Komiker

»Die blöde Sache mit dem Holocaust«

Herr Polak, was sind Sie: Autor, Entertainer, Kabarettist oder Comedian?
Also, Kabarettist auf gar keinen Fall! Das ist mir zu billig. Da geht es doch nur darum, das Publikum reinzuwaschen. Wie bei Udo Jürgens und dem von ihm besungenen »ehrenwerten Haus«. Genau die Leute applaudieren, die er in dem Lied beschreibt und kritisiert. Und Schriftsteller? Weiß ich nicht, auf jeden Fall schreibe ich Bücher. Ansonsten mache ich Stand-Up, nächste Woche hat mein neues Programm, die »Jud süß-sauer«- Show, Premiere in Berlin. Die Grundlage für das Programm ist mein Leben: Ich bin Oliver Polak, komme aus Papenburg und bin Jude. So entstehen meine Geschichten.

Das Persönliche als Konzept?
Ich wollte Stand-Up-Comedy einfach ausprobieren und dabei Authentizität bewahren. Ist das lustig? Weiß ich nicht, darüber entscheidet das Publikum. Ich sehe mich als Unterhaltungskünstler, im ganz klassischen Sinne. In dem Wort steckt ja das Wort Haltung. Ich unterhalte die Leute, und es gibt eine Botschaft. Und wenn man mich fragen würde, ob ich etwas zwischen Michael Mittermeier und Maxim Biller bin, lautet meine Antwort: eher etwas zwischen Rammstein und Tokio Hotel.

Sie werden stets als einziger deutsch-jüdischer Stand-Up-Comedian bezeichnet. Ist das auch Ihr Selbstverständnis?
Ich habe mir das nicht ausgedacht. Ihre Zeitung hat das zuerst geschrieben. Aber Sie kennen ja meinen Stammbaum. Ich bin in Papenburg geboren, habe einen deutschen Pass, jüdische Eltern und bin jüdisch aufgewachsen, so weit das im Emsland möglich war. Ich bin also jüdisch und deutsch.

Also ein jüdischer Komiker auf deutschen Bühnen?
Mein Humor ist weder jüdisch noch nichtjüdisch. So etwas wie meine Show gab es bisher in Deutschland noch nicht. Weil ich der bin, der ich bin. Es ist eine Mischung aus Stand-Up-Comedy, Udo Jürgens und Kindergeburtstag. Meine ganz persönliche Note. Natürlich ist das Jüdische mit dabei – ist ja jetzt wieder erlaubt.

Das Jüdische ist in Ihrem Buch »Ich darf das, ich bin Jude« und Ihrem Programm sogar sehr präsent. Warum kommt das beim Publikum so gut an?
Kann ich nicht sagen. Vielleicht ist das eine Form des Umgangs miteinander, die es in den letzten Jahrzehnten in Deutschland nicht gab. Vielleicht ist das auch ein Schritt in Richtung einer Normalität, die es allerdings letztendlich im deutsch-jüdischen Verhältnis doch nicht geben wird. Ich stelle mich einfach auf die Bühne und sage: Ich bin Jude, hier bin ich!

Vielleicht sind Sie so etwas wie ein deutsch-jüdischer Aufklärer?
Nein. Ich sehe mich als Unterhaltungskünstler. Im Vergleich zu anderen Vertretern meines Geschäfts bin ich nicht der Typ, der alle 20 Sekunden jemandem eine Torte ins Gesicht schmeißt. Nach der Vorstellung gehen die Leute dann nach Hause und haben noch einen Zuckergeschmack auf der Zunge, aber sie wissen nicht mehr, welche Geschmacksrichtung es war.

Und bei Ihnen?
Bei mir weiß man hinterher noch, ob es eine Schoko- oder Erdbeertorte war. Mein Publikum geht nach Hause mit einem Lächeln im Gesicht, mit Melodien im Ohr und Bildern im Kopf. Vielleicht denkt es auch noch über manche Dinge nach. Wenn du auf der Bühne stehst und in den ersten drei Minuten die Worte Jude, Hitler und Holocaust in den Mund nimmst, sind die Leute erst einmal paralysiert. Doch es gilt, was ich immer am Anfang meines Programms sage: Sie müssen trotzdem nur lachen, wenn es Ihnen gefällt.

Auf dem Cover Ihres Buches ist ein Schäferhund mit einer Mütze der Waffen-SS auf dem Kopf und einem Davidstern um den Hals zu sehen. Sie sind Jude, Sie dürfen so provozieren. Dürfen das andere auch?
Weiß ich nicht.

Wenn Harald Schmidt sein Nazometer betätigt, hat er sofort Probleme mit dem Intendanten und dem Rundfunkrat.
Jetzt frage ich Sie mal: Auf wessen Kosten geht diese Feststellung? »Ist doch super, dass mich der Fahrservice der Show am Bahnhof abgeholt hat und mich hierher in den Keller gebracht hat. Vor 70 Jahren wäre das andersherum gewesen.«
Auf Kosten der Schoa-Überlebenden?
Das meinen Sie. Und wenn ich sage: »Liebe Lokführer-Gewerkschaft, hättet ihr nicht jetzt, sondern vor 70 Jahren gestreikt, hättet ihr uns eine Menge Ärger erspart ...«

... bleibt einigen das Lachen im Halse stecken.
Dann haben sie eben länger etwas davon.

Ist Ihr Humor bösartig oder nur schwarz?
Ich kann mich jetzt nicht selbst definieren. Das überlasse ich Ihnen.

Aber es gehört schon zum Geschäft, Tabus zu brechen?
Ich denke über Provokationen und Tabus nicht nach. Ich habe meine eigene Geschichte. Wie soll ich mit der umgehen? Nichts sagen, nicht rausgehen auf die Bühne? Vielleicht ist es der einzig richtige Weg, es in die komplette Lächerlichkeit zu ziehen. Aber eines möchte ich festhalten: Ich mache mich nicht auf Kosten von Holocaustopfern lustig. Punkt.

Das passt zu Ihrer Ankündigung, niemals das Programm »Ein Jude gibt Vollgas« zu nennen. Es gibt also Grenzen für Oliver Polak?
Natürlich gibt es die.

Aber Sie sind der Jude, der die Witze reißt, an die sich andere nicht herantrauen, oder?
In meinem Programm gibt es zum Beispiel den Satz: »Ich vergesse die blöde Sache mit dem Holocaust, und ihr verzeiht uns Michel Friedman.« Wenn Horst Mahler diesen Witz machen würde, ginge das gar nicht.

Ist Ihnen bei den Auftritten bewusst, wie schmal der Grat ist, auf dem Sie sich bewegen?
Nein, denn sonst würde ich ganz schnell runterfallen. Entscheidend ist: Ich habe eine neue Show und schreibe an meinem zweiten Buch.

Ein zweites Buch?
Ich kann nur sagen: Das erste war blau, das zweite wird rosa, und die Show ist rot.

Ihr neues Werk soll »Thora reloaded« heißen, wird gemunkelt.
Wenn ich den Titel hier preisgäbe, würde das Buch bereits vor der Veröffentlichung verboten werden.

Hoppla, das klingt doch wieder nach Provokation.
Wenn Sie meinen. Ich erzähle einfach Geschichten aus meinem Alltag. Vor einiger Zeit hat man mich angesprochen, ob ich nicht am 9. November zu einer ganz tollen Mauerfall-Revue nach Berlin kommen wolle. Ich habe gesagt, das sei schlecht. Am 9. November ist der Jahrestag der Reichspogromnacht. Daraufhin hieß es: Macht doch nichts, dann bringst du deine Leute einfach mit, und wir feiern gemeinsam.

Schon wieder das ominöse deutsch-jüdische Verhältnis. Wie stellt es sich für Sie persönlich dar?
Ich lebe hier einfach. Natürlich bin ich mir darüber im Klaren, dass es nichts Normales ist, als Jude in Deutschland aufzuwachsen. Judentum ohne den Holocaust kann es hier leider nicht geben. Auch in meiner Familie ist er immer präsent. Da hat man eben keinen Vater, der auf Mallorca Urlaub gemacht hat und im Pfadfinderlager war. Da wird dir als Kind sehr früh klar, dass etwas anders ist. Angst war zum Beispiel immer ein zentrales Wort. Kein Wunder, wenn man in einem Haus groß geworden ist, in dem die SA schon mit Benzinfässern stand und es anzünden wollte. So etwas geht nicht spurlos an einem vorbei. Vielleicht finden die Leute mein Buch interessant, weil es mal eine andere Perspektive bietet.

Was sagen Ihre Eltern zu »Ich darf das, ich bin Jude«?
Mein Vater fand das Cover sehr lustig. Aber die Passage mit dem Papst würde er rausnehmen, sonst könne es Ärger mit der katholischen Kirche geben. Und meine Mutter sagte nur, sie hoffe, dass nicht plötzlich der Kinderschutzbund vor der Tür steht und fragt: Was haben Sie denn mit dem Jungen angestellt?

Ihre Mutter kommt aus der ehemaligen Sowjetunion, wie heutzutage so viele Juden in Deutschland. Müssen Sie Ihr Programm nicht um die russisch-jüdische Komponente erweitern?
Ich muss gar nichts, auch nicht über Palästinenser reden. Es gab schon Anfragen, ob ich gemeinsam mit einem Palästinenser eine Sitcom machen würde. Da habe ich geantwortet: Sucht euch einen anderen, das interessiert mich nicht. Ich bin ich und spreche auch nicht für das Judentum in Deutschland.

Und wie halten Sie es mit der Religion?
Ich gehe total gerne in die Synagoge. Ich war auch zweieinhalb Jahre auf einem jüdisch-orthodoxen Internat in England.

An Jom Kippur sollen Sie einmal in einem Café darüber nachgedacht haben, ob Rühreier mit Speck das Richtige wäre.
Ach wirklich? Das Judentum ist mir schon sehr wichtig. Aber jeder hat doch seine eigenen Standards. Ich scheiße einen dicken Haufen darauf, wenn mir jemand sagt, ich solle es so oder so machen. Ich bin in einer, meiner Seifenblase groß geworden. So lange in Papenburg jüdisches Leben möglich war, haben wir das genutzt. Es gibt auch sehr liebenswerte Rabbiner, zum Beispiel Henry Brandt, mein Lieblingsrabbi, er hat meine Barmizwa gemacht. Ihn in der Synagoge sprechen zu hören, finde ich toll. Aber ich war schon mal auf einer Machane und fühlte mich total unwohl. Ich hatte weder eine Louis-Vuitton-Tasche noch ein Tommy-Hilfiger-Shirt bei mir.

Können Sie sich vorstellen, irgendwann mal ein Programm ohne jüdische Themen zu machen?
Ich kann mir alles vorstellen. Aber das Jüdische wird immer auftauchen, es ist ja in meinem Leben drin. Vielleicht tritt auch mal die Musik in den Vordergrund. Überhaupt: Wollen Sie mich nicht auch mal nach meiner neuen »Jud süß-sauer«-Show fragen?

Okay, worum geht’s?
Es geht um mich. Es gibt Stand-Up, Musik, Klesmer und überdimensionale Schäferhunde. Dazu Konfetti, Luftballons, Momente der Heiterkeit und vielleicht auch Momente der Rührung. Unbedingt sehenswert. Übrigens, das war jetzt ein ziemlich unlustiges Gespräch.

Aber dafür wird ja bestimmt Ihr Programm lustig.
Stimmt.

Oliver Polak wurde 1976 in Papenburg geboren. Nach Moderatorentätigkeiten bei VIVA und RTL steht er seit 2006 mit Stand-Up-Comedy auf der Bühne. Das neue Programm »Jud süß-sauer« hat am 15. Februar im Berliner Quatsch Comedy Club Premiere. Sein Buch »Ich darf das, ich bin Jude« erschien 2008.

www.oliverpolak.com

Das Gespräch führten Christian Böhme und Detlef David Kauschke.

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