Roman

Der Schuster und die Chonte

Stadt der Masken und der falschen Identitäten: Karneval in Rio um 1930 Foto: Ullstein

Roman

Der Schuster und die Chonte

Ronaldo Wrobel erzählt aus dem jüdischen Rio de Janeiro der 30er-Jahre

von Günter Keil  04.06.2013 14:09 Uhr

Brasilianische Literatur ist derzeit angesagt. Der lateinamerikanische Staat wird Gastland der Frankfurter Buchmesse im Oktober sein. Und weil viele Verlage nicht bis zum Herbst warten wollen, um ihre brasilianischen Trouvaillen auf den Markt zu bringen, erscheinen die ersten, ins Deutsche übersetzen Bücher von dort bereits jetzt. So auch Hannahs Briefe von Ronaldo Wrobel bei Aufbau.

Die Hauptfigur, ein junger polnischer Jude namens Max Goldmann, wandert 1928 nach Brasilien aus, ändert seinen Namen in Max Kutner und arbeitet in Rios jüdischem Viertel um die Praça Onze als Schumacher. Wie die meisten anderen Immigranten kommt er aus dem Staunen nicht heraus über die Stadt, deren Winter wärmer ist als der Sommer in Kattowitz, Max’ Heimat: »Die Juden sahen sich in eine Welt hineingepfropft, in der Mulatten Jiddisch radebrechten und Politiker Lose der Tierlotterie kauften. Ein bunter Abend in der Kneipe vermischte sich mit den Gebeten der Synagoge im Stockwerk drüber.«

geheimpolizei Einmal bittet ein junges Mädchen Max um eine Spende für die Gründung eines jüdischen Staates. Sie schwärmt ihm von der Einwanderung Hunderttausender Juden nach Palästina vor. Max weist sie zurück: »Was für ein idiotischer Traum!« Das Mädchen fragt Max, ob er wenigstens selbst einen Traum habe. »Schuhe reparieren«, lautet die Antwort. Politik interessiert den Schuhmacher nicht, auch der Glaube lässt ihn eher kalt. Was er nicht ahnt: Schon bald wird sich das ändern.

Seit 1930 herrscht in Brasilien Getulio Vargas, ein Antisemit und Hitlerverehrer. Das Vargas-Regime fürchtet sich vor einer kommunistischen Revolution. Und der Diktator fürchtet sich vor den Juden, die in seinem paranoiden Weltbild die eigentliche Macht hinter den Roten sind. Also werden osteuropäische jüdische Immigranten systematisch ausspioniert. Vargas’ Geheimpolizei überwacht ihre Korrespondenz und zwingt Max, die Jiddisch geschriebenen Briefe suspekter Einwanderer zu übersetzen und auf eventuelle verschlüsselte Botschaften zu untersuchen.

Der unangenehme Job nimmt eine unerwartete Wendung, als Max die Briefe einer gewissen Hannah liest. Der Schuhmacher verliebt sich blind in die junge Frau und setzt alles daran, die unbekannte Schreiberin kennenzulernen. Doch als er sie endlich in Fleisch und Blut trifft, ist Max geschockt: Hannah arbeitet als Edel-Prostituierte.

jiddisch »Oj, main Got!«, denkt Max Kutner. (Wrobel lässt seine Charaktere immer wieder Jiddisch sprechen, um so die Leser an das Milieu, das er beschreibt, näher heranzuführen.) In seiner Verzweiflung sucht er Hilfe im Glauben, besucht den Großen Israelitischen Tempel, der mit seinen bunten Fenstern der ganze Stolz der Juden von Rio ist. Ein älterer Mann liest ihm aus dem Talmud vor: »Kol Jisrael arevim ze laze. Jeder Jude ist für den anderen verantwortlich«.

Doch gilt das nun auch für Max und Hannah? »Baal Schem Tov hat gesagt, jeder Jude sei ein Buchstabe, jede Familie ein Wort, jede Gemeinde ein Satz. Schade nur, dass die Buchstaben in dieser Geschichte nicht immer derselben Grammatik gehorchten. Manchmal hatte Max den Eindruck, dass die Juden nicht das Volk des Buches, sondern vielmehr der Bücher waren, einer umfangreichen, zusammengewürfelten Bibliothek, in der in einem steht, was im anderen geleugnet wird.«

unruhe Max’ Leben gerät aus den Fugen. Er erfährt, dass Hannah nicht nur Prostituierte ist, sondern auch als Spionin arbeitet. Er hilft ihr, einen deutschen Waffenhändler zu enttarnen und sehnt sich doch ständig nach einem ganz normalen Leben mit seiner Liebsten. Aber Max lernt dabei auch, dass Unvorhergesehenes Gutes mit sich bringen kann: »Die jüdischen Synagogen etwa waren ja auch im Exil entstanden und nicht im Gelobten Land.«

Ronaldo Wrobel, dessen Großeltern aus Polen und Russland nach Brasilien kamen, wurde in Rio de Janeiro geboren. Der 45-Jährige ist kein großer Stilist, aber ein exzellenter Erzähler, der seine Leser mit virtuosen Wendungen und wunderbaren Zitaten und Anekdoten überrascht, wie der von Rabbi Sussja: Der wollte als junger Mann die Welt verändern, merkte jedoch, wie kompliziert das war. Daraufhin beschloss er, sich zunächst auf sein Land zu beschränken.

Aber auch diese Aufgabe erwies sich als zu schwer, ebenso seine Versuche, seine Stadt und seine Familie zu verändern. Auf dem Totenbett gesteht er einem Freund: »Inzwischen habe ich eingesehen, dass ich mich auf mich selbst konzentrieren sollte.« Hannahs Briefe ist ein kluges, charmantes Buch, eine ungewöhnliche Lovestory und eine Einführung in die hierzulande kaum bekannte Geschichte der brasilianischen Juden.

Ronaldo Wrobel: »Hannahs Briefe«. Übersetzt von Nicolai von Schweder-Schreiner. Aufbau, Berlin 2013, 330 S., 19,99 €

Analyse

Historiker: Dirigent von Karajan kein Hitler-Sympathisant

Opportunist oder Gesinnungsnazi? Das historische Bild des Dirigenten Herbert von Karajan leidet seit Längerem unter seiner NSDAP-Mitgliedschaft. Der Historiker Michael Wolffsohn will ihn nun von mehreren Vorwürfen freisprechen

von Johannes Peter Senk  13.02.2026

Berlinale-Film

Special Screening: David Cunio in Berlin erwartet

Das Kino Babylon zeigt vier Monate nach der Freilassung der israelischen Hamas-Geisel eine neue Fassung des Films »A Letter To David«

von Ayala Goldmann  12.02.2026

Meinung

Schuld und Sühne?

Martin Krauß irritiert der Umgang mancher Medien mit dem »Dschungelcamp«-König Gil Ofarim

von Martin Krauß  12.02.2026

Kulturkolumne

»Konti: Mission BRD«

Meine Bewältigung der Einwanderung nach Deutschland: Wie ich als Immigrant ein Brettspiel entwickelte

von Eugen El  12.02.2026

Hollywood

Rachel Weisz spielt in Neuauflage von »Die Mumie« mit

Beim dritten Teil hatte die Schauspielerin eine Mitwirkung abgelehnt, da sie das Drehbuch nicht überzeugt hatte. Auf den neuesten Film müssen Fans noch etwas warten

 12.02.2026

Erfurt

Jüdische Kulturtage mit mehr Sichtbarkeit in Israel

Dank eines gewachsenen Netzwerks erwarten die Organisatoren von Thüringens größtem jüdischen Festival zahlreiche Künstler aus Israel

 12.02.2026

Filmfestspiele

Was die Berlinale diesmal bietet

Wieder läuft keine israelische Produktion im Wettbewerb. Dafür finden sich viele jüdische und israelische Perspektiven im gesamten Programm

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026

Berlinale

»Wir wollen die Komplexität aushalten«

Wenn die Welt um einen herum verrücktspielt, helfen nur Offenheit und Dialog, sagt Festivalchefin Tricia Tuttle

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026

Meinung

Oliver Pochers geschmacklose Witze über Gil Ofarim

Der Comedian verkleidet sich auf Instagram als Ofarim und reißt Witzchen über die Schoa. Während echte Komiker Humor stets als ein Mittel nutzen, um sich mit den Schrecken und Abgründen dieses Verbrechens auseinanderzusetzen, tritt Pocher nur nach unten

von Ralf Balke  11.02.2026