Rapmusik

Der unkaputtbare Kanye West?

Lobte Adolf Hitler: Skandal-Rapper Kanye West Foto: picture alliance / zz/Patricia Schlein/STAR MAX/IPx

Kanye West ist immer noch da. Am 9. Februar veröffentlichte der 47-jährige Rapper aus Chicago sein neues Album Vultures 1, führte damit in 160 Ländern die digitalen Charts an und dominierte sofort die Strea­ming-Anbieter. Ein herber Schlag für alle, die noch an Cancel Culture glauben. Mehr als ein Jahr zuvor, am 1. Dezember 2022, saß West in einem rechten Podcast und erzählte, Hitler sei ein großartiger Typ gewesen. Er liebe Nazis.

Es war der radikalste Ausfall in einer langen Kette an wirren, verschwörungstheoretischen, befremdlichen Aussagen. In der Musik- und Mode­industrie zog man die Reißleine, objektiv ist Kanye gecancelt – Adidas-Deal, Label-Deal, Infrastruktur: alles weg. Aber inwiefern kann man jemandem die Plattform nehmen, der sich selbst die größte Plattform ist? Die Konsumenten haben entschieden: Antisemitismus ist für sie kein großes Problem. 68 Millionen Menschen hören auf Spotify jeden Monat Kanye West.

Anomalien und Samthandschuhe

Wo auch immer Medien sich mit Vultures 1 auseinandersetzen, findet man gerade Anomalien. Sonst unkritische Portale ziehen die Samthandschuhe aus: Es hagelt lang verschollene 1/10-Bewertungen. YouTubes größter Musikkritiker Anthony Fantano veröffentlichte ein wütendes Nicht-Review-Video und sagt, das Album sei »solcher Müll, man könne es gar nicht besprechen«. Warum wird die Unterhaltungsindustrie West also trotzdem nicht los, obwohl er sich unmissverständlich ins Abseits geschossen hat?

Ein Grund dafür könnte die Lage der Rapmusik sein. Das Genre dominiert das erste Mal seit den 90er-Jahren weder Charts noch Zeitgeist. Vielversprechende Newcomer starben jung, Blockbuster-Alben der Etablierten floppten. Bei den Amis munkelt man, dem Genre gehe der Dampf aus – jüngst wurde Hip-Hop kommerziell links vom Country überholt. In Nummer-Eins-Hits, in Nummer-Eins-Alben, überall.

Dabei braucht die Szene aktuell Typen wie West. Zu seinen besten Zeiten war der Mann ein Innovationsmotor; seine Alben sind Happenings. So erklärt sich, warum andere Künstler ihn nicht abgesägt haben. Trotz aller Kontroversen kamen Rapper und Produzenten für Vultures 1 scharenweise zu West zurück. Sie hoffen, dass er die Magie noch einmal replizieren könne. Dann wären sie dabei, beim neuen, großen Ding.

Ist das Album das neue, große Ding? Die Wahrheit ist: Vultures ist durchwachsen, aber nicht furchtbar. Die Hoffnung, dass sich der Rapper nach dem sozialen Aus praktischerweise gleich noch künstlerisch abschreibt, wird nicht erfüllt. Stattdessen klammert sich Vultures an das, was die Szene sich von Motor West erhofft: Gospel-Chöre auf Techno, Genre-Wahnsinn, progressiver Hip-Hop-Maximalismus. Er hat ein Album gemacht, das in der Silhouette an seine Großtaten erinnert, aber nicht ganz an deren Fokus heranreicht.

Meinungsfreiheit und Deutungshoheit

Im Musikjournalismus streitet man sich gerade deshalb nicht über Meinungsfreiheit, sondern über Deutungshoheit. Die Zeiten, in denen Pressestimmen über den Erfolg einer Platte entschieden, sind lange vorbei. Wenn Leute Kanye hören wollen, kann niemand sie hindern, auch wenn Journalisten sich auf den Kopf stellen.

Stattdessen versucht man, seine Kunst über-korrigierend »schlechtzuschreiben«. Aber dadurch wirkt Kanye West nur noch skandalumwitterter. Die effektivste Taktik scheint ihm den Skandal nicht zu gönnen. Ihn als Gefahr zu identifizieren, aber Vultures als das zu behandeln, was es ist: solide, nicht weltbewegende Reste der Karriere eines alternden, langsam aus der Zeit fallenden Künstlers, der seine Sternstunden hinter sich hat. Deswegen braucht Kanye West ja jeden Skandal, damit seine Musik noch wie das Happening aussieht, das sie längst nicht mehr ist.

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