Interview

»Die ganze Bandbreite«

Lea Wohl von Haselberg ist Programmdirektorin des Jüdischen Filmfestivals Berlin Brandenburg. Foto: Uwe Steinert

Interview

»Die ganze Bandbreite«

Programmdirektorin Lea Wohl von Haselberg über das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg und israelisches Kino nach dem 7. Oktober

von Nicole Dreyfus  05.05.2025 13:36 Uhr

Das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg (JFBB) findet zum 31. Mal statt und zeigt 57 Filme. Wo liegen diesmal die inhaltlichen Schwerpunkte?
Das Festival zeigt auch in diesem Jahr die ganze Bandbreite des jüdischen Films: Von nachdenklichen Essayfilmen bis zu schwarzhumorigen Komödien, vom Neo-Western bis hin zum Drama – mit sehr unterschiedlichen Tonalitäten und aus einer Vielzahl an Produktionsländern. Wir führen die Reihe zum Antisemitismus im (Post-Sozialismus fort und bieten wieder ein eintägiges Event für die Filmbranche an, um sich auszutauschen und zu vernetzen. Wir bleiben dem Fokus auf der Unterschiedlichkeit jüdischer Perspektiven und natürlich dem Kino verpflichtet.

Das JFBB hat sich zum größten deutschen Festival mit Filmen zu jüdischen Themen und aus Israel entwickelt. Welche besonderen Momente und Impulse erhoffen Sie sich in diesem Jahr?
Wir feiern das Kino und die Filmkunst und eröffnen einen Raum für Begegnung, Diskussion und Austausch. Wir hoffen auch, dass wir das Publikum noch zahlreicher in die Kinos locken können und dort viele interessante, berührende und inspirierende Begegnungen mit den Filmen und den Filmschaffenden, aber auch unter unseren Besucherinnen und Besuchern stattfinden.

Angesichts des grassierenden Antisemitismus in Deutschland, wie sehen die Sicherheitsvorkehrungen beim Festival aus?
Wie schon im vergangenen Jahr stehen wir vor der Aufgabe, das Festival gleichzeitig zu einem sicheren und einem offenen Ort zu machen, damit sich alle Besucher und Filmschaffenden, die zu uns kommen, sicher fühlen können. Ich bin zuversichtlich, dass uns das gelingt, auch wenn es eine hundertprozentige Sicherheit nie geben kann.

Wir bleiben dem Fokus auf der Unterschiedlichkeit jüdischer Perspektiven und dem Kino verpflichtet.

Inwiefern gestaltete sich im Schatten des Krieges die Programmgestaltung anders als in den vorherigen Jahren?
Wir haben bereits im letzten Jahr eine Festivalausgabe gemacht, die sehr stark im Schatten einer komplexen politischen Situation stand und gleichzeitig die 30. Ausgabe gefeiert hat. Insofern ändert sich daran nicht viel. Einerseits spiegelt sich die Situation im Nahen Osten natürlich in unserem Programm, andererseits lenken die politischen Perspektiven die Aufmerksamkeit oft stark von den Filmen weg hin zu anderen Fragen. Dem versuchen wir zu begegnen, indem wir bewusst Diskursräume für die politischen Themen schaffen, aber auch versuchen, wieder vermehrt über Film und Filmkunst zu sprechen. Das ist auch wichtig und hat seine Berechtigung, zumal wir auch nicht nur israelische Filme zeigen, auch wenn das israelische Kino immer ein wichtiger Teil unseres Festivals war und bleiben wird.

Hat der 7. Oktober 2023 den israelischen beziehungsweise jüdischen Film verändert?
Wir sehen nun erste Filme, die sich an den 7. Oktober heranwagen: Zunächst waren es vielfach eher journalistisch orientierte Dokumentarfilme, die den Fokus auf das Beweisen und Bezeugen der Ereignisse legten. Im diesjährigen Programm haben wir ein ganzes Kurzfilmprogramm zum 7. Oktober, das die große Bandbreite der filmsprachlichen Formen umfasst: von dokumentarischen Ansätzen über experimentelle bis hin zur Animation. Das Programm ist besonders in der Vielstimmigkeit sehr berührend. Aber auch in den Wettbewerben haben wir mit »A Letter To David«, »Holding Liat« und »Of Dogs And Men« gleich drei Filme, die sich mit dem 7. Oktober befassen und zeigen, dass es natürlich auch filmisch eine Herausforderung ist, davon zu erzählen, eine Sprache und eine entsprechende Form zu finden.

Tatsächlich ist der Blick vom 7. Oktober, dem Krieg und von allen Nachwirkungen geprägt.

Kann man israelische Filme nach dem 7. Oktober noch unpolitisch betrachten?
Tatsächlich ist der Blick vom 7. Oktober, dem Krieg und von allen Nachwirkungen geprägt, aber wir haben Filme im Programm, die dezidiert auch dazu einladen und die ich nicht als eskapistisch verstehe: »Come Closer« oder »Highway 65« sind beispielsweise israelische Spielfilme, die sehr eindrücklich von israelischen Gegenwarten erzählen und eben nicht vom Krieg geprägt sind. Als Festival haben wir den Vorteil, dass wir ein ganzes Programm anbieten können: Die Filme stehen nicht für sich, sondern sind eine Perspektive unter vielen anderen.

Sind Krieg und Politik nicht mehr wegzudenken, oder gibt es nach wie vor Raum für Heiteres und Lustiges?
Selbstverständlich. Was wäre ein jüdisches Filmfestival, bei dem es nichts zu lachen gäbe? Tatsächlich eröffnen wir mit einer amerikanischen Komödie, »Bad Shabbos«, und auch das zweite Kurzfilmprogramm »Nosh Nosh« hat durchaus sehr lustige Momente. Und nicht zu vergessen: Es gibt auch andere, sehr nachdenklich stimmende Themen jenseits der Situation in Israel. Das prägt wahrscheinlich das ganze Festivalprogramm: die Unterschiedlichkeit, die vielfältigen Themen, Sprachen und Farben. Wir haben ja nicht nur israelische oder US-amerikanische Produktionen, sondern auch argentinische oder französische Filme im Programm des JFBB. Es können alle einen Film finden, von dem man sich berühren oder ansprechen lassen kann, thematisch und filmisch.

Zum Schluss: Was ist Ihr persönlicher Filmtipp?
Ich stehe natürlich immer für das ganze Festivalprogramm und liebe vor allem die große Bandbreite. Daher würde ich die Kurzfilmprogramme empfehlen: Da bekommt man die gesamte jüdische Vielfalt in 90 Minuten.

Mit der Filmwissenschaftlerin und Programmdirektorin des Festivals sprach Nicole Dreyfus.

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