Krimi

Derrick und Harry in Tel Aviv

287 Seiten, die an Derrick und Harry erinnern. Foto: atb

Für die Sekretärin ist die Tote vor der Sprachschule eine durchaus willkommene Abwechslung in ihrem eintönigen, orthodox geprägten Alltag. Auch Assaf Rosenthal, Kommissar, Ex-Armeeoffizier und ein supernetter Typ, freut sich über seine erste Mordermittlung zum Tod einer ukrainischen Prostituierten.

one-night-stands Ein kalter Dezember in Tel Aviv. Die Behörden warnen vor dem ungewöhnlichen Wetter. Assaf und Yossi, Rosenthals untergebener Mitarbeiter, ermitteln sich durch die verschiedenen Ethnien und Milieus, von denen die Stadt und das ganze Land geprägt sind. Obwohl die Gegebenheiten und die Ermittler ganz andere sind, fallen einem Derrick und Harry ein, und das nicht nur, weil es in Tel Aviv regnet.

Assafs Polizeikollegin, die schöne Anat, musste den Fall auf Geheiß ihres Vorgesetzten, der Assaf von der gemeinsamen Zeit bei den Grenztruppen in Gaza kennt, abtreten. Natürlich ist sie stinksauer. Trotzdem geht sie später mit Assaf aus und eine Affäre mit ihm ein. Der Polizist wird im Klappentext als »Frauenheld« bezeichnet. So lauwarm wie dieser Begriff wirken allerdings seine One-Night-Stands. Überhaupt kommen die Figuren und ihre Beziehungen farblos und fade daher. Zwar säuft und kifft Assaf mit seinen zahllosen Bekannten, doch tut er das stets auf anständige Weise, wie es sich für einen Polizisten schickt.

Ein Verdächtiger wird festgenommen. Der Afrikaner war der Letzte, der die junge Frau lebend gesehen hat, und dieser Umstand reicht aus, ihn tagelang festzuhalten. Das mag schon sein. Die Welt ist ungerecht. Glaubhaft erzählt wird es nicht.

drogen Zwei Tage nach dem Mord fällt den Ermittlern endlich ein, die Wohnung der Toten zu durchsuchen. Sie entdecken in ihrem Computer Hinweise auf die Freier, vorwiegend gut betuchte Geschäftsleute. Es stellt sich auch heraus, dass der Besitzer des Nobelbordells, in dem die junge Frau gearbeitet hatte, seit einiger Zeit auch mit Kokain, Amphetaminen und synthetischem Dreckszeug dealt. Nicht auszuschließen, dass der Mord eine Warnung etablierter Drogenbosse an den Neuling war. Assaf, der Frauenheld, verguckt sich derweil in die bezaubernde Empfangsdame Joy. Plötzlich verschwindet die Asiatin spurlos …

Während sie in dem Fall ermitteln, diskutieren die Detektive jüdisch-religiöses Leben, das Problem der illegalen Einwanderer, Rassismus, Herkunftsfragen und vieles andere mehr, das eine Gesellschaft ausmacht, die mit Angriffen von außen und innen, mit einer extrem heterogenen Bevölkerung und einer hoch belasteten Geschichte umgehen muss. Die Kriminalhandlung begleitet beinahe nebensächlich all das, was über das Leben in Israel einmal erzählt werden müsste. Das ist auch zweifellos interessant und macht den absolut lesenswerten Teil des Buchs aus.

altbacken Umso bedauerlicher, dass die junge Autorin einen behäbigen, altbackenen Stil verwendet, mit entnervenden Wiederholungen und Phrasen. Sätze wie: »Wir haben einen Mord zu klären« oder »Assaf musste einen Mörder finden und für Gerechtigkeit sorgen« machen den Text zäh und den Leser ärgerlich. Ein besonders hübsches Zitat: »Hier in Tel Aviv konnte man noch die Illusion haben, in einem ganz normalen Land zu leben. Wo es zwar auch Mord, Totschlag und Überfälle gab – aber das war auch schon das Schlimmste, was die Menschen im alltäglichen Leben bedrohte.« Stimmt. Sehr viel Schlimmeres als der Tod kann einem im Leben wohl nicht widerfahren. Immerhin ist dies die einzige komische Stelle in dem Buch.

Mühsam schleppt sich der Roman so durch die eigentlich spannende Stadt Tel Aviv. Zum Schluss löst sich der Fall so brav wie banal auf. Zurück bleibt das Gefühl, dass auf 287 Seiten jede Menge kriminalliterarisches Potenzial verschwendet wurde. Schade!

Katharina Höftmann: »Die letzte Sünde«. Aufbau, Berlin 2012, 287 S., 9,99 €

Kommentar

Nimm die Wahrheit an, von wem auch immer sie gesagt wurde

Bisweilen wirkt die Debatte um KI-generierte Texte absurd. Denn die Qualität eines Arguments sollte entscheidender sein als sein Urheber

von Leeor Engländer  18.06.2026

Literatur

Prophet im eigenen Land

Ein neuer Band mit bisher unveröffentlichten Texten von Amos Oz zeigt den israelischen Schriftsteller als reflektierten Staatsbürger und überzeugten Zionisten

von Marko Martin  18.06.2026

Essen

»Schakschuka ist der Favorit«

Der deutsch-israelische Koch Tom Franz hat ein Buch über das Frühstück geschrieben. Hier spricht er über geflochtenen Lachs, clevere Vorräte und die Frage, warum er die erste Mahlzeit des Tages auslässt

von Katrin Richter  18.06.2026

Ausstellung

Androgyn, zeitlos, modern

Das Georg Kolbe Museum in Berlin widmet sich der britischen Ausnahmekünstlerin Marlow Moss – erstmals in Deutschland

von Alicia Rust  18.06.2026

Streaming

Bringt Gali nach Hause!

Eine junge Israelin wird in Moskau verhaftet. Die Serie »Unconditional« erzählt vom Kampf einer Mutter gegen die Justiz

von Chris Schinke  18.06.2026

Köln/Hamburg/Leipzig

Mit diesen prominenten Weggefährten feiert Wolf Biermann seinen 90. Geburtstag

Der legendäre Liedermacher wird am 15. November 90 Jahre alt

 18.06.2026

Programm

Israel Day, Goldene Zwanziger und ein Kult-Hai: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 18. Juni bis zum 25. Juni

 17.06.2026

TV-Tipp

Das Leben arabischer Transpersonen in Israel

Eine Arte-Dokumentation porträtiert Transpersonen aus Gaza, die im Exil in Tel Aviv den Traum ihrer sexuellen Selbstbestimmung zu verwirklichen versuchen

von Manfred Riepe  17.06.2026

Hollywood

Sean Penn plant Film um Polizisten bei Kapitol-Attacke

Für seine Nebenrolle in »One Battle After Another« bekam er im März seinen dritten Oscar. Nun will der Hollywood-Star wieder Regie führen - und einen brisanten Stoff anpacken

 17.06.2026