Special Olympics

Die Besten

Teilnehmer mit der Fackel der Special Olympics vor dem Brandenburger Tor in Berlin Foto: picture alliance/dpa

Am 17. Juni werden die »Special Olympics World Games« im Berliner Olympiastadion eröffnet. Die Special Olympics sind die größte inklusive Sportveranstaltung für Menschen mit geistiger Behinderung und Mehrfachbehinderung weltweit. Berlin ist bis zum 25. Juni Gastgeber dieser Special Olympics. An den Spielen nehmen rund 7000 Athletinnen und Athleten aus 194 Ländern teil. Auch aus Israel wird eine größere Delegation erwartet.

Wenige wissen, dass die Geschichte inklusiver Sportwettbewerbe einen jüdischen Hintergrund hat. Denn die Idee dazu hatte Ludwig Guttmann, ein aus Deutschland stammender Jude. Guttmann wurde 1899 in eine jüdisch-orthodoxe Familie geboren und war Neurochirurg.

querschnittsgelähmte Der ehemalige britische Oberrabbiner Jonathan Sacks sel. A. hat über Guttmann geschrieben, der in einem Hospital in Großbritannien unter anderem Querschnittsgelähmte betreute. Er glaubte, so Sacks, dass jeder von ihnen noch ein Leben vor sich hatte, nicht nur ein Leben hinter sich. Und er habe ihnen mit unerschütterlicher Hartnäckigkeit ihr Leben zurückgegeben.

Er reduzierte ihre Schmerzmittel, holte einen Trainer, der sie Übungen machen ließ. »Er brachte die Krankenschwestern dazu, den Patienten ihre Lebensgeschichte zu erzählen und sie mit ihren Hoffnungen und Träumen zu verbinden. Er brachte sie dazu, sich aus ihren Betten in Rollstühle zu setzen, um Spiele zu spielen und gegen das Krankenhauspersonal anzutreten, das er ebenfalls in Rollstühle setzte.« Guttmann habe dabei gegen viele Widerstände gekämpft. »Einmal warf ihm ein anderer Arzt vor, er sehe nicht, dass sie Krüppel seien, die nie ein normales Leben führen würden. Was glaubte er, wer sie waren? Guttmann sieht ihn an und sagt: ›Die besten aller Menschen.‹«

Guttmann verstand, so Rabbi Sacks, dass der Sport in diesem Kampf eine transformative Kraft hatte. Er weitete die internen Spiele des Krankenhauses zu einem nationalen und 1948 zu einem internationalen Wettbewerb aus. 1960 fanden die ersten paralympischen Spiele statt.

system Es ist kein Zufall, dass der inklusive Sportwettbewerb von einem Juden begründet wurde. Das Judentum präsentiert uns ein philosophisches System, in dem die körperlichen und geistigen Einschränkungen, beispielsweise bei Menschen mit Lernbeeinträchtigung, kein Grund für Scham, sondern ein Teil der Schöpfung sind, den es zu respektieren und wertzuschätzen gilt. Die Special Olympics bieten uns eine Gelegenheit, die jüdische Position zum Thema Inklusion kennenzulernen.

Der Mensch ist nicht der Körper, sondern die Seele.

Diese wird aus einer Vielzahl von Quellen ersichtlich. Ich möchte nur einige präsentieren, die mir besonders am Herzen liegen: Laut dem jüdischen Gesetz muss man den Morgen mit dem »Modeh Ani«-Gebet beginnen. Dieses Gebet besteht aus nur einem einzigen Satz, der die jüdische Lebensphilosophie zusammenfasst: »Ich danke dir, lebendiger und beständiger König, dass du mir meine Seele zurückgabst, groß ist dein Glaube!

Im Judentum wird davon ausgegangen, dass die Seele den Körper während des Schlafes verlässt, und daher dankt man dem Schöpfer dafür, dass die Seele am Morgen wieder in den Körper zurückkehrt. Der Abschluss dieses Gebets ist einzigartig: »… groß ist dein Glaube!« Nicht unser Glaube, sondern G’ttes Glaube an uns ist groß. Nicht nur der Mensch hat einen Glauben an G’tt, auch G’tt hat einen Glauben an den Menschen!

mission Wenn ein Mensch am Morgen aufwacht, so ist es G’ttes Weg, ihm zu sagen: »Ich glaube daran, dass du es schaffen kannst, diesen Tag zu einem Kunstwerk zu machen, dass du es schaffen kannst, diesen Tag auf bestmögliche Art und Weise zu leben. Deine Mission ist noch nicht vorbei!«

Eine ähnliche Idee finden wir auch in den Worten von Rabbi Nachman von Brazlaw: »Der Tag, an dem du geboren bist, ist der Tag, an dem G’tt entschieden hat, dass die Welt nicht ohne dich existieren kann!« Die bloße Existenz eines Menschen ist der Beweis dafür, dass dieser Mensch wichtig ist, dass ohne diesen Teil des Puzzles das gesamte Puzzle nicht komplett ist.

Das jüdische Gesetz lehrt uns, dass eine Torarolle nicht mehr gelesen werden darf, wenn auch nur ein Buchstabe fehlt. Die Mystiker weisen darauf hin, dass die Torarolle eine Metapher für die Gemeinschaft bietet. Wenn selbst bei Hunderttausenden Zeichen auch nur ein einziges fehlt, so ist die Gesamtheit unvollkommen. Wenn auch nur ein Mensch ausgeschlossen ist, so ist die Gesamtheit unvollkommen.

seele Der Mensch ist nicht der Körper, sondern die Seele. Der Körper kann verschiedene Formen annehmen, auch Formen mit erheblichen Beeinträchtigungen, doch die Seele ist der wahre Mensch. Es ist die Seele, die liebt und hasst und hofft. Heute in diesem Körper, morgen in einem anderen. Heute in dieser Welt, morgen in einer anderen. Der Nachbar, das Kind, die Frau – unabhängig davon, ob mit Behinderung oder ohne – sind Seelen, die allesamt Vertreter des einen G’ttes sind. Sie zu lieben heißt, G’tt zu lieben, sie zu ehren heißt, G’tt zu ehren.

Viele der prägendsten Menschen des 20. Jahrhunderts wurden in jüdische Familien geboren. Oft entfernten sich diese Menschen von der orthodoxen Praxis oder waren die Kinder derer, die sich von dieser Praxis lösten. Doch blieben sie mit dem Geist des Judentums verbunden und übersetzten die Ideen des Judentums in eine säkulare Sprache – und veränderten die Welt. So wie Ludwig Guttmann.

Der Autor hat am Rabbinerseminar zu Berlin studiert und ist Sozialarbeiter.

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