Literaturnobelpreis

Der Rimbaud der Rockmusik

Für die einen ist er der »Brecht der Jukebox« oder der »Homer in Jeans«. Für die anderen einfach nur Bob Dylan Foto: dpa/Giovanni Giovannetti/effigy

Yipee! Ich bin ein Poet und ich weiß es», jubelte Bob Dylan bereits 1964 in dem Song «I shall be free No. 10». Was der Sänger damals noch als 23-jähriger Heißsporn nicht ganz ernst meinte, hat der heute 75-Jährige nun schriftlich: Die Schwedische Akademie in Stockholm sprach ihm am Donnerstag mit dem Literaturnobelpreis die höchste Literaturehrung zu. Die Akademie würdigte damit Dylans «poetische Neuschöpfungen in der amerikanischen Gesangstradition». Sein Einfluss auf die zeitgenössische Musik sei tiefgreifend. «Seine Lyrik», urteilte das Magazin «Time» einmal, sei «ein kunstvolles Chaos», das klinge, «als sänge Rimbaud Rock’n’Roll».

Elvis habe den Körper befreit, Bob Dylan den Geist, würdigte ihn der Musikerkollege Bruce Springsteen. Dylan sei es zu verdanken, dass aus den simplen Liebesliedern in der Pop und Rockmusik der 60er-Jahre komplexe surrealistische Dichtkunst wurde. Die Platten Dylans, die die Beatles rauf und runter hörten, eröffneten John Lennon einen neuen Zugang zur Arbeit an seinen eigenen Songs, ist der Lennon-Biograf Philip Norman überzeugt.

Allen Ginsberg Dylan ist der erste Musiker, dem die höchste Literaturehrung zuerkannt wird. Seit mehr als 20 Jahren wurde er immer wieder als Anwärter für den Nobelpreis gehandelt. So setzte sich eine von den Schriftstellern John Bauldie und Allen Ginsberg geleitete Kampagne bereits 1996 für eine Nominierung ein.

Auch der amerikanische Literaturprofessor Gordon Ball machte sich Ende der 90er-Jahre für Dylan als Preisträger stark. Seine «inspirierte, kraftvolle Lyrik» sei vergleichbar mit der von William Butler Yeats, dem Nobelpreisträger von 1923. Mit seinem 1963 veröffentlichen Protestsong «Masters of War» habe Dylan eine der eindringlichsten Anklageschriften der amerikanischen Literatur verfasst.

Für seine «lyrischen Kompositionen von außerordentlicher poetischer Ausdruckskraft» erhielt der Musiker im Jahr 2008 bereits den Pulitzer-Preis. Für sein Lebenswerk wurde er im Jahr 1991 mit einem Grammy ausgezeichnet. Das Musikmagazin «Rolling Stone» kürte sein sechsminütiges «Like A Rolling Stone» unter 500 Stücken zum «Größten Song aller Zeiten». Dylan gilt als großer Erneuerer der Rockmusik. Der als Folk- und Protestsänger gestartete Musiker beschritt immer wieder neue Wege.

Literatur und Dichtkunst spielten schon immer eine große Rolle in dem über 50-jährigen Lebenswerk Dylans, der am 24. Mai 1941 in Duluth/Minnesota als Robert Allen Zimmerman geboren wurde. In der nahen Kleinstadt Hibbing verbrachte er eine normale jüdische Mittelschichtsjugend: viel introvertierte Sinnsuche, vor allem im riesigen Schatz der amerikanischen Folkmusik und ein bisschen Rock ’n’ Roll.

1960 floh Robert Allen Zimmerman aus seinem jüdischen Minnesota ins weltliche New York. Bis zum heutigen Tag will er nicht nur seinen geografischen, sondern auch seinen religiösen Wurzeln entkommen. Natürlich gelingt ihm das nicht. Denn, wie es seine Tante Ethel Crystal formuliert: «Er denkt jüdisch, sehr jüdisch. Er wurde ja so erzogen.»

Rock ’n’ Roll Als literarische Einflüsse nennt Dylan den französischen Dichter Arthur Rimbaud, den deutschen Dramatiker Bertolt Brecht und den Beat-Dichter Jack Kerouac. Sein Künstlername ist wohl eine Verneigung vor dem walisischen Dichter Dylan Thomas.

Aber auch die Bibel und die Tora werden von Dylan bis heute kreativ als Steinbruch genutzt. «Mann, nicht die Melodien sind wichtig, es sind die Texte, die Melodien sind mir schnuppe», erklärte der junge Dylan bereits im Jahr 1963. Wenn man weglasse, was sonst noch zum Song gehöre – den Rhythmus, die Melodie –, könne er den Text immer noch aufsagen. Seine frühen Stücke «Blowin’ in the Wind» und «The Times They Are a-Changin» wurden zu Hymnen der Antikriegs- und Bürgerrechtsbewegung.

Dylans 2004 erschienenes Buch «Chronicles Volume 1», der erste Band einer auf mehre Bände ausgelegten Autobiografie, wurde auch in Literaturkreisen wohlwollend aufgenommen. 1971 hatte der Sänger bereits das Prosawerk «Tarantula» veröffentlicht, eine unzusammenhängende Ansammlung surrealistischer Texte.

Schon als der 20-jährige pausbäckige Junge vom Lande Anfang der 60er-Jahre mit seiner Gitarre durch die Kaffeehäuser des New Yorker Künstlerviertels Greenwich Village zog, sprach sich sein Talent schnell herum. Robert Shelton von der New York Times hielt Dylan im Jahr 1963 für «die wichtigste Dichterstimme unserer Zeit». «Der kleine struwwelige Typ», so ein zeitgenössischer Literat, habe Dichtung auf die Straße gebracht. Andere Medien berichteten über ihn als «Brecht der Jukebox» oder einem «Homer in Jeans». «Wenn Walt Whitman heute lebte», so ein Kritiker, «würde auch er eine elektrische Gitarre spielen.»

Glaubt man Dylan, so ist die literarische Qualität seiner Songs eine Notwendigkeit gewesen. «Man schreibt nicht Songs, wie ich sie schreibe, wenn man ein normaler Songwriter ist», sagte er vor einigen Jahren in einem Interview mit dem «Rolling Stone». Er sei einfach gezwungen gewesen, Musik auf ein neues Level zu bringen. «Man muss ständig neu erfinden und neu formulieren, weil sich alles um einen herum verändert.» (mit ja)

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