer Kindheit nachholen konnten. Zum Alltag gehörte auch improvisierter Schulunterricht, geleitet von Ben Yehuda, einem in Deutschland geborenen Lehrer, der als Soldat in der Jüdischen Brigade der britischen Armee gekämpft hatte. Geprägt war die Zeit aber vor allem vom Warten auf die Ausreisegenehmigungen der Briten, die diese nur zögerlich ausstellten. Die Monate im feinen Stadtteil wurden für viele der Kinder und auch die Betreuer getrübt durch antisemitische Ressentiments, die in Hamburg, wie im restlichen Deutschland, mit dem Ende des Nationalsozialismus nicht verschwunden waren. In einer Szene des Films weigern sich Mitarbeiter eines Krankenhauses, ein Mädchen aus der Villa Warburg zu behandeln, weil es jüdisch ist.

Der Schluss des Films fällt »nachdenklich« aus, wie Regisseur Ley es formuliert. »Es dauerte 20 Jahre, bis ich in die Kibbuz-Gesellschaft aufgenommen wurde«, sagt da Yossef Erez, einer der Zeitzeugen. Das setzt einen Kontrapunkt zu der im Film ständig präsenten Vorfreude der Kinder auf das Leben im Kibbuz, der man sich als Zuschauer kaum entziehen kann. Simcka Landau, der zu einer Vorpremiere des Films mit seiner Frau nach Hamburg gekommen war, äußerte sich im Gespräch mit dieser Zeitung differenzierter als Erez im Film. »Palästina war arm, und die, die kamen, hatten überhaupt nichts. Dennoch musste keiner von uns betteln oder hungern. Für die meisten aus unserer Gruppe war es ein positiver Neuanfang.« Die Menschen in Palästina, ist sich Landau sicher, »verstanden wahrscheinlich, dass die Überlebenden aufgrund ihres Schicksals besondere Aufmerksamkeit benötigten«. Aber: »Einen Ansatz dafür hatten sie nicht. Heute würde man eine Schar von Psychologen einsetzen.«

Geschichtsstunde Die Kinder von Blankenese zeigt einen zeitlich begrenzten Ausschnitt aus dem Leben seiner jungen Protagonisten. »Unsere Vergangenheit vor der Befreiung kommt nicht vor«, sagt Simcka Landau. Über diesen Teil seines Lebens berichtet der Ökonom gelegentlich in kleineren Runden. Seit rund zehn Jahren ist er in Berlin, seiner Geburtsstadt, zu Gast in Geschichts-Leistungskursen an Gymnasien. »Ich erzähle dort, was einer normalen bürgerlichen Familie widerfahren ist, nur weil sie jüdisch war. Die Schüler verstehen sehr gut, dass das nicht die Leidensgeschichte eines Jungen ist, der gerade erwachsen wurde, sondern dass es in gewisse Weise die Geschichte ihrer Großeltern ist.« Eine Geschichte, die, wie der Überlebende hinzufügt, »diese in der Regel aber nie erzählt haben«.

»Die Kinder von Blankenese«, arte, Mittwoch, 17. November, 20.15 Uhr

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