Sprachkritik

Die feinen Unterschiede

Was die Wahl der Worte über die Haltung gegenüber Juden verrät. Ein Essay von Ronen Steinke

von Ronen Steinke  14.09.2020 13:30 Uhr

Ronen Steinke Foto: Peter von Felbert

Was die Wahl der Worte über die Haltung gegenüber Juden verrät. Ein Essay von Ronen Steinke

von Ronen Steinke  14.09.2020 13:30 Uhr

Pessach heißt das jüdische Fest, bei dem die Befreiung aus ägyptischer Sklaverei gefeiert wird. Passah liest man manchmal auf Deutsch. Schabbat heißt für Juden der siebte Tag der Woche, der Ruhetag. Vorne mit einem Sch wie in Schokolade, auf Hebräisch ist das der Buchstabe Schin. Sabbat liest man oft auf Deutsch. Ausgesprochen wie »er sabbert«.

Im Deutschen wird eingedeutscht. Das gilt – gewiss nicht nur – für jüdische Begriffe. Ich weiß: Man sagt auch Mailand statt Milano, Florenz statt Firenze, Warschau statt Warszawa. Städtenamen und andere fremdsprachige Eigenbezeichnungen werden hierzulande für den Alltagsgebrauch passend gemacht, ohne, dass damit gleich eine abwertende Haltung verbunden wäre. Das ist nicht zwingend respektlos, das ist nicht ungewöhnlich, und es ist auch keine deutsche Eigenheit. Vergleiche Nuremberg, Munich, Cologne.

Die Eindeutschung markiert einen Herrschaftsanspruch.

Die Eindeutschung von jüdischen Begriffen – Sabbat, Passah – hat auf mich aber nie so bedeutungsneutral gewirkt wie Cologne. Auch bei den Ortsnamen gibt es ja solche und solche.

Es gibt nicht wenige Eindeutschungen, bei denen aufgrund ihrer historischen Genese ein politischer Unterton mitschwingt. Theresienstadt etwa für das heute tschechische Terezín, Preßburg für das heute slowakische Bratislava, Königsberg für das heute russische Kaliningrad. Damit wurde einst ein Herrschaftsanspruch markiert, die Verwendung dieser eingedeutschten Variante unterstrich den Anspruch auf die politische Oberhand.

Eigennamen Die jüdische Geisteswelt ist zwar nichts, das je »erobert« worden wäre wie die Stadt Gdansk. Trotzdem ist durch das Eindeutschen von Eigennamen wie Schabbat und Pessach schon oft unterstrichen worden, dass nichtjüdische Sprecher eine – geistige – Oberhand beanspruchen.

Auf jede Rabbinerin und jeden Rabbiner im deutschen Sprachraum kommen 100 christliche Geistliche und Religionslehrer, die über das Judentum dozieren. Dass Juden am Schabbat keine Kranken pflegen würden, mag zwar Unsinn sein. Dass den Juden qua Religion die Vergeltung bis ins siebte Glied anempfohlen sei, auch. Aber so haben es meine Klassenkameraden im christlichen Religionsunterricht beigebracht bekommen.

Die Berliner Bloggerin und Autorin Juna Grossmann schildert eine Szene, die, 1000-mal variiert, viele Jüdinnen und Juden kennen. Eines Abends erfährt eine Bekannte von Juna Grossmann, dass sie, Juna, jüdisch sei, und daraufhin will sie dringend etwas loswerden. Nämlich, dass das Judentum Frauen unterdrücke. »Ein Schwall von Vorurteilen, Halbwissen und viel Wut prasseln auf mich nieder«, erinnert sich Juna. Und: »Sie blafft mich an, ich möge mir meine Rechtfertigungsrede für andere aufheben, die sich nicht so gut auskennen wie sie.«

gesprächsgegenstand Goysplaining könnte man es nennen. Analog zum Mansplaining, das die herablassenden Erklärungen eines Mannes bezeichnet, der fälschlich davon ausgeht, er wisse mehr über den Gesprächsgegenstand als die – meist weibliche – Person, mit der er spricht. Wer den Juden mit Passah oder Sabbat kommt, anstatt die originalen, von Juden genutzten Begriffe Pessach oder Schabbat zu verwenden (und man kann mit diesen hebräischen Begriffen durchaus zu einer Kritik jüdischer Lehren anheben, man ist da nicht auf Ehrfurcht verpflichtet), der fängt zumindest schon mal an, so zu klingen.

Lemberg, Lwiw, Lwow und Lwów: Das ist ein und dieselbe Stadt in der heutigen Ukraine, die seit dem 19. Jahrhundert ungewöhnlich viele Herren zu ertragen hatte. Der Autor Philippe Sands, dessen jüdische Vorfahren von dort stammen, hat sich in seinem Roman East West Street vor der Aufgabe gesehen, die Stadt zu benennen, ohne Partei zu ergreifen.

Er hat es richtig gemacht: »Daher habe ich mich an den jeweiligen Namen gehalten, den diejenigen benutzten, die sie zu der Zeit beherrschten, über die ich schreibe«, schreibt er. Das ist respektvoll und vermeidet, einen Dominanzanspruch zu markieren.

Respekt Interessanterweise gibt es für ein Eindeutschen jüdischer Begriffe wie Pessach oder Schabbat nicht einmal eine phonetische Notwendigkeit, im Unterschied etwa zu Szczecin, der polnischen Stadt, die im Deutschen zu Stettin abgewandelt wird (abgewandelt werden muss, würde ich konzedieren). Es tut überhaupt nicht not bei »Schabbat«. Neben der Frage des Respekts spricht auch dies gegen das Eindeutschen.

Die deutsche Sprache mit ihren gutturalen ch-Lauten hat es sogar vergleichsweise leicht mit Pessach. Leichter als die englische Sprache, die sich deshalb manchmal auch mit der wörtlichen Übersetzung Passover für Pessach behilft, wofür man im Englischen – wie gesagt, anders als im Deutschen – eine gewisse Szczecin-Nachsicht haben kann.

Nein: Pessacheinkäufe haben schon im Kaiserreich jüdische Familien erledigt, ohne dass dieses Wort zu schwierig für sie war. Schabbatkerzen standen schon bei Else Lasker-Schüler in ihrer Jugend im Wuppertal des späten 19. Jahrhunderts auf dem Tisch. Es sind Wörter, die jüdische Deutsche seit Jahrhunderten sehr selbstverständlich mitten in ihre deutschen Sätze einbauen. Auf Hebräisch. Das kann auch jeder andere, der Deutsch spricht.

Dass eine christliche Bibelgruppe ihren jüdischen Freunden ein frohes Passahfest wünscht: Das kommt vor. Dass ein Jude einem anderen ein frohes Passahfest wünscht: Das kommt nicht vor. Wie die Schriftstellerin Lena Gorelik in Lieber Mischa, der Du fast Schlomo Adolf Grinblum geheißen hättest, es tut mir so leid, dass ich Dir das nicht ersparen konnte: Du bist ein Jude schreibt: »Der Duden sagt zwar Sabbat, aber der Duden ist kein Jude, und Juden sagen Schabbat.«

hanuka Der 1986 in Kiew geborene, 1994 nach Deutschland eingewanderte Dmitrij Kapitelman übrigens bildet da eine interessante Ausnahme, er schreibt in seinem Roman Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters, in dem er seine späte Suche nach einer jüdischen Identität verarbeitet, durchgehend Sabbat. So wie er auch das Lichterfest Chanukka zu Hanuka eindeutscht. Hanuka, das kannte ich so noch gar nicht. Für den jüdischen Gebetsschal, den Tallit (jiddisch: Tallis), verwendet Kapitelman die nicht übliche Eindeutschung »Tallastuch«. Andererseits schreibt er freundlich und offen immer wieder, dass er von jüdischer Kultur und Religion wenig wisse.

Es lohnt sich hier, auch gleich den Begriff »Altes Testament« zu beleuchten, kurz AT. Das ist zwar keine Eindeutschung, aber doch etwas Verwandtes. Es ist ein deutscher Begriff, mit dem Nichtjuden einen Kerngegenstand (auch) der jüdischen Religion bezeichnen, nämlich die fünf Bücher Mose und einige Nebentexte.

»Alt bedeutet in diesem Zusammenhang nie in abwertender Weise veraltet, sondern im Gegenteil ehrwürdig«, konzediert der Publizist Micha Brumlik in seinem jüngst erschienenen Band Antisemitismus. Das ist ein freundlicher Satz. Das heißt, hey, als Jude kann man es locker nehmen.

Manche Begriffe sind per se und uneingeschränkt christliche.

Nun, ganz so ehrwürdig klingt der Ausdruck »Altes Testament« in christlichen Texten vielleicht nicht immer. Das AT gilt dort als überwunden. Als Folie, um die eigene, christliche Position als moderner abzusetzen. Die »Ehrwürdigkeit« wird erst in jüngerer Zeit von um Ausgleich bemühten christlichen Theologinnen und Theologen verstärkt hineingelegt in dieses Wort.

Und wie auch immer man selbst dazu steht: An dieser traditionellen, die jüdischen Texte kritisch würdigenden bis hin zu ablehnenden Haltung ist natürlich gar nichts illegitim. Diese theologische Haltung zu haben, ist auch nicht respektlos gegenüber Jüdinnen und Juden. Diese Haltung zu haben, heißt schlicht Christentum.

Absicht Das sollte einem nur bewusst sein, bevor man das Wort »Altes Testament« verwendet. Dieser Begriff ist per se und uneingeschränkt ein christlicher. Wenn er in eigentlich religiös neutralen oder um kritische Distanz bemühten Foren wie Zeitungsartikeln verwendet wird, ohne dass die Absicht dahintersteckt, sich bei der Beschreibung eines Gegenstands des Judentums dezidiert auf die christliche Seite zu schlagen, dann läuft etwas schief. Der Begriff ist nicht neutral.

So wenig, wie das Adjektiv »alttestamentarisch« nüchtern beschreibend oder gar positiv wäre. Es ist immer negativ, es ruft alle antijudaistischen Klischees über die jüdische Lehre auf: atavistisch, rachsüchtig, inhuman.

Diesen Ausdruck haben die Nationalsozialisten verstärkt geprägt – deshalb mahnt der Duden in seiner neuesten, der 28. Auflage auch an, von dem Ausdruck die Finger zu lassen.

Der Autor ist Redakteur bei der »Süddeutschen Zeitung«. Jüngst ist von ihm der Bestseller »Terror gegen Juden. Wie antisemitische Gewalt erstarkt und der Staat versagt« (Piper) erschienen. Am 14. September erscheint im Duden-Verlag sein neues Buch »Antisemitismus in der Sprache. Warum es auf die Wortwahl ankommt«.

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