Raoul Wallenberg

Der verratene Retter

Er bewahrte Tausende ungarische Juden vor der Schoa. 1945 verschleppten ihn die Sowjets. Was geschah danach? Eine Spurensuche zum 100. Geburtstag

von Christoph Gann  31.07.2012 14:44 Uhr

Sein Schicksal bleibt ungeklärt: Raoul Wallenberg Foto: Getty

Er bewahrte Tausende ungarische Juden vor der Schoa. 1945 verschleppten ihn die Sowjets. Was geschah danach? Eine Spurensuche zum 100. Geburtstag

von Christoph Gann  31.07.2012 14:44 Uhr

Bei der Verleihung des Heinrich‐Stahl‐Preises der Jüdischen Gemeinde zu Berlin an Raoul Wallenberg im Mai 1957 kam es zu einem Eklat. Der Gemeindevorsitzende Heinz Galinski hatte hervorgehoben, dass Wallenberg, der Retter Tausender ungarischer Juden, ein Schwede und Nichtjude war. Den Preis übergab er stellvertretend an Rudolph Philipp, der schon über zehn Jahre für eine Befreiung des 1945 von Budapest nach Moskau verschleppten Wallenbergs kämpfte. Philipp warf den schwedischen Juden und Israel mangelndes Engagement im Kampf zur Rettung Wallenbergs vor. Er kritisierte auch die Benennung von Straßen nach Wallenberg, da dieser, anders, als die Sowjets drei Monate zuvor nahegelegt hatten, noch lebe.

Auch die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem stieß nach der Ehrung Wallenbergs als »Gerechter unter den Völkern« in ihrem Gründungsjahr 1963 auf Probleme. Die Mutter des Geehrten wollte nicht zum Pflanzen eines Baumes kommen, bis ihr Sohn frei sei. Bis heute beeinträchtigt das ungeklärte Schicksal Wallenbergs die Erinnerung an sein humanitäres Wirken.

budapest Dieses begann Mitte 1944, als von rund 800.000 ungarischen Juden bereits mehr als 437.000 von den Deutschen und ihren einheimischen Helfershelfern in die Vernichtungslager deportiert worden waren. Der Anstoß und finanzielle Unterstützung für die schwedische Rettungsaktion kam von den USA. Bei der Suche nach einer geeigneten Person war man durch ungarische Geschäftspartner auf Raoul Wallenberg gekommen. Am 9. Juli 1944 trat der 31‐Jährige an der schwedischen Gesandtschaft in Budapest das Amt des Legationssekretärs an, um in einer auf zwei Monate angelegten Aktion rund 650 ungarische Juden nach Schweden in Sicherheit zu bringen.

Doch darauf ließ Wallenberg sich nicht beschränken. Er erreichte, dass bald 4.500 schwedische Schutzpässe an ungarische Juden vergeben wurden, die damit dem Zugriff der SS entzogen waren. Sehr zum Verdruss der Nazis und ihrer magyarischen Verbündeten, die monierten, dass Wallenberg sich »auffällig in Gesellschaft seiner Schutzjuden öffentlich zeigt«. Adolf Eichmann, der für die Durchführung der ungarischen »Endlösung« nach Budapest abgeordnet worden war, drohte, den »Judenhund Wallenberg« erschießen zu lassen.

Der Schwede stellte auch die Versorgung seiner Schützlinge sicher, die in 32 »Schutzhäusern« Unterkunft fanden. Im November 1944 holte er zusammen mit Mitstreitern Hunderte aus den sogenannten Todesmärschen heraus. Die Berufung auf Wallenberg gegenüber dem Wehrmachtsgeneral Gerhard Schmidhuber soll auch die geplante Zerstörung des Großen Ghettos mit etwa 70.000 Insassen verhindert haben. Etwa 119.000 Juden überlebten die deutsche Besetzung in Budapest, Zigtausende von ihnen dank Raoul Wallenberg.

moskau Raoul Wallenberg wurde vor 100 Jahren, am 4. August 1912, in Kappsta bei Stockholm geboren. Schweden hat 2012 deshalb offiziell zum »Wallenbergjahr« deklariert. Im Vorfeld erklärte Außenminister Carl Bildt, als Schwede könne man stolz sein auf das, was Wallenberg für andere tat. Aber man müsse auch beschämt darüber sein, was nicht für ihn getan wurde.

Anfang 1945 eroberte die Rote Armee Budapest. Schweden hatte Moskau zuvor um Beistand für sein Gesandtschaftspersonal gebeten. Wallenberg hatte selbst Kontakt zur sowjetischen Seite aufgenommen. Er wollte ein neues Hilfsprojekt präsentieren, das unter anderem die materielle Existenzgrundlage der geretteten Juden sichern sollte. Am 16. Januar meldeten die Sowjets die »Inschutzstellung« Wallenbergs an Schweden. Seine Mutter wurde wenig später von der sowjetischen Botschafterin in Stockholm, Alexandra Kollontai, informiert, dass ihr Sohn in Russland in Sicherheit sei.

Was dann folgte, war ein unglaubliches Verwirrspiel, geprägt von Desinformationen und Unwahrheiten. Auch Schweden verhielt sich seltsam. Sein Botschafter in Moskau, Staffan Söderblom, regte Ende 1945 an, die Sowjets mögen erklären, Raoul Wallenberg sei tot. Dies wäre besser für seine Mutter, die ihre Kraft für eine fruchtlose Suche verschwende. Das schwedische Außenministerium gab im März 1946 auf Anfrage die Auskunft, Wallenberg sei seit dem 17. Januar 1945 verschwunden und wahrscheinlich nicht mehr am Leben. Den traurigen Höhepunkt der schwedischen Versäumnisse markierte eine Audienz des Botschafters bei Stalin am 15. Juni 1946. Söderblom äußerte dabei seine Überzeugung, Wallenberg sei einem Unglück oder Räubern zum Opfer gefallen. Das Gespräch, für das Stalin eine Stunde reserviert hatte, dauerte nur fünf Minuten.

»gefangener Nr. 7« Doch Raoul Wallenberg war zu diesem Zeitpunkt nicht tot. Er war von Budapest nach Mokau gebracht worden, zunächst in das Lubjanka‐Gefängnis des sowjetischen Geheimdienstes NKWD, Ende Mai 1946 dann für einige Monate in das Gefängnis Lefortowo. Sein erst fünftes Verhör fand im März 1947 wieder in der Lubjanka statt. Im Vorfeld des Gesprächs von Söderblom mit Stalin hatten die Sowjets offenbar Signale für einen Austausch des Judenretters gesetzt, unter anderem gegen eine minderjährige Sowjetbürgerin, die sich in Schweden aufhielt. Die Schweiz hatte zwei ihrer aus Budapest verschleppten Diplomaten im Januar 1946 durch solch einen Handel freibekommen. Sie waren wie Wallenberg auf Befehl des Vizeverteidigungsministers Nikolaj Bulganin vom 17. Januar 1945 nach Moskau verbracht worden.

Bis Februar 1957 leugnete Moskau dennoch offiziell die Gefangennahme. Dann behauptete man, Wallenberg sei vermutlich am 17. Juli 1947 in der Lubjanka an einem Herzinfarkt gestorben. Im Jahr 1964 wurde sowjetischerseits verlautbart, an diesem Todesdatum bestünden keine Zweifel. An dieser Version hielt man auch nach Glasnost und der Übergabe angeblich zufällig gefundener persönlicher Gegenstände Wallenbergs im Jahr 1989 fest. Das Todesdatum 1947 findet sich auch in der russischen Rehabilitierungsurkunde von Ende 2000. Eine langjährige schwedisch‐russische Kommission legte 2001 ihre Abschlussberichte vor, ohne ein gemeinsames Ergebnis gefunden zu haben.

Umso spektakulärer mutet die Nachricht an, welche die unabhängigen Wallenberg‐Forscher Susanne Berger und Vadim Birstein im März 2010 verkündeten. Archivare des heutigen russischen Geheimdienstes FSB hatten ihnen im November zuvor mitgeteilt, Wallenberg sei mit großer Wahrscheinlichkeit im Jahr 1947 zum »Gefangenen Nr. 7« in der Lubjanka gemacht und dort am 22. und 23. Juli 1947 verhört worden. Damit rückte die russische Seite erstmals vorsichtig vom bis dahin angegebenen angeblichen Todesdatum ab.

spekulationen Sollte damit eine Wende im Fall Wallenberg vorbereitet werden? Bisher hat sich diese Vermutung nicht bewahrheitet. Es gab weder eine offizielle Bestätigung, noch wurde eine andere Person als jener »Gefangene Nr. 7« benannt. Für die Behauptung des Historikers Peter Steinbach in der letzten Ausgabe der deutschen Vierteljahreszeitschrift »Tribüne«, es sei absolut sicher, dass Wallenberg nicht 1947 gestorben sei, gibt es aber keine Grundlage. Ebenso wenig für Steinbachs These, Raoul Wallenberg habe noch »viele Jahre in sowjetischen Gefängnissen und Lagern vegetiert« und sei dann einen »langsamen, qualvollen, einsamen Tod« gestorben. Auch die jüngst aufgeworfene Theorie des Autors einer neuen schwedischen Wallenberg‐Biografie, Bengt Jangfeldt, Wallenberg sei 1945 vielleicht wegen einer großen Menge im Benzintank seines Autos versteckter Wertsachen verhaftet worden, erscheint wenig plausibel. Bereits 1948 hatte Jenö Levai in seinem in Ungarn erschienenen Wallenberg‐Buch mit dieser Version sowjetfreundlich nahelegen wollen, dass Wallenberg in Ungarn Räubern zum Opfer gefallen und nicht nach Moskau verschleppt worden sei.

Den wohl wichtigsten Hinweis auf ein Weiterleben Wallenbergs nach 1947 bildet die Aussage der schwedischen Professorin Nanna Svartz. Am Rande eines Medizinerkongresses in Moskau 1961 habe der russische Kollege Alexander Mjasnikow ihr mitgeteilt, Wallenberg befände sich in einer psychiatrischen Klinik (»Mentalkrankenhaus«). Zu dem Gespräch sei ein weiterer sowjetischer Mediziner, Professor Karl Juli Danischewskij, hinzugezogen worden. Nachdem Schweden daraufhin aktiv wurde, stritt Mjasnikow – auf höchste Weisung – alles ab. Schweden konnte immerhin 1965 ein weiteres Gespräch zwischen Svartz und Mjasnikow arrangieren, das aber ergebnislos blieb. Weshalb Danischewskij diesmal nicht einbezogen wurde, ist unklar.

ungeklärt Sollte Schweden wiederum nur halbherziges Interesse an einer Aufklärung des Falls Raoul Wallenberg gehabt haben? Es existiert ein Dokument, wonach der schwedische Botschafter Gunnar Jarring am 26. Mai 1964 im Vorfeld eines Staatsbesuchs gegenüber dem sowjetischen Außenministerium zwar die Ankündigung einer neuen Untersuchung im Fall Wallenberg angeregt habe. Jarring soll aber auch geäußert haben, diese könne ja dieselben Ergebnisse wie die von 1957 ergeben. Je länger Wallenberg tatsächlich noch gelebt haben könnte, umso unbequemere Fragen stellen sich auch an Schweden. Vielleicht erklärt das, weshalb Jangfeldt in seinem 560‐seitigen Buch auf Svartz oder den »Gefangenen Nr. 7« nicht einmal eingeht.

Es sollte aber auch die Frage gestellt werden, ob Deutschland nicht mehr hätte unternehmen können. Bekanntlich hat zumindest Bundeskanzler Helmut Kohl mit Michail Gorbatschow über Wallenberg gesprochen. Der Bundesnachrichtendienst teilte 1999 auf Anfrage zu Wallenberg jedoch mit, er verfüge über keine Unterlagen oder Erkenntnisse.

Raoul Wallenbergs 100. Geburtstag am 4. August darf deshalb kein Anlass sein, die Nachforschungen nach dem Schicksal des Budapester Judenretters zu beenden. Nicht nur seine Halbschwester Nina Lagergren hat ein Anrecht darauf, dass Russland endlich eine vollständige Aufklärung liefert.

Der Autor ist Richter in Meiningen, Verfasser des Buchs »Raoul Wallenberg. So viele Menschen retten wie möglich« (C.H. Beck 1999, dtv 2002) und Kurator einer seit 1994 in Deutschland, Österreich und Ungarn gezeigten Wanderausstellung über Wallenberg, die zurzeit im Ständehaus Karlsruhe gastiert.

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