Hautkrebs

Die dunkle Seite der Sonne

UV-Strahlung schädigt die Hautzellen. Foto: Thinkstock

Hautkrebs

Die dunkle Seite der Sonne

Israelischen und deutschen Wissenschaftlern ist ein Durchbruch in der Melanom-Therapie gelungen

von Ralf Balke  05.09.2016 18:24 Uhr

So lieben wir alle Israel: schön am Strand von Tel Aviv liegen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Vor allem in den Sommermonaten verbringen sowohl Touristen als auch die Israelis selbst viele Stunden am Meer. Oder man wandert mit der ganzen Familie durch eines der zahlreichen Naturschutzgebiete.

»Das aber nur noch mit einer Kopfbedeckung«, betont Oz Gutmann. »Und vorher kommt reichlich Sonnencreme mit einem hohen Lichtschutzfaktor auf Arme, Beine und Gesicht.« Der 38-jährige glatzköpfige Software-Ingenieur aus Rischon LeZion weiß, warum. »Vor zwei Jahren hat man bei mir auf dem Kopf eine aktinische Keratose festgestellt.

schädigung Dabei handelt es sich um eine durch UV-Strahlung ausgelöste Schädigung der Hautzellen, die so etwas wie die Vorstufe zum Hautkrebs ist.« Weil diese rechtzeitig im Rahmen einer Routine-Untersuchung erkannt wurde, verlief die Behandlung rasch und unkompliziert. »Das war für mich ein Warnschuss. Seither bin ich wirklich vorsichtig geworden und meide die Sonne – soweit das in Israel überhaupt möglich ist.«

Vorsorge und Aufklärung über die Risiken der Sonne werden in Israel in der Tat großgeschrieben. Und das hat gute Gründe: Noch zur Jahrtausendwende zählte der jüdische Staat nach Australien und Neuseeland zu den Ländern mit der höchsten Sterblichkeitsrate bei dieser Krebsart. Aber das ist mittlerweile Geschichte. »Heute liegt Israel auf Platz 20«, weiß Miri Ziv zu berichten. »Bei der Sterblichkeitsrate für Männer fielen wir auf Platz 13 und bei Frauen auf Platz 20«, so die Vorsitzende der Israel Cancer Association. Das sind die guten Nachrichten.

überlebensrate Trotzdem werden jährlich in Israel immer noch rund 1300 Fälle von malignen Melanomen – der gefährlichsten Variante dieser Krankheit – diagnostiziert. Mehr als zwei Drittel davon in der invasiven Form. Konkret heißt das: Die Tumorzellen verbreiten sich im ganzen Körper. Die Überlebensrate stieg dank der regelmäßigen Check-ups allein zwischen 2011 und 2014 von 85,5 auf 88,3 Prozent bei Männern und von 89,7 auf 92,6 Prozent bei Frauen.

»Jedoch sterben daran weiterhin über 200 Personen pro Jahr«, so Lital Keinan-Boker, stellvertretende Direktorin vom Center for Disease Control im Jerusalemer Gesundheitsministerium. »Betroffen sind in erster Linie Juden europäischer und amerikanischer Herkunft«, betont sie. Schuld daran ist ihre helle Haut, die die Sonne einfach schlechter verträgt. Aschkenasim mit roten Haaren und Sommersprossen trifft es dabei besonders häufig. »Unter israelischen Arabern dagegen hatten wir beispielsweise 2012 gerade einmal 23 Fälle von malignen Melanomen.«

Global betrachtet, ist Hautkrebs eine tödliche Gefahr. Laut Statistik der Skin Cancer Foundation in New York stirbt alle 52 Minuten auf der Welt ein Mensch an den Folgen einer derartigen Melanomerkrankung. Die Zahl der Patienten geht in die Millionen.

moleküle Neue Hoffnung könnte ihnen nun eine Entdeckung aus Israel machen. Denn Wissenschaftler der Universität Tel Aviv haben in Kooperation mit ihren Kollegen vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg sowie dem Sheba Medical Center in Tel Hashomer und dem Wolfson Medical Center in Holon herausgefunden, wie diese aggressive Form des Hautkrebs andere Organe befallen kann.

Sie konnten nachweisen, dass die malignen Melanome winzige Bläschen, in der Fachsprache Vesikel genannt, aussenden und damit Moleküle mit ihrem Genmaterial in Form von MicroDNA weitergeben. Dadurch werden die unteren Hautzellen manipuliert, sodass sich diese auf die Aufnahme und Weitergabe der Krebszellen vorbereiten können.

»Die eigentliche Gefahr, an einem malignen Melanom zu erkranken, ist also nicht der anfängliche Tumor auf der Haut selbst«, bringt es Carmit Levy, die Leiterin des israelischen Forscherteams, auf den Punkt. »Vielmehr scheint es die Art und Weise zu sein, wie die Tumorzellen die Metastasierung vorantreiben und lebenswichtige Organe befallen können.«

transportweg Im Rahmen ihrer Arbeit an Melanomen in einem frühen Stadium entdeckten die Wissenschaftler in Israel und in Deutschland Veränderungen in der Morphologie der Dermis, also der inneren Schicht der Haut, die niemals zuvor beobachtet wurden. »Unsere nächste Aufgabe war es nun, den Ursachen dafür auf den Grund zu gehen.« Bis dato wusste man nur, dass Melanome an der Epidermis, der Oberhaut, keine Krebszellen weiterleiten können, weil der Zugang zu den Blutgefäßen als Transportweg fehlt. »Der muss aber erst geschaffen werden.« Und diesen Job besorgen offensichtlich die bereits erwähnten Vesikel.

Auf Basis ihrer neuen Erkenntnisse entwickelten die Mediziner auch gleich einen Ansatz, wie solchen Prozessen ein Riegel vorgeschoben werden kann. »Wir haben zwei chemische Substanzen entdeckt, die genau das bewirken«, berichtet Levy nicht ohne Stolz. »Der eine blockiert den Weg der winzigen Bläschen vom eigentlichen Tumor zu den Hautzellen. Der andere stoppt die Veränderungen in den Hautzellen selbst dann noch, wenn sie dort bereits eingedrungen sein sollten.«

Revolution Auf diese Weise kann das Gefahrenpotenzial von malignen Melanomen deutlich reduziert werden, was einer Revolution in der Hautkrebstherapie gleichkommen würde. Aber dafür müssen wiederum zwei Voraussetzungen erfüllt sein. »Regelmäßige Kontrolle und Vorsorge sind das A und O«, betont die Forscherin. »Die Tumore müssen rechtzeitig entdeckt werden.« Ach ja, und die Sonne sollte man auf jeden Fall trotzdem weiter meiden – auch wenn die Verlockungen durch Strand und Natur in Israel natürlich groß sind.

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