Abi Ofarim

Der sanfte Rebell

Abi Ofarim (1937–2018) Foto: Christian Rudnik

Er liebte das pralle Leben, und er hat es in vollen Zügen ausgekostet, bis zuletzt. Ein Leben der Höhenflüge und Abstürze, der Blitzlichtgewitter und Schattenerfahrungen. 1937 als Abraham Reichstadt in Palästina geboren, wusste Abi Ofarim früh, wohin es ihn zog: auf die Bühne. Ein Multitalent trat da an, Sänger, Songschreiber, Tänzer, Choreograf, Musikproduzent.

Seine Karriere startete in Israel, doch es war ausgerechnet Deutschland, das Land der Täter, wo er eine neue Heimat fand – und wo er Furore machte, gerade einmal 15 Jahre nach der Schoa. Ein Phänomen, das nicht jedem gefiel. »Wir waren Nummer eins auf der Chartlist der BBC, überall konnte man uns hören, auch in Jordanien, im Libanon«, erinnerte er sich vor einigen Jahren im Interview mit der Jüdischen Allgemeinen. »Aber Israel hat uns nicht gespielt. Unser Erfolg in Deutschland passte manchen Leuten mit der Nummer auf dem Arm nicht. Und ich muss sagen, ich verstehe das.«

safed Viel weniger von Interesse für die Schlagerwelt war Ofarims Familiengeschichte: Da war der Großvater aus Österreich, der Vater, der früh verstarb, da war die »sehr, sehr geliebte Mutter«, und da war also auch irgendwann der kleine Abraham Reichstadt aus Safed, aus dem einmal der große Abi Ofarim werden sollte. »Ich bin älter als mein Land«, witzelte Ofarim manchmal, sein Land Israel, das er liebte und das er auf seine Art und Weise verteidigt hat.

Das deutsche Publikum liebte ihn und seine Frau Esther. Etwas märchenhaft Magisches ging von diesem Künstlerpaar aus, von Abi, dessen virile Ausstrahlung an Elvis Presley erinnerte, und von Esther, deren exotischer Kleopatra-Look ebenso faszinierte wie die glockenhelle Stimme. Spätestens seit ihrem Welthit »Cinderella Rockefella«, der 1959 an der Spitze der internationalen Charts stand, kannte jeder das charismatische Duo.

Zu dieser Zeit nannte sich Abraham bereits Ofarim, das hebräische Wort für Rehkitz. »Wir haben an der Brücke Israel–Deutschland, Deutschland–Israel mitgebaut«, stellte er rückblickend fest. Das sei ganz bewusst geschehen, auch durch Songs in hebräischer Sprache.

Sex Nicht, dass das seine Hauptmotivation gewesen wäre: »Ich stelle mich nicht hin und sage, ach, wie toll ist Israel. Aber ich singe hebräische Lieder, die von Herz zu Herz gehen. Ich bin Künstler und kein Politiker.« Und sie hielt, diese Brücke. Mit gefühlvollen Schlagern und smarten Chansons eroberte er sich einen festen Platz in der deutschen wie auch der internationalen Musikszene.

Privat ging es eher zu wie bei einem rebellischen Rockstar. Der Mythos von Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll war bei ihm mehr als eine publikumswirksame Attitüde. Ganz oben und ganz unten, immer wieder raste er auf dieser Achterbahn. Freimütig hat er darüber gesprochen und geschrieben, unter anderem in seiner 2010 veröffentlichten Autobiografie Licht und Schatten und in Der Preis der wilden Jahre (1985).

Abi Ofarims Biografie liest sich wie eine Parabel auf den Preis des Erfolgs. Höher, weiter, schneller. Noch mehr Intensität, noch mehr Leidenschaft, und das alles unter den Augen der Öffentlichkeit. Ganz gleich, ob er eine Liaison mit Iris Berben hatte oder wegen Steuerfahndungen im Blickpunkt stand, die Leute interessierten sich für diesen Ausnahmekünstler. Ein permanenter Druck, dem nicht jeder standhält.

Exzesse Much too much hieß das Album, mit dem er 1982 ein Comeback feierte, nach der Scheidung von seiner Frau, nach Drogenexzessen und längeren Krankheiten. Es muss ihn ungeheure Energie gekostet haben, immer wieder aufzustehen, wenn er gestrauchelt war, immer wieder Halt zu finden, wenn er ins Bodenlose abzusinken schien.

Zwei Söhne wurden geboren, Gil und Tal, »das größte Geschenk des Schicksals«, wie er bekannte. Eine wichtige Erdung. So wie auch sein Judentum zunehmend wichtig für Abi Ofarim wurde. Er bete jeden Abend vor dem Schlafengehen, erzählte er vor wenigen Jahren. In München hat man ihn ab und zu während der Hohen Feiertage am Jakobsplatz in der Synagoge sehen können. Seine Jungs hatten in München die jüdische Grundschule besucht. »Israel ist meine Heimat und München mein Zuhause«, hat Ofarim öfters erklärt.

Wer Abi Ofarim kannte, und wenn auch nur flüchtig, registrierte hinter dem Mann – der bis ins Alter auf rockige Accessoires setzte und seine samsonhafte wilde Mähne gerne nach hinten warf – ein großes Herz, ein ewiges Kind. Man erkannte in ihm rasch einen, der auf sehr direktem Weg das Gute wollte, man sah einen Gezähmten, der mit allen noch Ungezähmten oder Schwachen mitfühlte.

Sozial Auch deswegen gründete er 2013 eine Stiftung, die sich für alte Menschen engagiert: »Kinder von gestern«, mit Sitz in München, die der Einsamkeit im Alter entgegenwirken will, unter anderem mit einem Jugendzentrum für Senioren. »Ich bin ein ewiges Kind«, sagte er einmal.

War sein soziales Engagement ein geheimer Spiegel seiner Ängste? Die Frage danach, was bleibt, wenn der Ruhm verblasst und man auf sich selbst zurückgeworfen ist.

»Du kannst alles schaffen, wenn du es nur willst«, lautete Abi Ofarims Credo. Dafür musste er kämpfen, zuletzt auch gegen eine schwere Krankheit. Mit 80 Jahren hat er diesen letzten Kampf nun verloren, trotz seines eisernen Willens, trotz der Unterstützung durch Familie, Freunde und seine Lebensgefährtin Kirsten Schmidt.

Was bleibt, außer den 59 Goldenen Schallplatten? Die Erinnerung an einen Künstler, der ein Brückenbauer war, auf der Bühne wie im Leben.

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