Efrat Alony

Die Händel-Zerlegerin

Efrat Alony lebt in Berlin und wurde 2022 mit dem Deutschen Jazzpreis ausgezeichnet. Foto: Rolf Walter

Efrat Alony

Die Händel-Zerlegerin

Auf ihrem neuen Album verwandelt die israelische Sängerin Barock-Arien in Vokaljazz

von Imanuel Marcus  06.07.2023 11:39 Uhr

Alben wie Händel Fast Forward werden nicht jeden Tag herausgebracht. Auch nicht jeden Monat, jedes Jahr oder jedes Jahrzehnt. Eine solche Aufnahme gab es noch nie – bis Efrat Alony kam.

Die israelische Sängerin, Komponistin, Produzentin und Professorin für Jazzgesang an der Hochschule der Künste Bern fällt nicht zum ersten Mal auf. Als ihr letztes Projekt Hollywood Isnʼt Calling als bestes Vokalalbum mit dem Deutschen Jazzpreis ausgezeichnet wurde, bescheinigte ihr der NDR eine »sprunghafte Vitalität und klangvolle Gewandtheit«.

lorbeeren Doch anstatt sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen, stürzte sich Efrat Alony, die schon seit 1997 in Berlin lebt und in Bern unterrichtet, in eine neue Aufgabe: Georg Friedrich Händels Kompositionen zu zerlegen und in Vokaljazz-Stücken wiederaufleben zu lassen. »Barockmusik fasziniert mich bereits seit langer Zeit«, sagt Efrat Alony. »Viel Bach ist dabei. Und Händel. Ich habe immer im Hinterkopf gehabt, dass ich etwas damit machen muss. Auch habe ich seine Stücke gesungen, wobei es sich um klassischen Gesang handelte.«

Von der Klassik blieb nicht mehr viel übrig, als sie mit dem Händel-Album fertig war. Sie nahm zusammen mit dem Pianisten Achim Kaufmann, dem Kontrabassisten Henning Sieverts und dem Schlagzeuger Heinrich Köbberling Arien des großen Komponisten kurzerhand auseinander, als wären sie aus Lego gebaute Objekte.

Lediglich die Melodien blieben. Und die Texte: »Hide me from day’s garish eye, while the bee with honied thigh, which at her flow’ry worth doth sing, and the waters murmuring, with such consort as they keep, entice the dewy-feather’d sleep.« Wer traut sich schon, Jazz mit derartigen Texten zu singen?

HINTERGRUND Efrat Alony wurde in Haifa geboren. Sie studierte an der Rimon School of Jazz and Contemporary Music in Ramat Hasharon, dem Berklee College of Music in Boston und an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin.

Über ihr neues Album sagt die Ausnahme-Musikerin: »Ich komponiere auch sehr viel, hatte mir aber vorgenommen, dass ich diesmal nicht komponieren, sondern nur singen wollte. Das war die Grundidee für dieses Projekt. Ich wollte mit den involvierten Musikern einfach in einen Proberaum gehen, um es umzusetzen, aber dafür reichte die Zeit nicht. Deshalb habe ich im Endeffekt doch alles umarrangiert. Ich nahm die Melodie – und nur diese. Alles andere wurde verändert.« Das heißt: Efrat Alony verpasste den Händel-Stücken eine neue Harmonie, einen neuen Rhythmus und eine neue »Time Signature«.

»Da Händel so innovativ war, würde er heute vielleicht Filmmusik oder Pop-Songs schreiben.«

Efrat Alony


»Es klingt natürlich nicht mehr wie Händel«, erklärt sie in ihrem Produktionsbüro in Berlin-Kreuzberg. »Es gibt einen roten Faden, der bleibt. Ich folge den Farben, die mich interessieren, und Harmonien, die für mich spannend sind.« In zwei Stücken auf dem neuen Album, dessen CD-Version gerade erschien, nämlich »Alla Salma Infidel« und »Convey Me To Some Peaceful Shore«, sind barockartige Klänge noch hörbar. »In allen anderen Fällen ist es, als ob man Händel 250 Jahre nach vorne bringen würde«, so Alony.

KÜHLE »Was für mich in diesem Projekt wichtig war – und dies war auch einer der Gründe, warum ich gerade Händel ausgesucht habe –, ist, dass hier wahnsinnig viel Emotionalität vorhanden ist. Und Jazz ist oft mit einer gewissen Kühle verbunden. Oder einem Understatement. Aber ich höre Musik wie Theater. Deshalb war es für mich interessant zu sehen, wie ich so eine Drama-Welt in den Jazz-Kontext bringen kann.«

So erklärt Alony ihr unkonventionelles Album. Es bietet Musik, die das genaue Gegenteil von Easy Listening ist. Das Hören strengt an, es fordert. »Das Drama sollte ausgelebt und zelebriert werden, aber in einer Art und Weise, die aktuell und relevant ist«, sagt sie. Die Umsetzung dieser Mission ist ihr definitiv gelungen.

Wenn Händel noch leben und das Album hören würde, was würde er wohl denken? Auch darauf hat Efrat Alony eine Antwort: »Da er so innovativ war, würde er heute vielleicht Filmmusik oder sogar Pop-Songs schreiben.«

herangehensweise Die Tatsache, dass sie auch Musikprofessorin ist, macht die Aufgabe der 47 Jahre alten Jazzsängerin in gewisser Hinsicht einfacher. »Das theoretische Wissen hilft natürlich. Dennoch ziehe ich eine intuitive Herangehensweise einer analytischen vor. Es gibt Momente für Analysen, und es gibt solche, in denen die Theorie vergessen werden sollte.« Für Händel-Interpretationen auf Jazz-Basis gibt es ohnehin keine Theorie, auf die sie hätte zurückgreifen können.

Mit ihrer Musik, inklusive des Händel-Projektes, will Efrat Alony ihr Publikum bewegen.

Mit ihrer Musik, inklusive des Händel-Projektes, will Efrat Alony ihr Publikum bewegen. Sie weiß, dass ihr dies nicht in allen Fällen gelingen wird: »Manche Leute würden sagen, was ich mache, ist Blasphemie. Dies sind Leute, die tief in der Materie stecken, sich auskennen und wissen, was verändert worden ist. Bei den Jazzern ist es hingegen so, dass viele die Konnotation, also das Wissen über das Original, gar nicht haben. Für sie klingt das Projekt vielleicht viel abstrakter als für einen Klassik-Experten.«

Das sei allerdings »total unwichtig«, findet Efrat Alony. »Wichtig ist die Frage, ob die Musik einen fasst, bewegt, einen zum Nachdenken bringt, oder einen sogar irritiert. Ich finde, Kunst soll und darf irritieren.« Auch dieses selbst gesteckte Ziel hat sie mit Händel Fast Forward spielend – und singend – erreicht.

HEIMAT Ihre Ehrung mit dem Deutschen Jazzpreis 2022 hat Efrat Alony gefreut, »aber dies ist nicht meine Motivation für das Musikmachen«. Doch selbstverständlich ist es ihr wichtig, diese Anerkennung zu bekommen, als Frau, als Sängerin und Komponistin, sagt die Händel-Interpretin, die in Deutschland, der Schweiz und in Israel auftritt.

In Berlin, sagt sie, fühlt sie sich wohl: »Natürlich habe ich Sehnsucht nach Meer und Sonne. Aber die Heimat nimmt man ja auch mit. Wenn man sein Netzwerk um sich hat, ist man dort.« Als Teil der großen israelischen Expat-Community in Berlin sieht sich Efrat Alony eher nicht. »Ich bin lange vor dieser Welle nach Berlin gekommen. Als ich kam, war hier niemand. Nun sind sie alle da. Zum Teil freut mich das, und zum Teil sehe ich dies kritisch. Denn manchmal wirkt es, als wolle man Tel Aviv nach Berlin übertragen – mit Copy- und Paste-Befehlen –, anstatt ein wahres Interesse für die lokale Kultur zu entwickeln.«

Ihr selbst kann das wohl niemand vorwerfen – erst recht nicht nach ihrer intensiven Auseinandersetzung mit Georg Friedrich Händel.

Efrat Alony: »Händel Fast Forward«. Dot Time Records, Long Beach (New York) 2023, 14,95 €

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