Literatur

Die Frau im Spiegel

Foto: Thinkstock

Das Weckerklingeln, das sich wie ein ungebetener Bote in meinen Schlaf schleicht, reißt mich unsanft aus einer traumlosen Nacht. Langsam öffne ich ein Auge, blinzle der durch die Vorhänge fallenden Wintersonne entgegen und spüre jetzt schon, dass heute kein Tag wie jeder andere ist. Wortlos schaue ich mich in meinem Schlafzimmer um, sehe eine mit Intarsien verzierte Kommode, spüre die weichen Daunen der Decke auf meinen nackten Beinen und rieche den Duft eines Schlafzimmers, das während der letzten sieben Stunden von Atem und warmer Haut durchzogen war.

Es ist sieben Uhr zwei, gleich drei, und ich weiß bloß, dass ich aufstehen muss. Jedoch nicht, wieso. Mit klopfendem Herz quäle ich mich müde aus meinem Bett, bewege mich auf zittrigen Knien in die Küche, greife gezielt nach einem Kristallglas aus dem Küchenschrank, der, zart und aus dunklem Kirschholz geschnitzt, an der Wand steht. Schluck für Schluck benetzt lauwarmes Wasser meine trockene Kehle und wärmt meinen leeren Magen Zentimeter für Zentimeter. Auch dieses Ritual geschieht unbewusst und ahnungslos.

Es ist sieben Uhr vierzehn und ich fühle mich gehetzt, unruhig und nicht bei mir. Duschen, Zähneputzen, Eincremen, besonders die empfindliche Partie um meine Augen. Wie ein Statist meines eigenen Theaterstücks, das ich nicht geschrieben habe, in der Hauptrolle jedoch tragen muss.

Dekolleté Im Spiegel erkenne ich eine junge Frau, vielleicht Ende zwanzig. Dunkelbraunes, gewelltes Haar, das sich, weich und glänzend, über ihre nackten Brüste legt. Ein paar hellbraune Sommersprossen auf den hohen Wangenknochen, rosiger Teint, etwas zu blass, frische Luft sollte helfen, eine schmale Nase mit kleinem, aber markantem Höcker auf der Mitte des Nasenrückens.

Während ich auf mein Dekolleté schaue, sehe ich mein Herz schlagen. Schnell, mit kurzen Aussetzern. Als sei etwas nicht in Ordnung. Doch dafür scheint keine Zeit zu sein, sagt mir etwas. Ohne mein Gesicht abzutrocknen suche ich wintergerechte Kleidung zusammen, stolpere dabei mehrmals, und spüre, dass ich raus muss. Ich weiß nicht wieso.

Um sieben Uhr zweiundvierzig verlasse ich, einen Schal schützend um meinen Hals gelegt, die Wohnung und mache erste unsichere Schritte in diese mir heute so fremde Welt. Wie von einer unsichtbaren Hand gezogen und Kräften geschoben laufe ich durch ein Wohnviertel, das ich eigentlich bis in die letzte Ecke kennen müsste. Nicht aber heute. Kahle Bäume säumen die sauberen Bordsteine, in der Sonne glitzernde Stolpersteine sind tief in den Boden wie mahnende, tote Klingelschilder, deren Namen zu keiner Wohnung mehr führen, vor den Eingängen prächtiger Altbauten eingegraben.

Als ich an einem polierten Schaufenster vorbeilaufe, sehe ich sie wieder, diese junge Frau mit den dunkelbraunen Haaren. Ich bleibe stehen, trete näher und fahre mit meinem Zeigefinger die Konturen ihrer Silhouette nach, die meine eigene ist. »Wer bist du? Wer bin ich?«, flüstere ich in den noch menschenleeren Morgen. Verdammte Scheiße, was ist los hier?

Stammeln »Na sagen Se mal, junge Frau. Nehmen Sie sofort Ihre schmierigen Hände von meinem Fenster! Glauben Sie, ich habe das umsonst in aller Herrgottsfrühe geputzt?« Erschrocken ziehe ich meinen Zeigefinger zurück und vergrabe meine Hände peinlich berührt in den Taschen meines Wintermantels. »Ich ... ich ...«. Mir bleibt nur ein Stammeln.

»Ich, ich, ich! Nun sagen Sie mal, was das soll?«, möchte die Frau schroff von mir wissen. Ich schätze sie auf Ende 60. Die Antwort, die sie will, habe ich nicht mal für mich selbst. Ich habe keine Ahnung, was hier passiert. Etwas, das mich ausmacht, hat meinen Körper verlassen.

»Entschuldigen Sie, es war nicht meine Absicht, Ihre Scheibe zu beschmieren. Ich sah einfach ...«, bevor ich mich irgendwie erklären kann, unterbricht sie mich wieder. »Lassen Sie es einfach und gehen am besten dahin, wo sie hinwollten.« Gute Idee, denke ich mir. Wenn ich das wüsste. Anstatt mich ein letztes Mal zu erklären, nicke ich höflich und gehe stumm meines ziellosen Weges.

Die Straßen füllen sich schnell. Ich weiß nicht damit umzugehen. Jeder scheint ein Ziel zu haben. Manche lächeln. Es sind wenige. Viele Gesichter strahlen schon morgens eine gewisse Resignation aus. Doch heute, an diesem unvertrauten Dienstag, kann ich nicht mehr urteilen. Ich sehe nur, nehme wahr. Und beneide sie. Die unsichtbare Kraft reißt weiter an meinen Handgelenken, meinen Knöcheln und Schultern.

ausdruckslos Im Laufschritt sehe ich dick beklebte, bunte Litfaßsäulen und überall Zeitungen. Zeitungsseiten in der Luft, Zeitungen auf dem Boden, an Häuserfassaden, in den Händen eiliger Passanten, die sich rücksichtslos, nicht selten durch Schulterstöße und genervtes Stöhnen, ihren Weg durch den Fußgängerverkehr bahnen. Schlagzeilen, überall Schlagzeilen. »Sie kommen«, »Sie fliehen«, »Sie frieren« Wer sind »sie«? Wer sind diese Menschen, deren Gesichter mich von den Titelseiten ausdruckslos anstarren und an jenes erinnern, dass ich heute in der Reflexion aus Spiegeln und Scheiben selber sehe.

Mein Kopf schmerzt. Auf dem Bahnsteig laufe ich nervös hin und her. Das gleißende Morgenlicht überzieht alles um mich herum mit einem gelben Filter, der sich gemächlich gegen das Eisblau des nahenden Winters durchsetzt. Die auf der Anzeigetafel für in zwei Minuten angekündigte S-Bahn trifft mit lautem Zischen und Rattern etwas zu früh ein. Wie aufgeschreckt setzt sich die mit mir wartende Masse in Bewegung und nimmt mich einfach mit.

Wie unglückliche Lemminge stehen und sitzen sie um mich herum und schauen auf den Boden, während sich die stählerne Karawane durch die langsam erwachende Stadt schlängelt. Kein Lächeln, kein Glanz in den Augen, kein Blickaustausch. Müdigkeit hat einen Geruch, sie riecht nach Linoleum, nach Bahnsteig und nach Winternebel. Selbst die wärmende Morgensonne scheint machtlos gegen den Unmut zu sein: Die Strahlen ersticken im dicken Fell der Individuen, kitzeln nur an meiner Nase. Der Nase der einzigen Ahnungslosen. Wir ruckeln im Takt. Manch einer hat die Augen geschlossen – woran man wohl denkt, wenn man die Augen schließen muss, um nicht dort zu sein, wo man ist?

Mit einem Mal wird es unglaublich laut in unserem Waggon. Die eben noch gesenkten Köpfe schauen nun alle in meine Richtung und reden auf mich ein. Ein urbanes Babel, dessen Sprachen ich nicht identifizieren kann. Panisch sinke ich noch tiefer in meinen Sitz, da ich plötzlich meine Beine nicht spüre.

Fragen Darüber hinaus ist es soweit unmöglich, den fahrenden Zug zu verlassen. Mir ist danach, meine Ohren zuzuhalten und gleichzeitig alles zu hören, was um mich herum gesagt wird. Das Szenario zieht mich wie Treibsand immer tiefer.
Was willst du hier? Geh wieder weg! Sag uns wer du bist! Wo kommst du her? Deinen Namen, sag ihn!

Sie schreien mich an, weil ich nicht antworten kann. Ich verhalte mich unauffällig. Versuche, anhand der an mir vorbeirauschenden Bürotürme zu erkennen, wo die Bahn hinfährt. Dabei sehe ich zum wiederholten Male meine fremden Umrisse im Fenster der S-Bahn. Es ist eng, zu eng. Schulter an Schulter, es riecht nach allem und nach nichts. Wie fremdgesteuert und mit schwitzigen, zitternden Händen öffne ich meine Handtasche.

Dann ist es, als verliere ich den Glauben, in mich, die ich nicht kenne, und diesen Tag, der mich auch nicht zu kennen scheint: Ich ziehe Fotos hervor, alte, verblichene Fotos. Sie kommen mir entgegen, unzählig, verteilen sich um mich he- rum und auf mir. Wie ein Springbrunnen aus Bildern, die ein unlösbares Puzzle aus Jahrzehnte währenden Erinnerungen bilden. Ich sehe einen kleinen Jungen mit Schiebermütze aus braunem Tweed, drehe das Bild rum und lese »Opa, ca. 1939«.

Mein Großvater? Dann weitere Gruppenbilder mir unbekannter Personen, die mit »Großtante, Mama, Onkel Isaac und unbekannt« beschriftet sind. Wieder diese Panik, die aus dem Gefühl resultiert, keine Identität zu haben.

Schock Aus Panik wird Hysterie. Mir ist heiß und kalt zugleich, während ich versuche, mich aus dem Berg aus Fotos und diesem Waggon zu befreien. Mit der mir verbleibenden Kraft zwänge ich mich durch die Masse der weiterhin auf mich einredenden Menschenmenge. Ich lasse die Tasche, die Fotos und die Stimmen hinter mir, als ich die Türen mit Gewalt öffne und mich aus der langsamer werden- den S-Bahn stürze. Unsanft, aber unversehrt lande ich auf dem schmutzigen Betonboden einer Haltestelle, an der ich nie zuvor gewesen bin. Für einige Sekunden, es können auch Minuten sein, verharre ich in Schockstarre, bevor ich den Ausgang suche.

So klopfe ich den Dreck von meiner Hose, ziehe den Mantel zu und fange an zu laufen. Doch keiner meiner Schritte bringt mich voran. Der Bahnsteig wird zu einer endlosen, waagerechten Rolltreppe, die, einmal in Gang gesetzt, nicht aufhört zu rotieren. Nun fange ich an zu rennen, ringe nach Luft, suche ich nach etwas, von dem ich gar nicht wusste, es zu suchen, in meiner Manteltasche. Dann habe ich einen Taschenspiegel in meiner Hand, renne weiter und schaue hinein. Mit Tränen vermischte Wimperntusche rinnt wie schwarze Baumwurzeln an diesen Wangen entlang, von denen ich nicht weiß, ob sie jemals gestreichelt oder geküsst wurden.

Trauer und Resignation breiten sich in meinem Körper aus. Ich spüre, dass sich der Kampf gegen mein verschwundenes Selbst nicht mehr lohnt. Ich werde müder. Immer müder, lebensmüder. Aus der Ferne höre ich den nächsten Zug anfahren und sehe keinen anderen Ausweg mehr, als mich ganz an den Rand des Bahnsteigs zu stellen. Ich bin ganz nah. So nah, dass meine Fußspitzen ins Leere ragen. Lediglich meine Fersen tragen das gesamte Gewicht meines Körpers. Ich schließe meinen Augen, zähle langsam vor mich hin. Fünf ... vier ... drei ...

»Hören Sie mich? Hallo? Hören Sie mich?« Ich öffne meine Augen und blicke in das freundliche Gesichter einer Frau, die sich als meine Psychologin vorstellt. »Ich habe sie gerade aus Ihrer Hypnose geholt. Bevor Sie irgendetwas sagen, atmen Sie bitte tief durch die Nase ein und aus!«

Ich mache das, was sie mir sagt und muss lächeln.
»Genau so. Ich reiche Ihnen jetzt einen Spiegel. Schauen Sie bitte hinein und sagen mir, was Sie sehen, ja?« Ich nehme den oval geschwungenen Spiegel in meine rechte Hand, schaue hinein, sehe meine hohen Wangenknochen, die Sommersprossen und den markanten Höcker auf meinem Nasenrücken.
»Ich. Das bin ich.«

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Die Erzählung wurde zuerst in dem Kurzgeschichtenband »UNBEHAUSTE: 23 Autoren über Fremdsein« des Nicolai-Verlags veröffentlicht (NDR Buch des Monats Januar).

Linda Rachel Sabiers, geboren 1984, lebt nach Stationen in den USA und Israel seit 2009 als Texterin, Kolumnistin und Schriftstellerin in Berlin. Neben Lesungen ihrer Kurzgeschichtensammlung »Superbia – Berlin kommt vor dem Fall«, der Mitarbeit für die Jüdische Allgemeine Wochenzeitung und ihrer Arbeit in einem Berliner Start-up schreibt sie aktuell an ihrem ersten Roman.

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